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Sport Regional Vor dem Ostknaller gegen Magdeburg: DHfK-Coach Michael Biegler im Interview
Sportbuzzer Sport Regional Vor dem Ostknaller gegen Magdeburg: DHfK-Coach Michael Biegler im Interview
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14:31 11.03.2018
Der neue Chefcoach Michael Biegler.  Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

 Michael Biegler sagt im Nebensatz, er sei ein alter Mann. 56 Jahre ist er alt, der gebürtige Leichlinger und ehemalige Leichtathlet. Alles andere als alt sind seine Methoden, die der Handball-Trainer anwendet. Das sagen die Spieler, mit dennen er zusammenarbeitet. Seit Anfang des Jahres sind das die Männer des Bundesligisten SC DHfK. Und auch Stefan Kretzschmar (45), der mit Biegler befreundet ist. Der Coach, der Hierarchie im Sport für unabdingbar hält, hat schon viel gesehen und probiert. Biegler führte Bundesligisten, war Nationaltrainer Polens und der deutschen Frauen. Am Sonnabend (20.30 Uhr, Arena Leipzig) hat sein Team einen dicken Brocken vor der Brust – den SC Magdeburg.

Herr Biegler, 2013 waren Sie schon einmal beim SC DHfK. Fühlten Sie sich jetzt sofort wieder heimisch? Was ist gleich geblieben, was hat sich verändert?

Das ist ein heterogenes Bild. Von der damaligen Mannschaft sind nur noch Lukas Binder und Lucas Krzikalla da. Aber ich kenne einige Spieler woanders her – Milos Putera aus Wilhelmshaven, Andreas Rojewski aus Magdeburg und der polnischen Auswahl, Jens Vortmann aus Hamburg, Philipp Weber aus Magdeburg. Das ergibt schon ein anderes Bild. Wichtig waren mir die Hauptprotagonisten – es sind die gleichen wie 2013: Maik Gottas, Karsten Günther, André Haber und Stefan Kretzschmar. Damals war die Situation für den Verein schon sehr existenzbedrohlich und mit Stress verbunden. Die Kehrtwende hat der ganze Verein damals hinbekommen. Das ist mit der jetzigen Situation nicht zu vergleichen. Der Flow hält an beim SC DHfK. Es ist keine große Durststrecke passiert.

Also kann am nächsten Schritt gearbeitet werden?

Der Verein hat sich etabliert und will sich tatsächlich weiterentwickeln, auch mit einer anderen Spielerqualität. Wir haben jetzt aber auch Nationalspieler, die es zu halten gilt, ehe wir nach neuen Spielern Ausschau halten. Der Verein muss auch vorbereitet sein für eine Phase, in der es nicht so läuft. Und wir arbeiten an der Verbesserung der Trainingsbedingungen. Das ist alles im Fluss.

Woran denken Sie da besonders?

Wir brauchen klar strukturierte Zeitfenster. Der Sky-Vertrag mit der Bundesliga läuft vier Jahre. Wir wissen definitiv: Wir spielen Donnerstagabend oder Sonntag 12.30 beziehungsweise 15 Uhr. Entsprechend müssen wir trainieren. Diese Woche spielen wir Samstag, 20.30 Uhr. Wir haben mit viel Aufwand und Mühe Möglichkeiten gefunden, die Spieler auf den veränderten Tagesrhythmus einzustellen. Wenn sie Top-Spieler nach Leipzig holen wollen, wozu der Verein in der Lage ist, dann fragen die auch solche Bedingungen ab.

Schaut genau hin: Michael Biegler. Quelle: Dirk Knofe

Was bedeutet es für den Verein, drei, vier deutsche Nationalspieler zu haben?

Es ist eine Auszeichnung für uns, richtig. Aber man muss einen Schritt weiter denken. Der Austausch unter den Vereinen findet auf einer ganz anderen Ebene statt. Auf den Lehrgängen unterhalten sich die Spieler, da wird viel verglichen, da wird viel erzählt. Da kann man sich für zukünftige Dinge interessant machen. Deswegen müssen wir weiter an den Bedingungen arbeiten. Auch für den Nachwuchs.

Seit 2013 lief es wie am Schnürchen. Ab wann würden Sie von einer schwachen Phase sprechen?

