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Der Shootingstar geht – Christian Prokop im Abschieds-Interview

Trainer des SC DHfK Leipzig Der Shootingstar geht – Christian Prokop im Abschieds-Interview

Nach vier Jahren Amtszeit verlässt Trainer Christian Prokop den SC DHfK Leipzig und widmet sich in Zukunft ausschließlich der Nationalmannschaft. Im großen Abschiedsinterview blickt er auf seine erfolgreiche Zeit bei den Grün-Weißen zurück.

Stets an der Seitenlinie engagiert: Christian Prokop.
 

Quelle: Christian Modla

Leipzig.  Er sitzt noch einmal auf der Bank des SC DHfK Leipzig. Am Sonnabend gegen die Füchse Berlin (Anwurf 16 Uhr) betreut Trainer Christian Prokop letztmalig die Grün-Weißen.

Herr Prokop, vor Ihnen liegt nur noch ein Spiel mit dem SC DHfK. Vom Einlaufen bis zum Abpfiff wird alles das letzte Mal sein. Wie emotional erwarten Sie die Partie gegen die Füchse Berlin?

Es schwingt eine große Portion Wehmut mit. Wenn man sich die vier Jahre anschaut, die von fantastischer Zusammenarbeit geprägt waren, dann wird einem das letzte Spiel sicherlich sehr schwer fallen, weil ich weiß, dass ich einiges in Zukunft vermissen werde. Aber ich habe mich für eine Aufgabe entschieden, auf die ich mich auch sehr freue und von beiden Dingen kann ich auf längere Sicht nur eine Sache richtig machen.

Wie hat Stefan Kretzschmar Sie 2013 nach Leipzig gelockt? Der SC DHfK hatte damals gerade so die Klasse in der 2. Bundesliga gehalten, der Aufschwung danach war nicht unbedingt zu erwarten?

Ich kann mich noch gut an unser erstes Treffen in einem Hotel im Ruhrgebiet erinnern. Dort hatten wir bei einem Brunch ein gutes Gespräch. Ich habe sofort gemerkt, wie ehrgeizig Stefan als Vertreter des Vereins das Leipziger Projekt vorstellte. Ich war schnell emotionalisiert und konnte mich sofort mit diesem Weg des Clubs identifizieren.

Hatten Sie keine Angst, dass das Projekt in Leipzig in die Hose geht?

Angst spielte keine Rolle. Mit Tusem Essen habe ich damals noch in der 1. Bundesliga gespielt und Leipzig hielt gerade so die Klasse in Liga 2. Deshalb habe ich kurz überlegt. Ich wusste aber, was für Protagonisten beim SC DHfK arbeiten. Im Nachgang haben sich alle meine Wünsche, wie beispielsweise die Kaderzusammenstellung oder die Verbesserung der Trainingsbedingungen erfüllt.

Welchen Eindruck hatten Sie von der Mannschaft nach dem ersten Training?

Vom ersten Tag an hatte ich einen unglaublich guten Eindruck. Jeder Spieler, den ich hier in den vier Jahren betreut habe, hat Gas gegeben. Alle haben sich stets über eine ehrgeizige Trainingswoche definiert. Das ist bis heute so geblieben.

Prokop legte stets hohen Wert auf die Ausdauer.

Quelle: Christian Modla

Schon in Ihrer ersten Saison wären Sie fast in die 1. Bundesliga aufgestiegen. War es rückblickend besser, noch ein Jahr mit der Mannschaft zu reifen?

Hundertprozentig. Nach dem ersten Jahr haben wir den Kader noch einmal verjüngt. Für unsere Identifikationsfiguren, wie Binder, Krzikalla und Semper war es wichtig, noch eine konstante Zweitligasaison zu spielen und sich weiterzuentwickeln.

In der 1. Bundesliga ging die Erfolgsserie gleich weiter. Siege gegen den HSV Hamburg und gegen den SC Magdeburg gelangen bereits zu Beginn. War Ihnen die Erfolgsserie nicht manchmal auch unheimlich?

Es war auf jeden Fall eine rasante Entwicklung. Trotzdem sollten die Ziele in Zukunft auch realistisch bleiben. Gründe für den Erfolg gibt es sehr viele. An erster Stelle muss man Karsten Günther nennen, der an der Spitze des Vereins es so vorlebt, dass alle Beteiligten mitgezogen werden.

Welche Spieler haben in den vergangenen vier Jahren die größten Schritte vollzogen?

