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„Wir sind nicht die Gejagten“

Kanurennen „Wir sind nicht die Gejagten“

Große Herausforderung 1000 Meter: Die Leipziger Weltklasse-Kanuten Robert Nuck und Stefan Holtz kämpfen um das Olympia-Ticket, wie sie im Interview mit LVZ.de schildern.

Rennkanuten Stefab Holtz und Robert Nuck aus Leipzig

Quelle: dpa

Leipzig. Sie gehören mit 23 gemeinsamen internationalen Medaillen zu den erfolgreichsten deutschen Kanurennsportlern. Weil ihre Top-Disziplin 500 Meter aus dem Olympiaprogramm geflogen ist, haben sich Bundespolizist und Familienvater Robert Nuck (32) sowie Sachbearbeiter Stefan Holtz (34) vom SC DHfK ihren olympischen Traum bislang nicht erfüllen können. Doch Rio 2016 haben sie fest im Blick: Nach diversen Ausflügen in den Sprint greifen die Routiniers mit Trainer Gunar Kirchbach auf dem harten 1000-Meter-Kanten an. Im LVZ-Interview sprechen die Zweiercanadier über das harte Training, ihr Idealgewicht und die schwierige Sponsorensuche.

Wie läuft euer Countdown für die Rio-Qualifikation?

Robert Nuck: Gut. Ich habe seit der WM Ende August fast durchtrainiert. Ich war nur eine Woche mit der Familie in der Toskana, um mal Luft ranzulassen. Da habe ich mal abgeschaltet, Wein getrunken, viel gegessen. Das tat gut. Es ist die dritte Olympia-Vorbereitung für uns, wir standen beide schon mal kurz davor. Wir wissen, worauf es ankommt.

Stefan Holtz: Im September war ich viel unterwegs, bin gelaufen, war beim Krafttraining. Auf dem Wasser ziehe ich seit sechs Wochen wieder durch.

Was spricht für die 1000 Meter?

Nuck: Ich liege Holtzi schon ewig damit in den Ohren, habe schon im Sommer zu ihm gesagt: Guck doch mal an, was wir im Training können, da steckt Potenzial dahinter, daraus können wir was zaubern. 200 Meter sind Glückssache. Die Wahrscheinlichkeit ist minimal, da der DKV auch keinen Quotenplatz hat. Über 1000 Meter bekommen wir im C2 den Quotenplatz zu 95 Prozent zugesprochen, weil Ozeanien wohl verzichtet.

Holtz: Für mich fiel die Entscheidung, nachdem uns die Nominierungskriterien verlesen wurden, dass bei beiden Quali-Wochenenden im April die Zweier-Rennen über 1000 Meter zuerst stattfinden und wir uns nicht erst über die Einerleistung für den Zweier empfehlen müssen.

Nuck: Das ist wie bei Gilli und Tomek (Christian Gille und Tomasz Wylenzek). Beide lagen in der Einerleistung zwischen Platz fünf und sieben, aber die Zweierleistung sprach 2004 und 2008 klar für die beiden.

Holtz: Im Idealfall könnten wir beim ersten Weltcup Ende Mai den Sack zumachen. Dann könnte man noch mal Luft holen vor Olympia. Man kann nicht permanent am Limit paddeln.

Nuck: Es ist unglaublich, wie die Zeit rast. In ein paar Wochen sitzen wir schon wieder unterm Tannenbaum.

Holtz: Das liegt wohl am Alter. Die Unterrichtsstunden vergingen früher viel zu langsam. Mittlerweile ist der Tag total ausgefüllt mit Training, Arbeiten, Training.

Was spricht für euch?

Nuck: Dass wir ein Vereins-Zweier sind und im Heimtraining das Boot richtig einfahren können. Wir haben die Unterstützung vom Verband, haben freie Hand.

Was bedeutet das?

Nuck: Wir bleiben in der Vorbereitung in Europa, andere Zweier fliegen nach Florida, wir trainieren im Februar und März in Italien. Wir spüren einen Vertrauenszuspruch, dass wir unseren Weg gehen. Wir sind über 30. Mit 23 brauchten wir ein anderes Training als jetzt.

Das heißt: Es gibt euch im C2 nur zusammen oder gar nicht?

Holtz: Genau. Wenn nicht höhere Kräfte wirken wie Verletzungen, die wir nicht beeinflussen können.

Wie schwer fällt die Umstellung von den kürzeren Strecken auf die 1000 Meter?

Nuck: Reden ist das eine, aber die Strecke muss man auch mal wieder gefühlt haben. Sicher sind 1000 Meter hart, aber ich habe bei den deutschen Meisterschaften gespürt: Ich kriege das hin.

Holtz: Wir sind bei den Deutschen Meisterschaften Mixed-C4 über 1000 gefahren. Wir waren schnell, aber diese Belastung war extrem, im ersten Moment habe ich mir gesagt: Ich will das nicht mehr. Das Gefühl dieser Intensität hatte ich schon lange nicht mehr gespürt.

Welche positiven Erinnerungen habt ihr?

Nuck: Mich motiviert Stefans Weltmeistertitel von 2011im C2 total.

Holtz: 2012 war es ja auch nicht verkehrt, nur dass Tomek und ich gegen die späteren Olympiasieger den Kürzeren gezogen haben, was schade ist, aber das bringt der Sport halt mit sich. 2006 sind Robert und ich beim Weltcup mal Dritter geworden über 1000, was auch nicht verkehrt ist. Also das Potenzial ist da. Jetzt haben wir ja noch sechs Monate Zeit.

Muss man so was nicht länger vorbereiten?

Holtz: Wir haben ja nie aufgehört. Bis Frühjahr 2013 bin ich 1000 Meter gefahren, danach meist 500. Wir müssen über den Punkt hinaus, wir müssen die Geschwindigkeit länger halten und uns länger quälen können.

