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Sportbuzzer „Mein Vater hätte mich erwürgt, wenn ich abgehauen wäre“
Sportbuzzer „Mein Vater hätte mich erwürgt, wenn ich abgehauen wäre“
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08:01 07.04.2018
Eberhard Vogel, ehemaliger DDR-Fußball-Nationalspieler Quelle: dpa
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Jena

Mit dem Begriff lebende Legende muss man sorgfältig umgehen – Eberhard Vogel ist eine. Der im sächsischen Frankenberg geborene Vogel ist mit 440 Erstligaspielen DDR-Rekordspieler, hat für den FC Karl-Marx-Stadt und Carl Zeiss Jena 188 Tore geschossen, hinter Achim Streich (229 Treffer) ewige Nummer zwei. Am Sonntag feiert der 74-fache Nationalspieler seinen 75. Geburtstag. Matz Vogel, der seine XXL-Karriere erst mit 39 Jahren unter einem gewissen Hans Meyer beendete, im exklusiven Interview über ein unmoralisches Millionen-Angebot des Pele-Clubs FC Santos, eine sensationelle linke Klebe, Jürgen Sparwassers 1:0 gegen die BRD, Streicheleinheiten für die heranwachsenden Matthias Sammer und Rico Steinmann, den Aufstieg von RB Leipzig und die Antrittsschwäche seines Sohnes Tino (48), der übrigens glühender Andrea-Berg-Fan ist.

Herr Vogel, wie und wo wird am Sonntag gefeiert?

Mit Verwandten und engen Freunden in einer Jenaer Gaststätte. Keine große Sache, im kleinen Kreis. Meinen alten Fußball-Kumpels gebe ich später einen oder zwei aus.

Sie haben erst mit unglaublichen 39 Jahren das Trikot von Carl Zeiss Jena ausgezogen. Gut informierte Kreise berichten, dass Sie auch mit 45 den Körper und die Klasse eines Erstligaspielers hatten.

Ich hätte damals noch ein, zwei Jährchen spielen können, aber da hatte der Hans Meyer was dagegen. Im Ernst: Es hatte gereicht, ich hatte eine lange und erfolgreiche Karriere. 440 Oberligaspiele, zig Europapokaleinsätze, 74 Länderspiele – ich kann mich nicht beschweren.

Was war das Geheimnis Ihrer Fitness bis ins biblisch hohe Fußball-Alter?

Ich war nie größer verletzt, habe für den Sport gelebt, hatte auch gute Gene.

Keine Biere, keine Kurzen, keine Zigaretten?

Ab und zu ein Bierchen musste sein, das gehörte dazu. Hochprozentiges habe ich gemieden. Und geraucht habe ich nie.

Das mit dem Quarzen hat Sie fundamental von Achim Streich unterschieden. Der hat sogar in der Halbzeit eine durchgezogen.

Achim war ein unfassbarer Typ. Super Torriecher, beidfüßig, stand immer richtig.

Wobei der Gute das mit dem Stehen wörtlich nahm.

Achim ist weder viel noch schnell gelaufen. Aber was willst du über einen Mann diskutieren, der 229 Oberliga-Tore und 53 Länderspiel-Tore geschossen und geköpft hat?

Ihr letzter Club-Trainer Hans Meyer war nur ein halbes Jahr älter als Sie. Wie war das Verhältnis Trainer-Jüngling/Club-Held?

Sehr anständig und von Respekt geprägt. Er hat mich in seine Überlegungen eingebunden, ich habe ihn nach Kräften unterstützt. Und er hat es mir in meiner letzten Saison überlassen, ob ich auflaufen oder von der Bank kommen will.

In der BRD war Lothar Emmerich für seine linke Klebe gefürchtet, in der DDR Sie für Ihre.

Ich hatte einen starken linken Fuß, aber der rechte war nicht nur dafür da, dass ich nicht umfalle. Ich habe viele Tore mit rechts gemacht, konnte mit rechts schießen und flanken. Das Verhältnis war 60 zu 40 – für den Linken.