Es war die Mannschaft insgesamt, die sich als Team Stück für Stück gesteigert und eine enorme Entwicklung genommen hat. Sie ist eine geschlossene Einheit, die taktisch intelligent funktioniert. Das ist unser Erfolgsmodell. Aktuell kann ich sagen, das Max Janke aus dem Schatten von Philipp Pöter und Philipp Weber herausgetreten ist. Aber auch was Bastian Roscheck, aus der dritten Liga gekommen, in der Abwehr jeden Spieltag leistet, ist einfach sagenhaft. Beide haben eine enorme Entwicklung, stellvertretend für die Mannschaft, genommen. Am meisten stolz bin ich auf die Identifikationsfiguren des Vereins. Wir haben es geschafft, erfolgreichen Bundesliga-Handball u.a. mit Eigengewächsen wie Lukas Binder, Lucas Krzikalla oder auch Franz Semper zu präsentieren. Das muss sich der Verein unbedingt für die Zukunft bewahren.

Wer blieb unter seinen Möglichkeiten?

Es gab auch Rückschläge. Bei der einen oder anderen Spielerverpflichtung haben sich meine Erwartungen nicht erfüllt. Hier gab es leider eine Fehleinschätzung meinerseits im Vorfeld. Aber auch da noch einmal: Karsten Günther hat es immer geschafft, mir angemessene Wünsche zu erfüllen.

Aufsehen hat im Dezember 2015 die Personalie von Philipp Weber gesorgt. Kurz vor Weihnachten erfuhr er, dass sein Vertrag nicht verlängert wird. Wie denken Sie heute über diesen Schritt?

Ich hätte wieder so entschieden, ein deutliches Ja. Es hat genau das bewirkt, was es bewirken sollte. Seine Leistungen in der Rückrunde bei uns haben gezeigt, dass er sein großes Potential dann ausgeschöpft hat. Das Jahr in Wetzlar hat ihn noch weiter als Persönlichkeit reifen lassen, wodurch er nun zum Kreise der Nationalmannschaft gehört.

Philipp Weber kehrt zum SC DHfK zurück.

Quelle: Christian Modla

Hätte sein Ehrgeiz nicht auch anders angestachelt werden können?

Ich habe mehrere Sachen davor versucht, auch der Verein hat einiges probiert. Die Trennung war die richtige Entscheidung. Jetzt hat es nur ein Jahr gedauert und er kehrt nach Leipzig zurück.

Wäre er zurück nach Leipzig gekommen, wenn Sie DHfK-Coach geblieben wären?

Damit habe ich mich nicht beschäftigt.

Rückblickend: Welche Entscheidung als DHfK-Trainer würden Sie heute anders treffen?

Da fällt mir jetzt spontan nichts ein. Auch wenn nicht immer alles optimal laufen kann, das Positive überwiegt deutlich.

Andersherum: Was ist Ihnen am besten gelungen?

Ich bin auf diesen gesamten Verein stolz. Ich durfte eine Mannschaft formen, die einfach lernwillig war und die taktischen Vorgaben verinnerlicht und umgesetzt hat. Ihre emotionale und temporeiche Spielweise hat in den letzten Jahren zu einer starken Zuschauerentwicklung geführt. Das Interesse an diesem Team ist groß.

Ansprache an die Mannschaft während einer Auszeit.

Quelle: Christian Modla

Die Spieler dürfen Sie duzen, haben Sie keine Angst vor einem Autoritätsverlust?

Wir sind unter Sportlern. Eine Frage von Respekt und Autorität muss ich mir nicht über die Anrede holen, sondern über die Leistung und dem gegenseitigem Respekt. So habe ich es immer gehalten. In meinen Anfängen als Trainer wurde ich aber tatsächlich gesiezt. Das war vor allem damals beim SC Magdeburg der Fall. Einige Spieler siezen mich heute noch.

Das Publikum beim SC DHfK hat feinste Antennen, Pfiffe fürs eigene Team gibt es nicht, in schwierigen Spielphasen steht es einfach auf und feuert es an. Welchen Anteil haben die Zuschauer am Erfolg der Mannschaft?

Es ist wirklich entscheidend, dass wir als Mannschaft mit den Leipziger Tugenden die Fans hinter uns bringen. Wir haben phantastische Zuschauer, von der Lautstärke her und von der Art und Weise in einem Spiel mehrfach aufzustehen. Das sehe ich deutschlandweit kaum, höchstens am Ende eines guten Spiels. Wir haben ein unheimlich junges und begeisterungsfähiges Publikum. Ich werde es neben einigen anderen Dingen am meisten vermissen.

Hatten Sie im vergangenen Jahr bei der Entscheidung um den Bundestrainerposten Ihre schwierigste Zeit in Leipzig?

Das ist schwer zu beantworten. Es war eine Zeit die sehr stark im medialen Interesse stand. Ich habe aber damals umso mehr die Verbundenheit der Geschäftsführung und des Vereins gespürt.

Sie waren mit Ihrem Job beim SC DHfK zufrieden, jetzt geht es eine Stufe höher. War es eine bewusste Entscheidung für die eigene Karriere?