Nuck: Ich merke durch das 200-Meter-Training der letzten drei Jahre, dass ich eine ganz andere Bereitschaft habe für die längeren Strecken durch den Reizwechsel. Das ist eine tolle Herausforderung, ich bin wacher, aktiver. Ich bin erstaunt, wie schnell sich der Körper erinnert, wie schnell in der Ausdauer über 10, 12 Kilometer die Leistung wieder da ist.

Der Chef-Bundestrainer meint: 1000 Meter sind Kopfsache!

Holtz: Das stimmt. Wir sind auf jeden Fall nicht die Gejagten. Das war ich 2012 als Weltmeister mit Tomek. Seit Jahren starten immer wieder völlig verschiedene Zweier für den DKV, aber keiner konnte sich auf Dauer durchsetzen. Nun sind wir die große Unbekannte. Alle wissen, dass wir eine schnelle 500 fahren können. Und wir sind die Routiniertesten.

Nuck: Die C2-Leistung des DKV war in den letzten drei Jahren über 1000 Meter nicht das Gelbe vom Ei, da muss man mal ehrlich sein. Unsere Wand ist voller WM-Medaillen. Ich mache mir gar keine großen Gedanken. Ich gehe davon aus, dass es klappt.

Skeptiker sagen: Die Muskelpakete von Stefan Holtz sind für 1000 Meter nicht geschaffen, die werden hinten raus quasi sauer.

Nuck: Da wehre ich mich dagegen. Das sind Sprüche ohne Substanz.

Holtz: Am Ende sind es 3:30 Minuten. Wenn du drei Minuten schaffst, schaffst du auch irgendwie 3:30.

Nuck: Holtzi sieht sein Leben lang so muskulös aus, ich kenne ihn nicht anders.

Holtz: Ich bin seit 2011 schon fünf Kilo schwerer geworden. Mein Körperfettanteil hat sich von 7 auf knapp unter 10 erhöht, weil die ich aufgrund kürzerer Strecken weniger im Bereich der Fettverbrennung gepaddelt bin. Daran muss ich wieder arbeiten. Derzeit wiege ich 110 Kilo, 105 sind realistisch. Da will ich schrittweise hin. Nichts ist schlimmer, als von heute auf morgen viel abzunehmen, sich aber schlapp zu fühlen. Lieber immer nur ein Kilo verlieren und damit zwei Wochen arbeiten.

Wie lange hat es euch beschäftigt, als die 500 Meter aus dem Olympia-Programm gestrichen wurden?

Holtz: Das war unser Jahr, als 2009 die Entscheidung getroffen wurde. Das will man zunächst nicht wahrhaben. Das wäre unsere Strecke geblieben. Aber die Zeit verändert alles.

Nuck: Man muss damit umgehen, was dir vorgesetzt wird. Aber man denkt immer mal wieder darüber nach. Am Ende hat uns die Entscheidung vier erfolgreiche Jahre gekostet. Das wäre unsere Nummer geworden, definitiv. Das sind Entscheidungen von Funktionären, die nicht nah am Sport sind.

Holtz: Das IOC sagt: Ihr müsst etwas verändern, damit euer Sport attraktiver wird.

Nuck: Was wird denn daran attraktiver? Man muss sich mal wieder daran erinnern, worum es bei Olympia geht. Doch nicht um Show, Vermarktung und Kommerz. Es wird vergessen, dass es um Tradition geht und darum, dass es außer Fußball noch mehr Sport gibt. Du reißt dir jahrelang den Arsch auf und stehst bei Olympischen Spielen wenigstens mal eine Woche im Mittelpunkt. Zwei Wochen später spielt hier wieder RB und alles ist verpufft. Ich finde es krass, dass den traditionellen Sportarten in die Karre gefahren wird.

Ihr seid in dieser Saison nur B-Kader?

Holtz: Ja leider. Das hat der DOSB entschieden, weil wir 2015 in einer nichtolympischen Strecke gestartet sind.

Nuck: Ich habe lange gehofft, dass es mit dem A-Kader klappt. Da hängen 300 Euro Sporthilfe dran, das ist ein finanzieller Einschnitt. Ich bin Alleinverdiener einer vierköpfigen Familie. Die Olympiasport Leipzig GmbH und der SC DHfK unterstützen uns. Das sind aber Peanuts, das Geld verdampft, bevor es auf meinem Konto ankommt.

Habt ihr als Zweier einen Sponsor?

Nuck: Bisher nicht. Für uns spricht, dass wir solide sind, dass man sich auf uns verlassen kann, dass wir 23 EM- und WM-Medaillen gesammelt haben. Ich habe erst jetzt zu Holtzi gesagt: Es kann doch nicht sein, dass wir als Team nackig auf der Brust fahren.

Holtz: Bekannt wird man durchaus in der Stadt. Aber so lange du nicht nachfragst, kommt keiner wegen Sponsoring auf dich zu.

Nuck: Es ist komisch, als Sportler jemanden anzusprechen. Ich denke, das Herzblut für den Sport ist auch nicht so da.

Holtz: Ich war beim Opernball, da lernt man Leute kennen, da musst du aber erstmal den Kontakt herstellen, da werden keine Geschäfte gemacht. Zwei, drei Wochen später müsstest du bei einer anderen Veranstaltung mal über das Thema Sponsoring zu reden. Das geht nicht von heute auf morgen.

Nuck: Die Leute denken: Der ist Weltmeister, der ist abgesichert. Andere hätten längst aufgehört, aber ich liebe den Sport, ich will zu Olympia. Diese Leidenschaft verbindet Holtzi und mich.

Von Frank Schober

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