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Erik Göthel zum SC DHfK Leipzig: „Es ist fahrlässig, Weber gehen zu lassen“

Handball-Spielberater Erik Göthel zum SC DHfK Leipzig: „Es ist fahrlässig, Weber gehen zu lassen“

Mit dem 30:29-Sieg in Wetzlar ist für die DHfK-Handballer am Sonntag eine sehr starke Premieren-Saison in der Bundesliga zu Ende gegangen. Aufmerksamer Beobachter des Teams ist Spielerberater Erik Göthel von der Agentur Inteamsports aus Leipzig, der alle Heimspiele sowie sieben Auswärtpartien live gesehen hat.

Philipp Weber gehen zu lassen, ist fahrlässig, findet Erik Göthel.

Quelle: dpa

Leipzig. Spielerberater Erik Göthel von der Agentur Inteamsports aus Leipzig hat alle Heimspiele und sieben Auswärtpartien in der Bundesliga-Saison des SC DHfK live gesehen. Der 42-Jährige spielte in seiner aktiven Zeit unter anderem für Delitzsch, Magdeburg und den SC DHfK. Er ist des Lobes voll über das Team, kann die Trennung des SC DHfK von Philipp Weber – einem seiner Klienten – aber nicht verstehen.

LVZ : Hat Sie der SC DHfK überrascht?
Göthel : Dass er die Klasse gehalten hat, nicht. Aber wie souverän dies gelungen ist! Durch den starken Saisonstart mit Siegen gegen Hamburg und Magdeburg hatte das Team Selbstvertrauen, einen Puffer und ist nie unter Druck geraten. Am Ende hat man die doppelte Anzahl an Punkten als der erste Nichtabsteiger. Das ist gigantisch.

War es diesmal leichter drinzubleiben?
Ich denke schon. Stuttgart ist mit 14 Punkten drin geblieben. Ich kann mich nicht erinnern, wann es das mal gab.

Was ist das Erfolgsrezept in Leipzig?
Ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte: Es gibt im deutschen Mannschafts-Profisport kein Team, das auf dem Parkett als außerhalb so zusammenhält. Das ist das Erfolgsgeheimnis der Truppe.

Wie bekommt man das hin?
In den vergangenen drei Jahren wurde bei den Transfers alles richtig gemacht. Es kamen über Umwege fünf junge Leute aus Magdeburg zu den jungen Leipzigern. Das ist eine Generation, die Jungs kennen sich ewig. Egal, wie es steht: Die lassen sich nie hängen.

Was zeichnet den Trainer aus?
Christian Prokop hat einen sehr guten Matchplan. Manche seiner Entscheidungen sind auch für mich mitunter schwer nachvollziehbar. Aber unterm Strich gibt es im Sport nur Sieg oder Niederlage. Das bestätigt seine Linie. Er ist ein positiv bekloppter Handball-Fanatiker, 23 Stunden am Tag lebt er Handball. Wenn du ein Spitzenteam trainierst, muss der Gegner sich auf dich einstellen. Wenn du aber einen Außenseiter trainierst, muss man sich immer wieder auf den Gegner einstellen. Das macht er überragend.

Zusammenhalt und Matchplan allein reichen aber sicher nicht?
Das ist richtig. In der Hinrunde waren für mich Putera und Pöter die Protagonisten, die das Team nach vorn gebracht haben. In der Rückrunde haben wir einen überragenden Weber und einen Klasse-Torhüter Vortmann gesehen. Dazu hat Milosevic am Kreis eine komplette Saison auf hohem Level gespielt.

Der SC DHfK war kein normaler Aufsteiger?
DHfK ist ein Projekt. Den Klub gibt es so seit neun Jahren. Er kommt aus der vierten Liga hochgeschossen. Das ist etwas Neues, dahinter stehen eine Stadt und ein Umfeld. Das gibt es aktuell nicht noch einmal. Berlin hatte es vorgemacht. Dort hattest du mit Bob Hanning einen positiv Verrückten, hier hast du mit Maik Gottas und Karsten Günther ebenfalls zwei positiv Verrückte. Dabei wird auch viel Wert auf den Nachwuchs gelegt. Diese Früchte hat Berlin geernet, jetzt erntet sie Leipzig.

Die Zuschauer nehmen den SC DHfK an, 4000 sind der neue Schnitt. Geht die Entwicklung so weiter?
Leipzig hat ein Erfolgspublikum. Das habe ich mit Delitzsch selber durch. Hätte die Mannschaft gegen den Abstieg gespielt und die Rolle von Eisenach eingenommen, wären maximal 3000 gekommen.

Wie beurteilen Sie die Trennung von Philipp Weber und Felix Storbeck?
Die Bekanntgabe am 21. Dezember war extrem unglücklich. Beide sitzen Weihnachten zu Tode betrübt zu Hause. Wir wollten eine Entscheidung im Dezember, aber kurz vor Weihnachten macht man so etwas nicht. Auch in der Außendarstellung hat es der Verein schlecht gelöst. Die Entscheidung gegen Weber ist völlig unverständlich. Mit dem, was er in der Rückrunde gespielt hat, hat er diesbezüglich noch drei Ausrufezeichen gesetzt. Bei Storbeck konnte man sich streiten. Er ist ein junger Torhüter, der viel spielen muss. Aus sportlicher Sicht ist es für ihn aus heutiger Sicht besser so. Aus emotionaler Sicht ist er für die Truppe ein Riesenverlust.

Wie hat die Liga darauf reagiert, dass der SC DHfK ohne Weber plant?
Ich kenne keinen Trainer oder Manager, der zu mir gesagt hat: „Das ist Nachvollziehbar.“ Es kam immer die Frage: Was hat Weber verbrochen? Das ist der bittere Beigeschmack. Es gab nie eine nachvollziehbare Begründung für die Trennung. Damit haben auch viele Fans gedacht, Weber habe disziplinarisch etwas verbrochen. Das war definitiv nicht der Fall.

Es hieß, das Gesamtpaket stimme bei ihm nicht. Ist damit die Abwehr gemeint?
Die besten Mittelleute der Liga spielen fast alle keine Abwehr. Das Unerklärliche bei Philipp: Er war acht Wochen verletzt, kommt im Oktober wieder und spielt mit 23 Jahren seine erste richtige Erstligasaison. Es ist doch klar, dass er Anlaufzeit braucht. Es gibt keinen einzigen Handballer auf der Welt, der mit 23 Jahren so komplett ist wie Weber. Seine Passgenauigkeit ist phänomenal, er ist der beste Assist der Mannschaft, in 90 Prozent der Fälle trifft er die Entscheidung. Er ist ein Führungsspieler, der vorneweg geht, der beide Positionen im Angriff spielen kann. Er müsste noch etwas mehr werfen, aber in der Rückrunde war er schon wesentlich torgefährlicher. Es ist fahrlässig vom Verein, ihn gehen zu lassen. Man entscheidet sich nur gegen so einen Spieler, wenn man hundertprozentig Ersatz hat. Das ist nicht der Fall. Und im Handball ist der Spielermarkt extrem knapp.

Gibt es mal einen Weg zurück?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Wenn er gesund bleibt, spielt Philipp innerhalb eines Jahres Nationalmannschaft und wird für die vier, fünf größten Klubs interessant. Für DHfK wird es ohne Pöter und ihn schwer. Wenn die neue Mannschaft im Dezember unter den Top 12 steht, ziehe ich den Hut. Wenn das nicht der Fall ist, muss man sagen: Es wurden Fehler gemacht.

Interview: Frank Schober

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