Natürlich kann ich darüber spekulieren, ob ich das Bundestraineramt in den nächsten fünf Jahren noch einmal angeboten bekommen hätte. Das kann mir keiner beantworten. Die Entscheidung fühlt sich für mich richtig an. Ich möchte aber noch einmal betonen: Es ist unheimlich viel Wehmut dabei. Hier verlasse ich etwas ganz Besonderes, was mich glücklich gemacht hat.

International geht es für Sie künftig gleich von Null auf Hundert: Sind der EM-Titel schon im kommenden Jahr und dann der Olympiasieg 2020 die ausgemachten Ziele?

Natürlich tritt man an, um die bestmöglichen und größten Ziele zu erreichen. Die Weltspitze ist aber ganz eng zusammengerückt. Auch andere Nationen haben Verjüngungsprozesse eingeleitet und spielen ziemlich intelligent. Es kommen zirka acht Nationen für die Medaillen in Frage. Wir wollen eine davon sein.

Was kann nach der Zeit als Bundestrainer noch kommen? Vielleicht die Champions League mit Leipzig?

Das wäre ein tolles Ziel. Ich werde den SC DHfK weiter ganz intensiv beobachten. Es wird voraussichtlich der ein oder andere Nationalspieler im Leipziger Kader sein. Von daher habe ich einen kurzen Weg, um sie zu beobachten. Ich drücke dem Verein für die Zukunft die Daumen.

Wie bewerten Sie das Potential des SC DHfK in den kommenden Jahren?

Dem Verein sind mit Philipp Weber und Yves Kunkel zwei sehr gute Verpflichtungen gelungen. Sie sind ehrgeizig und werden der Mannschaft eine neue Qualität verleihen. Die Trainerlösung mit André Haber wird keinen Bruch mit sich bringen, davon bin ich überzeugt. Ganz wichtig: Die Ziele dürfen nicht zu schnell, zu hoch gesteckt werden. Die Mannschaft, wenn sie ihre Leistungen abruft, ist im Stande weiter einen einstelligen Tabellenplatz zu belegen, mit etwas Glück auch einmal mehr.

Verstanden sich von Anfang an blind: Christian Prokop und sein Co-Trainer André Haber.

Quelle: Christian Modla

War der achte Tabellenplatz in dieser Saison vielleicht schon das Optimum?

Das ist wirklich schwer zu sagen. Wir haben eine Wahnsinns-Saison gespielt. Klar hätten wir das eine oder andere Spiel noch gewinnen können, wie in Wetzlar. In anderen Spielen hatten aber auch wir das glücklichere Ende für uns. Platz acht ist eine phänomenale Leistung. Viele hatten uns vor der Saison im schweren zweiten Bundesligajahr in der Nähe der Abstiegsränge gesehen.

Ist es für Sie auch wirtschaftlich ein kleines Wunder, mit Magdeburg und Leipzig zwei Top-Acht-Teams aus dem Osten in der Liga zu haben?

Beide Vereine haben eine sehr breite Unterstützung ihrer Sponsoren. Dies ist nur mit ganz viel Sponsorenpflege und großer Identifikation mit dem jeweiligen Club umsetzbar. Der SC DHfK ist ein Verein, der immer bestrebt ist, das Maximum aus sich herauszuholen. Das gilt wirtschaftlich sowie sportlich.

Wie wird der SC DHfK außerhalb der Region wahrgenommen?

Das Interesse wird immer größer, das liegt auch an den jüngsten Erfolgen wie gegen den THW Kiel und unserer starken Nachwuchsabteilung, die in den letzten Jahren mehrfach den deutschen Meistertitel gewonnen hat. Die Art und Weise wie Leipzig Handball spielt ist dabei entscheidend und spricht sich herum. Das war auch gerade in vielen Gesprächen, die ich beim Final Four um den EHF-Cup geführt habe, ein Thema.

Der SC DHfK wird mit Karsten Günther, Aufsichtsrat Stefan Kretzschmar, Gesellschafter Maik Gottas und Ihnen von einem Vierer-Gespann geführt. Kann das ganze Gebäude ins Wackeln geraten, wenn eine Säule wegbricht?

Nein, das glaube ich nicht. Die drei Verbliebenen haben einen hohen Sachverstand. André Haber und dann im kommenden Jahr auch Michael Biegler sind zwei fantastische Trainer. André wird vieles übernehmen, weil er selbst von der Sache überzeugt ist. Michael Biegler ist ein sehr erfahrener Mann, wird der Mannschaft gut tun und neue wichtige Impulse geben. Ich sehe die Zukunft weiterhin positiv.

Sie wohnen mit Ihrer Frau und den beiden Kindern weiter in Leipzig, wie oft werden die Fans Sie künftig bei Spielen des SC DHfK sehen?

Die Fans werden mich weiter häufig in der Halle sehen, weil ich viele Nationalspieler bei den Punktspielen beobachten kann. Zum SC DHfK, den Fans und der Stadt wird es immer eine besondere Beziehung geben.

Interview: Matthias Roth, Frank Schober, Alex Bley

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