Wie sieht Ihre Rangliste mit den besten DDR-Fußballern zu Ihren aktiven Zeiten aus?

Da werden wir mir jetzt aber ein paar Kollegen aufs Dach steigen. Peter Ducke gehört jedenfalls ganz weit oben hin. Hansi Kreische war ein super Mittelfeldspieler, torgefährlich, dynamisch. Achim Streich hat immer und überall getroffen. Und wer an Conny Weise vorbei wollte, war selber schuld.

Und was ist mit Matz Vogel?

Ich lobe mich ungern selbst, aber wahrscheinlich gibt es einige Experten, die mich in diese Rangliste aufnehmen würden.

Jürgen Sparwasser?

Der Spari gehört allein schon wegen seines Tores in Hamburg zu den Unvergessenen des DDR-Fußballs.

Sie haben sich vorm WM-Spiel DDR - BRD eine Muskelverletzung zugezogen. Wenn Sie fit gewesen wären ...

...hätte Spari vielleicht nicht gespielt, ja. Ich habe ihm das Tor von Herzen gegönnt, das war ein sensationeller Abend für ihn und uns alle.

Sie haben mit der DDR 1964 in Tokio und 1972 in München Olympia-Bronze geholt, fehlten aber beim Olympiasieg 1976 in Montreal. Verletzt oder außer Form?

Weder noch. Georg Buschner hat mich nicht mitgenommen. Grundlos. Das ärgert mich heute noch.

Was ärgert Sie außerdem mit Blick auf Ihre Laufbahn?

Das EC-Finale 1981 gegen Tiflis hätten wir nie und nimmer verlieren dürfen. Wir führen 1:0, rennen weiter nach vorne und kassieren das 1:1 und 1:2. Wir haben uns eine einmalige Chance entgehen lassen.

Kommen wir zu legendären Vogel-Toren. 25. November 1970, Wembley-Stadion, England führt 2:0 gegen die DDR und Sie marschieren mit dem Ball durchs Mittelfeld über den englischen Rasen.

Ich hatte Platz, wurde nicht richtig angegriffen und hab´ dann mit links abgezogen.

Aus 35 Metern zieht man nur ab, wenn man Sonne im Herzen hat, Herr Vogel.

Ich hatte einen strammen Schuss. Es könnten übrigens auch ein paar mehr Meter gewesen sein.

Peter Shilton flog vergebens, der Ball war drin, 2:1.

Ich erinnere mich, als wenn es gestern gewesen wäre. Vorm Spiel hat die Queen jedem Spieler die Hand gegeben, es waren 100000 Fans im Stadion, wir haben uns gut verkauft, mein Tor war hinterher in aller Munde. England war für uns DDR-Bürger insgesamt eine Riesensache und ein herrliches Erlebnis.

28. Juni 1964 in Warschau, Olympia-Qualifikation gegen die Sowjetunion, Eckball für die DDR...

Ich habe die Ecke von links mit dem linken Außenrist geschossen.

Das probiert man maximal im Training, Herr Vogel.

Hatte ich, junger Mann, hatte ich. Na jedenfalls senkte sich das Ding über den Torwart ins lange Eck ins Tor. Danach musste ein neuer Ball her.

Weil Sie sich den alten als Souvenir gesichert hatten?

Nein, der Torwart war sauer und hat den Ball in Torgestänge gedrückt. Damals war das Ganze mit Nägeln befestigt, und die waren spitz. Der Ball hatte einen Platten.

Sie waren der einzige Linksaußen weltweit, der auch köpfen konnte.

Ich hatte eine gute Sprungkraft, gutes Timing und keine Angst. Wenn das alles passt, kann man köpfen.

In den 70er Jahren soll es ein unmoralisches Angebot des Pele-Clubs FC Santos gegeben haben.

Das gab es, ja. In den brasilianischen Zeitungen wurde schon über das kommende Sturmduo Pele/Vogel geschrieben. Pele/Vogel - hörte sich gut an.

