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"Zufriedenheit ist Feind jeder Entwicklung" - Stefan Kretzschmar im LVZ-Interview

"Zufriedenheit ist Feind jeder Entwicklung" - Stefan Kretzschmar im LVZ-Interview

Im großen LVZ-Interview spricht Handball-Ikone Stefan Kretzschmar über die Ziele des SC DHfK, die deutschen Aussichten bei der WM in Katar, seine TV-Auftritte bei Lanz und Raab sowie die Gründe seiner Popularität.

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Will in Leipzig bleiben, bis der SC DHfK in der ersten Liga spielt: Stefan Kretzschmar.

Quelle: Manuela Staudte

Leipzig. Der SC DHfK ist Tabellenführer, hat fünf Punkte Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz. Rundum zufrieden?

Kretzschmar:

 Zufriedenheit ist der Feind jeder Entwicklung. Ich bin ein ungeduldiger Mensch, wir sind jetzt fünf Jahre in Leipzig und seit mittlerweile drei Jahren in der zweiten Liga. Aber es lief sehr gut, die Mannschaft spielt attraktiv, schnell, emotional, ist einen großen Schritt vorangekommen.

Was ist der Unterschied zum Vorjahr?

Wir haben mit Christian Prokop einen fantastischen Trainer. Er arbeitet akribisch, kann sehr gut analysieren. Das sieht man jetzt in seiner zweiten Saison. Es gibt in der Liga höhere Etats und stärkere Kader wie Eisenach oder Bittenfeld. Aber wie unsere Mannschaft auftritt, welche Philosophie der Trainer ihr mitgibt - das macht Spaß. Besonders gefällt mir die Integration junger Eigengewächse. Unfassbar, was Franz Semper mit 17 Jahren spielt. Die Identifikation des Umfelds ist hoch, das fasziniert mich.

Kann sich die Mannschaft nur noch selbst im Weg stehen?

Nein. Sie lebt von Dynamik und Geschlossenheit, ist aber unerfahren. Das könnte ein Nachteil sein, wenn es um die Big Points geht. Die Liga ist sehr ausgeglichen, es gibt viele Unwägbarkeiten. Unser bester Spieler Philipp Weber war jetzt dreimal verletzt nicht dabei, er fehlte extrem. Deshalb haben wir mit Max Janke aus Magdeburg noch einen jungen Spieler geholt, der gut passt. Das Team hat eine tolle Hinrunde gezeigt, aber wir starten im Februar mit drei Auswärtsspielen, das kleine Polster kann schnell weg sein.

Hält die Entwicklung des Umfelds mit der sportlichen Schritt?

Nicht ganz, weil wir die Mittel in die Mannschaft stecken und viel Geld in die Nachwuchsakademie. Karsten Günther ist für mich einer der besten Handball-Geschäftsführer Deutschlands und der wichtigste Grund, warum wir oben stehen. Er kümmert sich 24 Stunden am Tag um unser Projekt. Aber unsere Geschäftsstelle ist nicht mit der von Erstligisten vergleichbar. Dort müssen wir uns weiter professionalisieren.

Was ist Ihre Rolle als Aufsichtsrat?

Trainer, Geschäftsführer, Manager Maik Gottas und ich sind ein Vierer-Konglomerat, das schnell entscheiden kann. Meine Aufgabe ist, den Trainer zu unterstützen und Türen zu Spielern zu öffnen. Der nächste Schritt muss sein, erfahrene Erstliga-Akteure zu gewinnen. Und ich versuche, Sponsoren zu begeistern. Finanziell müssen wir uns breiter aufstellen. Wir haben eine tolle Halle, die DHfK, das Sportgymnasium. Die Infrastruktur ist erstligareif. Alles andere muss sich entwickeln, dafür stehe auch ich mit meinem Namen.

Würde es für Sie mit dem Aufstieg erst richtig losgehen?

Als wir in der vierten Liga von der Bundesliga sprachen, haben uns alle ausgelacht. Aber diese Stadt gibt es her, sich in der ersten Liga zu etablieren.

Sie werden sich also weiterhin für den SC DHfK engagieren?

Ich lebe und liebe dieses Projekt. Ganz Deutschland weiß, dass ich nicht mehr Magdeburg, sondern Leipzig bin. Da sage ich in allen Interviews, bei allen Terminen. Diese Reise ist für mich noch lange nicht beendet. Zumal mir der Verein Raum gibt, mich auch um anderes zu kümmern. Sport1, das läuft, da bin ich nah am Geschehen in der ersten Liga.

Sehen Sie RB als Konkurrenz?

Nein, als Leipziger muss man RB toll finden. Fußball ist die Nummer eins in Deutschland, das müssen wir akzeptieren und die Menschen mitnehmen, die Handball-affin sind. Klar ist es schwierig, eine vierköpfige Familie zu überzeugen, am Wochenende zum Fußball und zum Handball zu gehen, so viel Geld haben die Leute nicht. Auch Sponsoren müssen entscheiden: Hole ich mir einen Business-Tisch bei RB oder investiere ich beim SC DHfK. Aber wir haben ein gutes Verhältnis zu RB und kooperieren sehr gut miteinander.

