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DHfK-Torwart wird in Paris zum Journalisten

Europapokalsieg 1966 DHfK-Torwart wird in Paris zum Journalisten

Am Freitag vor genau 50 Jahren gewann der SC DHfK Leipzig den Europapokal der Landesmeister im Handball. Beim Spiel gegen die Füchse Berlin sehen sich die Helden von einst wieder. Torwart Klaus Franke erinnert sich an die Tage, an den er auch zum Reporter wurde.

Klaus Franke heute und mit der Mannschaft von 1966.

Quelle: Johannes Hänel/Christian Modla

Leipzig. Es war ein langer, anstrengender Tag, und es sollte eine noch längere Nacht werden. Klaus Franke hatte viele Bälle gehalten an diesem 22. April 1966 in der Pariser Coubertin-Sporthalle, er hatte gekämpft, gezittert, Nerven gelassen – und dann den Europacup der Landesmeister in den Händen gehalten. Es ist bis heute der größte Erfolg des Leipziger Männer-Handballs. 16:14 (9:7) bezwang der SC DHfK im Finale Honved Budapest, der legendäre Paul Tiedemann warf fünf Tore, das Team war nach vielen harten Jahren endlich am Ziel. „Es war nicht unser bestes Spiel, aber das wichtigste“, erinnert sich der 74-jährige Franke, „wir hatten Probleme mit den Ungarn, der Schlusspfiff war eine Erlösung.“

Während die feiermüden Kollegen irgendwann nach Mitternacht fix und fertig ins Bett fielen, musste Franke noch arbeiten. Der Torwart setzte sich in die Lobby des Hotels L’Univers, brachte den Spielverlauf zu Papier, schilderte seine Gedanken und Gefühle, seinen Stolz und seine Erleichterung, rang um Formulierungen. Und dann wartete er, Stunde um Stunde. Bis im Morgengrauen endlich der Anruf aus Leipzig kam und er seinen Bericht durchtelefonieren konnte. Der stand am nächsten Tag in der Leipziger Volkszeitung.

Journalisten aus dem Osten Deutschlands durften nicht ins kapitalistische Ausland einreisen – auf Betreiben der Bundesrepublik, die mit allen Mitteln die diplomatische Anerkennung der DDR verhindern wollte. Deshalb sprang Franke, der ein Jahr lang Journalistik studiert hatte, auf Bitte der LVZ in Paris ein. „Ich habe es gern gemacht, es war notwendig und ich kannte die Sportredaktion gut“, erzählt der Aushilfs-Berichterstatter.

Auch den Empfang in der Heimat wird er nie vergessen. Die Mannschaft flog von Paris nach Prag, wurde mit dem Bus abgeholt, fuhr zum heutigen Olympiastützpunkt, wo damals die DHfK-Sportler wohnten. „Dort stieg ein Volksfest mit Tanz und allem drumherum.“ Am nächsten Morgen musste sich das Team im Trainingsanzug versammeln. Ziel unbekannt. „Zu meiner Überraschung ging es in die Hochschule. Der große Hörsaal war total überfüllt, alle haben uns gratuliert, Rektor, Lehrkräfte, Angestellte und Studenten.“

400 Ost-Mark Prämie

Diese Anerkennung sei wertvoller gewesen als Geld. 400 Ost-Mark Prämie erhielten die Handballer für den Europapokalsieg. Franke lebte von Leistungsstipendium und Verpflegungspauschale. „Wir sind alle Fahrrad gefahren, nur Paul Tiedemann hatte ein Motorrad. Wir waren keine Helden, sondern ganz normale Studenten und verrückte Sportler.“

Es sei heute undenkbar, dass Weltklasse-Athleten vieler Sportarten wie damals beim SC DHfK unter einem Dach wohnen und Sport studieren. „Ob Ruderer, Kanuten, Leichtathleten oder Handballer – alle fieberten miteinander, standen füreinander ein.“ Franke begann als Stabhochspringer, war Jugend-Vizemeister. Bei einem Lehrgang stellte er sich spaßeshalber ins (Großfeld)-Tor und fischte fast jeden Ball eines Trainers raus, der prompt die Handballer informierte. Drei Jahre später absolvierte Franke das erste von insgesamt 59 Länderspielen, 1967 fuhr er mit zur Weltmeisterschaft.

Später wurde er Trainer. „Mein zweites Handball-Leben.“ Als Assistenzcoach der DDR-Frauen trug er 1978 zum WM-Titel bei, 1990 führte er Hypobank Wien zum Europacup-Triumph. „Aber das war eine zusammengekaufte Weltauswahl, die hätte jeder trainieren können“, meint er bescheiden. Franke ist seinem Sport stets treu geblieben, betreut derzeit die Torhüterinnen von Drittliga-Aufsteiger Markranstädt.

Wiedersehen in der Arena

Am Freitag, genau 50 Jahre nach dem Coup von Paris, wird er die Kollegen von 1966 fast komplett (Tiedemann starb 2014) wiedersehen. Der SC DHfK hat die Sieger-Mannschaft zum Bundesliga-Heimspiel gegen die Füchse Berlin (19.45 Uhr, Arena) eingeladen. Stilecht fährt sie vom Hotel mit einem Robur-Bus bis zur Arena.

Franke freut sich auf einen besonderen Abend. Und er schwärmt von der Renaissance der Leipziger Handballer. „Es ist fantastisch, dass der Name SC DHfK in Deutschland wieder einen guten Klang hat, dass sich der Club nach dem Aufstieg sofort in der Bundesliga etabliert hat, dass die Begeisterung in der Stadt wächst und im Schnitt über 4000 Zuschauer kommen“, sagt der ehemalige Klasse-Keeper, „vor der jungen Vereinsführung ziehe ich den Hut. Sie hat bisher immer die richtigen Entscheidungen getroffen und die richtigen Leute geholt. Ich hoffe, es geht so weiter.“ Franke kennt die Protagonisten gut, besonders Stefan Kretzschmar über dessen Eltern: „Pit war mein Cheftrainer bei den DDR-Frauen, Waltraud hat bei mir gespielt.“

Vergleichen könne man den Handball von damals und heute aber nicht. Durch die neuen Regeln fallen doppelt so viele Tore, das Spiel sei viel athletischer, schneller und attraktiver geworden. „Wir waren auch ziemlich fit, aber die jetzigen Jungs würden uns mit ihrer Wucht zerquetschen“, witzelt Franke, „gegen diese riesigen Kerle sind wir Zwerge.“ Neues und altes DHfK-Team werden sich am Sonnabend bei einem gemeinsamen Brunch begegnen – und viele Geschichten erzählen.

Steffen Enigk

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