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Stefan Kretzschmar: „Wenn diese EM keinen Schub bringt ...“

Nach dem Triumph Stefan Kretzschmar: „Wenn diese EM keinen Schub bringt ...“

Handball-Legende Stefan Kretzschmar im Interview: Was Wolff und Co. so stark macht und warum den deutschen Handballern jetzt ein Marathon bevorsteht

Stefan Kretzschmar bei der Handball-EM in Polen.

Quelle: dpa

Leipzig. Stefan Kretzschmar (42) hat 2007 den Ball aus der Hand gelegt und ist immer noch der bekannteste Mann der Szene. Den EM-Triumph der deutschen Nationalmannschaft erlebte der Ex-Magdeburger und 218-fache Nationalspieler als ARD-Experte in Polen. Kretzschmar, Aufsichtsratmitglied des SC DHfK Leipzig, über eine goldene Generation, Wolffs Revier und einen Kasten Bier, der nicht getrunken wurde.

Waren Sie bei den Festivitäten in Polen und Berlin mittendrin?

Stefan Kretzschmar: Nein, das fand im engen Kreis statt. Trainer, Spieler, Funktionsteam, Offizielle, Verwandte. Ich habe mit meinem Besuch aus Leipzig gefeiert. Auf der Rückfahrt gab es das eine oder andere Kaltgetränk.

Wer den EM-Helden auf der Straße begegnet, würde bis auf Grizzlybär-Torwart Andreas Wolff nicht viele erkennen. Was muss passieren, damit sich das ändert?

Stefan Kretzschmar: Beim DHB sitzen hoffentlich Experten, die die Chance erkennen und den Hype nutzen. Unsere Jungs haben ohne Zirkus sensationell Handball gespielt, waren supersympathisch, haben 20 Millionen Menschen vor den Fernseher gelockt. Jetzt muss eine PR-Maschinerie anlaufen.

Also ab zu Lanz, Maischberger und ins Sportstudio?

Stefan Kretzschmar: Ja, am besten wäre ein Interviewmarathon, um die Helden in der Öffentlichkeit zu etablieren. Man muss sich die Gesichter merken. Im Sommer sind die Olympischen Spiele, das nächste Highlight. Diese Mannschaft kann über Jahre um Medaillen spielen, der Fundus an guten Spielern war noch nie so groß. Wenn diese EM keinen Schub für den deutschen Handball bringt, weiß ich auch nicht.

Der Handball greift die Mono-TV-Kultur Fußball an?

Stefan Kretzschmar: Es geht nicht um eine Schlacht gegen den Fußball. Der ist und bleibt die Nummer eins. Aber dass nach dem Fußball lange nichts und dann wieder Fußball kommt, muss nicht so bleiben.

Spaniens Torhüter Arpad Sterbik hat im Finale einen Ball aus Nahdistanz ins Gesicht bekommen, sich geschüttelt und weitergemacht. Ein Fußballer hätte die Aussegnungshalle bestellt. Sind Fußballer Weicheier?

Stefan Kretzschmar: Handball ist härter, da hast du 60 Minuten permanenten Körperkontakt.

Vor allem am Kreis, weswegen Sie sich auf Linksaußen abgeseilt haben ...

Stefan Kretzschmar: Kreisläufer ist Hardcore. Bei der Nationalmannschaft lag ich mit Christian Schwarzer in einem Hotelzimmer. Wenn der sich nach einem Spiel ausgezogen hat, war er grün und blau. Sagen wir es so: Handball ist härter, aber die brutaleren Fouls gibt es im Fußball. Wenn dir jemand mit den Stollen voran ins Knie springt, ist Feierabend.

Die Fouls im Handball sind ...?

Stefan Kretzschmar: ... versteckter. Da werden Brustwarzen rumgedreht, landet ein Ellenbogen während der Drehung am Kopf.

Auch Schwalben fliegen eher selten durch Handballhallen.

Stefan Kretzschmar: Bringt auch nix. Wenn du liegen bleibst, fällt hinten ein Tor. Viele Fußballer lernen schon in jungen Jahren, dass man nach einem Foul schreit und im Strafraum fällt.

Wieso hat Andreas Wolff gegen Spanien fast keinen reingelassen?

Stefan Kretzschmar: Andy war in den Köpfen der Spanier. Die wussten irgendwann nicht mehr, was sie tun und wohin sie werfen sollen.

Hatten Sie früher ähnliche Probleme mit einem Torhüter?

Stefan Kretzschmar: 1994 gegen den jungen Arpad Sterbik. Neun Versuche, zwei Tore, katastrophal.

Nach dem Dänemark-Spiel haben Sie Wolff und Co. einen Kasten Bier spendiert. Hat es gemundet?

Stefan Kretzschmar: Mir schon, sonst hat den keiner angerührt. Die Mannschaft war während des Turniers extrem fokussiert.

Waren das Kretzschmar, Schwarzer, Daniel Stephan, Henning Fritz und Konsorten früher nicht?

Stefan Kretzschmar: Also, im Turnier waren wir fast immer brav, in der Vorbereitung nicht immer. Aber selbst wenn Schwarzer, Fritz, Kretzschmar erwischt worden wären, wäre nicht viel passiert.

Weil Sie konkurrenzlos waren?

Stefan Kretzschmar: So ungefähr. Heute hat der Trainer eine größere Auswahl an Nationalspielern. Da kann Dagur Sigurdsson sagen: „Pass mal auf, wenn du aus der Reihe tanzt, kommt der Nächste!“

Interview: Guido Schäfer

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