Ist die Aufstiegs-Chance so groß, dass man sie keinesfalls wegwerfen darf, weil sie vielleicht nie wiederkommt?

Es wäre traurig, wenn wir es nicht schaffen, aber nicht der Weltuntergang. Dann ist die Herausforderung, eine Mannschaft zusammenzustellen, die nächste Saison aufsteigt. Viel länger werden wir wohl nicht Zeit haben.

Ist der SC DHfK deutschlandweit schon ein Thema in der Handball-Szene?

Er wird beachtet und beobachtet, wir sind kein No-Name-Projekt mehr. Wenn ich in Bundesliga-Hallen komme, sind Trainer und Spieler meist gut informiert und stellen viele Fragen. Mit dem Bundestrainer hatte ich Kontakt wegen Philipp Weber. Nach Siegen bekomme ich oft Glückwünsche, viele wünschen sich Leipzig in der Bundesliga.

Themenwechsel. Sehen Sie sich als Marke Stefan Kretzschmar?

Das machen Werbeleute oder Firmen. Als Sportler kreierst du nicht bewusst eine Marke. Was in meinem Leben passiert ist, geschah aus dem Bauch heraus. Ich habe das Glück, dass ich mich einigermaßen artikulieren kann und dass dies gut bezahlt wird. Und dass ich nicht der unlustigste Mensch bin.

Gibt es Untersuchungen über ihren Bekanntheitsgrad?

Vor Olympia in Sydney lag er angeblich bei 93 Prozent. Heute? Keine Ahnung. Die Leute erkennen an, dass ich mich nie opportun verhalten und stets meine Meinung gesagt habe, auch wenn sie unbequem war und ich heute einiges peinlich finde. Verblüffend ist, dass ich acht Jahre nach Karriere-Ende eher häufiger angesprochen, erkannt oder verwechselt werde. Laut Umfragen bin ich mit Heiner Brand noch immer das Gesicht des deutschen Handballs. Gut für mich, schlecht für den Handball. Wir brauchen ein neues Aushängeschild.

Mit wem werden Sie verwechselt?

Oft mit Basketball-Star Dirk Nowitzki, dem ich nur bis zur Schulter reiche. Und ich werde mit Thomas angesprochen wegen Schauspieler Kretschmann.

Neben Ihrem Job bei Sport1 hatten Sie viele TV- und sogar Kino-Auftritte.

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Stefan Kretzschmar träumt von Männer-Bundesliga-Handball in Leipzig.

Quelle: Malte Christians

Es kommen pro Woche 30 Anfragen, Interviews, neue Fernseh-Formate. Das meiste ist nicht meins. Ich habe mir eine gewisse Glaubwürdigkeit erarbeitet, war nicht im Dschungelcamp oder beim Promi-Dinner. Weil es mir keinen Spaß macht und meine Fans mir nie verzeihen würden, wenn ich mich verkaufe. Gehst du ins Dschungelcamp, bist du medial erledigt.

Was hat Ihnen denn Spaß gemacht?

Die beiden Kinofilme waren eine coole Erfahrung ("Kokowääh 2" und "Kein Sex ist auch keine Lösung" - die Red.), auch weil ich mit hervorragenden Schauspielern arbeiten durfte und sehen konnte, wie das alles funktioniert. Als ich MTV Sushi gemacht habe, hatte ich auch keine Ahnung von Moderation, und es wurden fast hundert Sendungen. Im Vorjahr war es schön, zweimal bei Markus Lanz zu sein, über mein Leben und politische Themen zu reden. Ich habe viel gelernt, auch, dass man zu Stefan Raab nicht unbedingt zweimal gehen muss. Man hat nur drei Minuten Redezeit, die Qualität bei Lanz ist wesentlich höher. Zum Glück muss ich nicht alles machen, was mir angeboten wird. Mein Bekanntheitsgrad ist genau richtig. Populär genug, um daraus Vorteile zu ziehen, nicht populär genug, um auf dem Radar von Bunte und Gala zu sein.

Wie würden Sie Ihr Berufsbild bezeichnen?

Ich glaube, dass ich der perfekte Netzwerker bin. Ich bringe Leute zusammen, verbinde Menschen und Ideen, bin Experte und Entertainer. Und ich liebe Handball über alles, versuche meinen Sport populär zu machen, auch wenn ich die Protagonisten oft kritisieren muss und die Fußballer zu mir sagen: Kretzsche, dein Sport stirbt aus, komm lieber zu uns.

Von der Handball-WM vom 15. Januar bis 1. Februar in Katar überträgt nur Bezahl-Sender Sky. Ein Problem?

