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DHfK-Keeper Vortmann: „Es gibt nur vier Ecken im Tor“

Interview DHfK-Keeper Vortmann: „Es gibt nur vier Ecken im Tor“

Eine Woche vor dem Pokal-Final-Four in Hamburg treten die Leipziger Handballer vom SC DHfK in der Bundesliga bei den Rhein Neckar Löwen an. Wir sprachen mit DHfK-Torwart Jens Vortmann (29) über die beiden bevorstehenden Aufgaben.

DHfK-Keeper Jens Vortmann ist hoch motiviert.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Der SC DHfK fordert den Meister: Eine Woche vor dem Pokal-Final-Four in Hamburg treten die Leipziger Handballer heute in der Bundesliga in Mannheim bei den Rhein Neckar Löwen an. Der Gastgeber ist klarer Favorit, hat aber nach dem Aus in der Champions League (24:26 gegen Kiel) nur 48 Stunden Zeit zur Erholung. Wir sprachen mit DHfK-Torwart Jens Vortmann (29) über die beiden bevorstehenden Aufgaben.

Milos Putera fehlt in Mannheim. Braucht man für den Hinterkopf den Kollegen auf der Bank, der auch dieses Top-Niveau hat?

Das ist immer gut, damit man nicht auf sich allein gestellt ist. Da geht es uns beiden ähnlich. Aber es ist jetzt keine ungewohnte Situation für mich, dass ich mal ohne den angestammten Torwartkollegen auskommen muss. Wichtig ist, dass er beim Final Four in Hamburg wieder dabei ist.

Welches Verhältnis haben Sie zu ihm?

Bisher hatte ich das Glück, dass ich mich mit jedem meiner Torhüter-Kollegen sehr gut verstanden habe. Das ist mit Milos nicht anders. Wir sind auf einer Wellenlänge und ergänzen uns. Bei Auswärtsfahrten sind wir auf einem Zimmer. Ich bin froh, dass es so gut funktioniert. Er ist ein vorbildlicher Profi, ich bin froh, ihn als Partner im Tor zu haben.

In Hamburg bildeten Sie mit Jogi Bitter ein Team. Was konnten Sie von ihm lernen?

Es war nur ein halbes Jahr, aber eine tolle Zeit, die ich nicht missen möchte. Jogi ist für mich einer der besten Torhüter überhaupt. Von der psychologischen Seite her konnte ich mir viel abgucken: Wie man an ein Spiel rangeht, wie man gewisse Phasen überbrücken kann und sich neu fokussiert. Negativerlebnisse sollte man im Spiel beiseiteschieben, sich am Positiven hochziehen. Das muss jeder für sich selbst herausfinden, eine Routine herausbilden. Das sind Sachen, die bringt einem kein Trainer bei.

Zuletzt wurden Sie zwischen zwei Länderspielen für Silvio Heinevetter für die Auswahl nachnominiert. War das problematisch?

Samstag Abend hatte mich Christian Prokop angerufen, ob ich nach Hamburg kommen kann. Da habe ich mich wenig später in Leipzig ins Auto gesetzt und bin hochgefahren. Es ist eine besondere Situation, wenn man zu einer Mannschaft kommt, die schon ein paar Tage zusammen ist. Aber die Jungs haben mich super aufgenommen.

Bedeutet dieser Anruf, dass Sie zu den vier besten deutschen Torhütern zählen?

Es gibt mit Sicherheit noch drei, vier andere, die diesen Anruf auch hätten bekommen können. Ich habe mich natürlich gefreut, dass Christian da an mich gedacht hat.

Ist das ein vordergründiges Ziel, in diesen Kreis reinzukommen?

Natürlich. Ich war regelmäßig dabei, als Martin Heuberger Bundestrainer war. Bei Dagur Sigurdsson wurde ich überhaupt nicht berücksichtigt. Wie das bei Christian ist, wird die Zeit zeigen. Ich bin jetzt Ende 20. Das ist auch nicht mehr das jüngste Alter, um in der Nationalmannschaft einzusteigen. Ich lasse das auf mich zukommen.

Was ist denn das beste Torwartalter?

Zwischen 30 und 34. Aber es gab mal einen guten Satz von einem Trainer: Wenn ich zwei gleichwertige Spieler habe, dann würde ich immer den jüngeren nehmen.

Hat Dagur Sigurdsson Ihnen mal mitgeteilt, wie er Sie einschätzt?

Gar nicht. Ich weiß, dass ich kein Einzelfall bin. Der Erfolg hat ihm recht gegeben. Ich bin ihm da auch nicht böse. Darüber habe ich mir nicht viele Gedanken gemacht.

Wie bereiten Sie sich auf die kommenden Top-Gegner vor – erst die Löwen, dann Kiel beim Final Four in Hamburg?

Natürlich schaue ich mir Videos an. Aber mittlerweile kennt man die meisten Spieler und deren Vorlieben. Da versuche ich das, was sich über die Jahre im Kopf angesammelt hat, mit dem Videomaterial abzugleichen, ob das stimmt oder ob es sich geändert hat. Da muss man die Balance finden. Denn im Spiel musst du immer noch frei entscheiden können und darauf reagieren, was du siehst. Das ist ein schmaler Grat.

Aber dass ihr Keeper euch die Wurfbilder anschaut, wissen doch auch die Spieler ...

Im Endeffekt gibt es nur vier Ecken im Tor. Das sind Automatismen, die sich über Jahrzehnte eingeprägt haben. Aber es gibt auch Spieler, die machen immer das Gleiche und es funktioniert.

Gegen Erlangen haben Sie drei Siebenmeter gehalten – Video oder Reaktion?