Ein Spiel reicht dafür nicht aus. Um von einer schlechten Phase zu sprechen, müsste die über ein, zwei Monate gehen, in der man nicht in der Lage ist, seine Leistung abzurufen. Nochmal: Es war ein Flow für Leipzig. Da sind viele Dinge zusammengekommen. Die Mannschaft ist in der vergangenen Saison ins Final Four gestürmt. Pokal ist aber nicht kalkulierbar. Nun stehen für uns die Rhein-Neckar Löwen auswärts an. Aber wir gehören erneut zu den acht Mannschaften, die fürs Final Four infrage kommen. Das ist toll. In der Liga wissen wir aber: Von den sieben Mannschaften, die vor uns stehen, haben wir fünf bereits zu Hause gespielt. Wir haben jetzt noch 14 Spiele vor der Brust – die sind ganz bestimmt schwieriger.

Liegt das auch an den Ausfällen?

Tatsächlich haben wir zum ersten Mal einen Bruch, dass wirklich drei extrem wichtige Leistungsträger ausfallen, eine Position komplett hinten runterfällt. Das ist so. Wir lamentieren nicht. Es wird mir in Deutschland generell zu viel über die geredet, die nicht spielen. Das bringt uns nicht weiter. Wir wollen das kompensieren. In Melsungen haben wir es nicht hinbekommen. Die Struktur hat gestimmt, aber wir haben die Individualität nicht auf die Platte bekommen.

Wie ist Ihr Eindruck vom Team?

Die Mannschaft arbeitet sehr seriös, sie hat einen tollen Fokus, ist sehr einsatzfreudig, versucht sich zu verbessern. Ein Trainer muss wissen, wie lange was dauert, wenn er Veränderungen vornimmt. Wir haben die Mannschaft nicht irritiert. Das wäre auch falsch gewesen. Sie ist bis zum Jahresende gut gelaufen. Das erste Mal hatte sie im Januar einschließlich Aivis Jurdzs vier Abstellungen. Dazu die Ausfälle. Man steht plötzlich zu sechst oder siebt in der Halle. Wenn ich komme und sage, wir machen das jetzt alles ganz anders, dann mache ich einen Fehler.

Die Holzhammermethode beim Systemumbau lehnen Sie also ab?

Das bin ich als Person nicht und das will der Verein auch nicht. Veränderungen müssen sukzessive passieren. Die Mannschaft sieht, wohin wir wollen. Das ist kein Ding von jetzt auf gleich.

Wohin soll sie sich entwickeln?

Es geht um vier Bausteine. Die Mannschaft war bisher sehr fokussiert auf eine stabile Deckungsarbeit, aus der sie schnell ins Tempospiel gekommen ist. Wenn man in der Spitze konkurrenzfähig sein will, dann muss die Gegenrichtung stimmen. Bei fünf Toren Vorsprung mal die Uhr runterzuspielen ist auch eine Fähigkeit, die ich haben muss.

Chefcoach Michael Biegler. Quelle: Dirk Knofe

Wie lauten die zwei anderen Bausteine?

Die Mannschaft deckt ein überragendes System, das gebunden ist an zwei Spieler. Wenn Max Janke oder Basti Roscheck ausfallen, muss das kompensiert werden. Für eine Weiterentwicklung muss eine Alternative her. Ich möchte einen Basti Roscheck auch mal wieder vorn sehen. Im Angriff arbeiten wir an Bausteinchen. Zum Beispiel, dass die Stufe nach außen besser funktioniert.

Welcher Spieler ragt heraus?

Für mich ist die Mannschaft entscheidend. Jeder hat da seine wichtige Rolle. Eine Mannschaft ist immer so gut wie ihr schwächstes Glied. Das ist so. Wenn es mal nicht so läuft, muss jemand da sein, der das Heft in die Hand nimmt.

Die Hierarchie ist also wichtig?

Heutzutage wird immer über flache Hierachien diskutiert. Sport funktioniert so nicht – höchstens bei Sonnenschein. Große Mannschaften haben ihre Leader.

Heißt klare Hierarchie, dass Sie sich von Spielern nicht duzen lassen?