Die WM-Quali nicht zu schaffen, dann auf ominöse Weise eine Wildcard zu erhalten, den Fernsehvertrag trotzdem nicht zustande zu bekommen und erstmals nicht vor einem Millionen-Publikum zu spielen - das ist traurig für meinen Sport. Aber es ist nicht der Supergau, weil Sky eingesprungen ist. Sie haben ein tolles Expertenteam, bringen Handball fantastisch rüber. Es ist nun mal eine weltweite Entwicklung, dass man für Sportsendungen zahlen muss.

Wie wichtig ist die WM für den DHB?

Der Handball steht am Scheideweg, eine erfolgreiche WM wäre Balsam auf die Wunden. Wir brauchen jede positive Schlagzeile. Drei der letzten vier Turniere haben wir nicht erreicht, für den weltgrößten Handballverband ist das eine Katastrophe. Wir müssen Katar als Chance begreifen und beweisen, dass wir die Teilnahme sportlich verdient haben. Es gibt noch genug Fans, das sehe ich auf meiner Facebook-Seite und in den Internet-Foren.

Was machen Sie in Katar?

Ich werde Tagebuch und Kolumnen schreiben, Interviews führen, über Hintergründe berichten, das Land vorstellen - vorwiegend für sport1.de, weil wir keine TV-Rechte haben. Wir hoffen aber, dass wir es oft in die TV-News schaffen.

Was erwarten Sie vom Land?

Ich fahre mit zwiespältigen Gefühlen und viel Respekt hin. Wir haben Regeln zu befolgen, die wir aus Europa nicht kennen, und man braucht für alles eine Drehgenehmigung. Ich bin gespannt, ob sich Katar weltoffen und tolerant präsentiert.

Wer sind Ihre WM-Favoriten?

Für mich ist Frankreich bei jedem Turnier Top-Favorit, solange Karabatic spielt. Auch die Spanier werden stark sein, die Dänen und die Polen.

Dänemark und Polen sind in der deutschen Vorrundengruppe.

Es geht gegen Polen los, eine robuste Truppe mit viel Erfahrung. Für unser Team kann der Auftakt eine Chance sein. Wir sind Außenseiter, auch gegen Dänemark. Argentinien und Saudi-Arabien sind Pflichtsiege. Ich hoffe, dass wir Russland schlagen und mindestens als Gruppendritter ins Achtelfinale einziehen.

Wann wäre die WM für das Team ein Erfolg?

Das Problem früherer Turniere war, dass die Mannschaft mit der Angst hinfuhr: Hoffentlich verkacken wir nicht. Das darf nicht die Herangehensweise sein. Das Team muss Selbstvertrauen und Siegermentalität entwickeln. Das geht nicht auf Knopfdruck, das muss man sich in der Vorbereitung und im Turnier erarbeiten - und dann, nur intern in der Kabine, sagen: Jungs, wir holen eine Medaille. Das mag unrealistisch sein, aber wer nicht träumt und sich keine hohen Ziele stellt, erreicht nichts.

Hat Deutschland Weltklasse-Spieler?

Uwe Gensheimer ist vielleicht der beste Linksaußen der Welt. Mit ihm und Patrick Groetzki haben wir eine super Flügelzange und drei Torhüter, die auf Weltniveau halten können. Der Rückraum muss als Ganzes funktionieren. Steffen Weinhold ist für mich der Leader. Aber niemand kann dort allein Spiele entscheiden, das geht nur im Verbund. Und mit einer starken Abwehr. Vorne helfen eine klare Linie, wenig Fehler und ein schnelles Zusammenspiel. Wir haben keinen Karabatic oder Hansen. Paul Drux kann mal einer werden, aber man darf ihm nicht zu viel aufbürden. Der Junge ist 19, soll das Gesicht der WM 2019 im eigenen Land werden. Entscheidend ist, dass die Spieler an sich glauben und zusammenwachsen. Vor allem das erste Testspiel gegen Island hat Mut gemacht. Wir haben kein Weltklasse-Team, aber eine gute Mannschaft.

Warum ist Bundestrainer Dagur Sigurdsson der richtige Mann?

Er hat gesagt, dass er sofort Erfolg haben will. Das hat mich beeindruckt. Er ist keiner der vielen Trainer, die von einem Zukunftsprojekt reden, sich so Zeit kaufen und ein Scheitern entschuldigen wollen. Ich kann das Wort Perspektivkader nicht mehr hören. Wir haben in Deutschland nicht so viel Zeit, können eine WM nicht abschenken. Sigurdsson ist intelligent, erkennt Probleme sofort, hat eine klare Philosophie. Er will gewinnen - jetzt. Davor habe ich Respekt.

Woran ist Vorgänger Martin Heuberger gescheitert?

Er ist ein akribischer Arbeiter, der Handball verstanden und das mit Titeln im Juniorenbereich nachgewiesen hat. Aber als Männer-Nationaltrainer, als Anführer der wichtigsten Mannschaft des Landes, musst du uneingeschränkt respektiert werden. Es darf nicht im Ansatz bei Spielern der Eindruck entstehen: Hier könnte ich mich irgendwie durchmogeln. Du musst die absolute Autorität sein, da hatte er ein Manko.

Interview: Frank Schober, Steffen Enigk

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