Verhandlungsbasis: Zwei Millionen Mark sollten den Besitzer wechseln. 1,5 für Carl Zeiss, 0,5 Handgeld für Sie.

So in etwa. Es handelte sich übrigens um D-Mark. Also das Geld hätte ich schon gerne gehabt. Ich war aber sehr heimatverbunden, wollte nicht weg von meinen Eltern und Freunden. Und ganz nebenbei: Mein Vater hätte mich erwürgt, wenn ich abgehauen wäre. Aber ein Wechsel wurde nie wirklich Thema. Heute kann ich sagen, dass ich alles richtig gemacht habe. Es geht meiner Familie und mir gut.

Nach Ihrer Profikarriere waren Sie erfolgreicher DDR-Nationaltrainer diverser Nachwuchsmannschaften. Hat man bei Matthias Sammer früh gesehen, dass er ein Großer wird?

Matthias war begnadet, aber er brauchte auch Streicheleinheiten. Er hat öfters gesagt: ,Trainer, ich habe Schmerzen, ich kann nicht spielen´. Ich habe ihm dann erklärt, dass wir ohne ihn aufgeschmissen sind und ihn unbedingt brauchen. Dann hat er gesagt: ,Trainer, es geht vielleicht doch´! Der Rico Steinmann war auch so einer.

Sie hatten auch Matthias Zimmerling unter Ihren Fittichen.

Guter linker Fuß, ausbaufähige Aggressivität. Ich habe ihn später nach Jena geholt. Übrigens wollte ich auch mal Jürgen Klopp von Mainz loseisen. Der wollte leider nicht nach Jena.

Ihr Ex-Club Chemnitzer FC steigt voraussichtlich aus der dritten Liga ab.

Das ist extrem bitter, jetzt, wo das Stadions ausgebaut worden ist.

Carl Zeiss?

Steigt nicht ab, und das ist als Aufsteiger natürlich positiv. Perspektivisch wäre eine Rückkehr in die zweite Liga wichtig.

Sie haben 1992/1993 Hannover 96 trainiert. Einer Ihrer Stürmer hieß André Breitenreiter. Wie erinnern Sie diese Zeit?

Es war eine sehr intensive, aber leider nur kurze Zeit. André war ein guter und abgezockter Stürmer. Und aus ihm ist ein toller Trainer geworden. Havelse, Paderborn, Schalke, jetzt Hannover - er kann stolz auf sich sein. 96 bleibt in der Bundesliga, da bin ich sicher.

Sie waren schnell wie ein geölter Blitz, haben diese Gabe aber nicht Ihrem Sohn Tino vererbt.

Meine Frau (Angela Höhme, 1968 DDR-Meisterin über 100 Meter) war noch schneller als ich. Aber sie haben Recht, schnell war Tino nicht gerade. Aber ich bin trotzdem stolz auf den Jungen.

Der 2010 den ersten Aufstieg mit den Roten Bullen feierte und jetzt RB-Scout ist. Wie stehen Sie zu RB Leipzig?

Ich sehe das sehr positiv. Für den Osten und für die Fußball-Stadt Leipzig. RB hat einen Wiedererkennungswert, die spielen schnell und dynamisch nach vorne. Da wird toll gearbeitet, da kann man nur den Hut ziehen. Wenn man den Timo Werner richtig in die Gassen schickt, ist der nicht zu halten. Werner hat eine unglaubliche Geschwindigkeit.

Wer ist Ihr Lieblingsspieler in der Nationalmannschaft?

Den Toni Kroos finde ich großartig. Es ist mir immer noch unbegreiflich, dass die Bayern ihn Real verkauft haben.

Ab dem 75. Länderspiel spendiert der DFB ein Abo auf alle DFB-Länderspiele. Sie haben 74 und dürfen nur zu zwei Spielen im Jahr. Künstlerpech?

Ich freue mich über jedes Länderspiel, bei dem ich dabei bin und werde sicher nicht zum DFB gehen und um ein Jahres-Abo bitten.

Von Guido Schäfer

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