Sowohl als auch. Beim Siebenmeter gehört ein Quäntchen Glück dazu. Es gibt kein Rezept.

Schauen wir mal auf Kiel – an welchem Spieler könnten Sie verzweifeln?

Mit diesen Gedanken darf man nicht ins Spiel gehen. Kiel ist seit 20 Jahren in der Spitze dabei, das kann man nicht auf einzelne Spieler reduzieren.

Wie weh tun Bälle von Christian Zeitz?

Solange er nicht unbedingt ins Gesicht trifft, ist das okay.

Nehmen Sie vor dem Spiel Schmerztabletten?

Nein, das habe ich nie gemacht. Und ich habe bisher auch keinen kennengelernt, bei dem das so ist. Ich stehe seit ich sechs Jahre alt bin im Tor, damals kam der Ball von sechs Metern nicht zu mir, ohne, dass er zweimal aufgetippt ist. Die Bälle kommen nicht gleich mit 100 km/h geflogen. Das ist ein Entwicklungsprozess. Die Würfe sind härter geworden, man selbst ist mitgewachsen. Ich kann das gut verstehen, wenn jemand damit noch nichts am Hut hatte und sich fragt, wie kann man das freiwillig machen.

Muss man als Torwart etwas verrückt sein?

Das wird uns gern nachgesagt. Für mich persönlich teile ich diese Einschätzung allerdings nicht.

Ist Kiel noch die lösbarere Aufgabe im Final Four?

Wenn man so weit gekommen ist, ist das völlig egal. Natürlich hat Kiel nicht die Konstanz an den Tag gelegt, die man eigentlich von ihnen gewohnt war. Die Leistungen in der Champions League sprechen aber für sich. Die Top 3 des deutschen Handballs sind in Hamburg. Und wir sind glücklich, es in unserem zweiten Bundesliga-Jahr geschafft zu haben.

Ist es gut, schon eine Woche zuvor eine so harte Nuss wie die Löwen zu bekommen?

Das sind zwei komplett verschiedene Spiele. Bisher haben wir uns nicht mit Kiel befasst. Für uns ist jetzt Bundesliga. Ab Sonntag spielt das Final Four eine Rolle. Darauf freuen sich alle im Verein riesig.

Wahrscheinlich beschäftigen wir uns viel mehr damit ...

Das ist verständlich, bei den Fans ist das ähnlich. Wir würden uns nur ablenken. Als wir das Viertelfinale gewannen, war das bei uns in den Köpfen drin. Natürlich haben wir uns da tierisch drüber gefreut, wahrscheinlich den einen oder anderen Tag länger als sonst.

Zur Trainerdiskussion beim SC DHfK. Wird es Michael Biegler, André Haber oder doch der unbekannte Dritte?

Ich weiß nicht mehr als ihr. Bis 1. Juli muss es geklärt sein, es ist noch eine Menge Zeit. Bis zum Saisonende gibt es ja keinen Bedarf.

Sie kennen Michael Biegler und André Haber. Wie würden Sie beide beschreiben?

Ich kenne Beagle aus Hamburg, ein exzellenter Trainer und ein noch lieberer Mensch. Auch wenn das nach außen nicht den Anschein hat. Im Umgang mit der Mannschaft ist er sehr fair und kollegial und hat unglaublich viel Erfahrung. Das wäre auf jeden Fall eine super Verpflichtung, wenn es soweit käme. Gleichzeitig muss ich aber sagen, dass ich das André auch zu 100 Prozent zutraue. Er kennt das System, er hat mehrere Jahre im Nachwuchs hervorragende Arbeit geleistet, ist als Co-Trainer bei uns mit dabei, ist anerkannt. Wenn es ein anderer wird, vertraue ich dem Verein. Darüber mache ich mir keine Gedanken.

Wie hat Biegler in Hamburg reagiert, als es finanziell schlecht lief?

Er hat uns Hilfestellung angeboten, jeder, der was auf dem Herzen hatte, konnte zu ihm kommen. Das wurde ihm hoch angerechnet. Das war eine Situation, die wünscht man keinem. Ich war gerade ein halbes Jahr dort, da ist man da geplättet und enttäuscht. Sehr glücklich war ich über den Anruf von Karsten Günther. Heute weiß ich, es war die richtige Entscheidung.

Wie schnell haben Sie sich eingelebt?

Ich bin super aufgenommen worden. Ich bin mit meiner Freundin nach Leipzig gekommen, wir haben das neue Abenteuer hier zusammen gestartet.

Wie wichtig ist ein Torwarttrainer?

Spezielles Torwarttraining ist wichtig. Ich hatte Vereine, die Torwarttrainer hatten, andere nicht. Hier macht das Christian – und er hat wirklich viel Ahnung davon, er bringt uns voran. Ähnlich wie in Hamburg, Biegler war auch sehr fit auf dem Gebiet. Beide machen das schon sehr, sehr gut.

Wie erklären Sie sich, dass einer, der nie im Tor stand, Ihnen etwas beibringen kann?

Der Komplex fällt in der Trainerausbildung manchmal schon hinten runter. Christian und Beagle haben sich damit sehr viel und intensiv beschäftigt.

Sie sind Brillenträger. Gab es da im Spiel mal Probleme mit den Kontaktlinsen?

Ein einziges Mal ist mir mal eine rausgeflogen – das war in der Jugend.

Und dann?

Da habe ich dem Schiri gesagt, er soll kurz das Spiel anhalten. Dann habe ich sie gesucht, gefunden und mir mit harzverklebten Fingern wieder eingesetzt.

Von Frank Schober, Matthias Roth, Alexander Bley

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