Das hat damit nichts zu tun. Ich wohne doch nicht auf einem anderen Planeten, wir arbeiten täglich zusammen. Ganz Deutschland weiß, dass ich Beagle bin. So nennen mich die meisten – oder Coach. Die wenigsten sagen Michael. Ich bin sehr umgänglich. Ich sehe nicht so aus. Aber für mein Gesicht kann ich nix.

Auch Philipp Weber hat zuletzt Ihre menschlichen Qualitäten gelobt, nachdem Sie sich nach der EM lange mit ihm unterhalten haben ...

Zur EM werde ich nichts sagen. Ich war nicht mit dabei. Ich habe unseren EM-Spielern versucht klarzumachen: Irgendwann bleibt hängen, dass ihr euch sportlich für eine Europameisterschaft qualifiziert habt. Dann kommt ein Lächeln ins Gesicht und die Erkenntnis: Ja, das habe ich geschafft. Ich hab mich durchgesetzt, es war geil.

Können Sie verstehen, warum der DHB nun offenbar vier bis sechs Wochen Zeit braucht, um eine Entscheidung über den Bundestrainer zu fällen?

Ich weiß nicht, was vor Ort passiert ist. Mir steht ein Urteil nicht zu. Aber ich glaube nicht, dass man vier bis sechs Wochen für eine Analyse braucht.

Stefan Kretzschmar und Sie sind befreundet. Tauschen Sie sich oft über taktische Belange und das Team aus?

Wir haben seit Anfang Januar nur mal eine Stunde telefoniert, beim All Star Game nen Kaffee getrunken, beim DHfK-Neujahrsempfang nebeneinander gesessen. Der regelmäßige Austausch mit ihm über Handball fehlt mir schon, denn der ist sehr befruchtend. Das macht richtig Laune, das könnte ich jeden Tag zwei, drei Stunden haben. Wir sind aber sehr unterschiedlich. Es macht keinen Sinn, dass wir abends zusammen losgehen. Da gehen wir in verschiedene Richtungen.

Die Verträge von Spielern wie Benjamin Meschke und Tobias Rivesjö laufen aus. Planen Sie mit beiden?

Ich kann keine Entscheidung treffen, ohne mit einem Spieler gearbeitet zu haben. Der Spieler braucht die Chance, sich entwickeln zu können, dafür muss ich ihm Übungen anbieten und etwas Zeit geben.

Ist Trainer für Sie ein Traumjob?

Den Beruf hatte ich nicht angestrebt. Ich komme aus der Leichtathletik, habe einen klaren Sportbezug. Ich bin sehr dankbar, mit Sport meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Man wirft mir immer vor, so viele Stationen zu haben. Dabei waren die ersten vier Ausbildungsstationen. Ich hab mir damals viel Zeit genommen. Ich hab auch keine Cheftrainerposition angestrebt. Ich habe in jungen Jahren einen Landesligisten übernommen, um mein Studium nicht mehr nachts mit Taxifahren finanzieren zu müssen.

Was passierte dann?

Da spielen Zufälle eine Rolle. Plötzlich hat da jemand beim Training zugeschaut und gesagt: Das macht Laune, den möchte ich als Co-Trainer haben. Und wupps ist man in der Bundesliga. Das war keine Seilschaft. Ich habe mich nicht unter Druck setzen lassen, Cheftrainer zu werden. Ich habe sehr viel Spaß, Methodiken zu entwickeln, habe viele Lehrmaterialien erstellt, viele Vorträge weltweit gehalten. Mit Bundesligisten habe ich Trainingsmethoden entwickelt. Defense Pressure ist auch hier in Leipzig bei den HCL-Frauen getestet worden. Denn eine Methodik wird nur anerkannt, wenn sie sich auch im unteren Bereich und im Frauenhandball bewährt hat.

Ihr Job hat sich zum Traumberuf entwickelt?

Im Team. Für mich sind Personen entscheidend, die einen auch fordern. Man muss ständig gefordert werden.

Schauen wir auf das Spiel gegen Magdeburg. 20.30 Uhr ist Anwurf. Ist die Rhythmus-Anpassung im Training so wichtig?

Ja. Es ist schon die Frage, wann die Spieler gewohnt sind, ihre körperliche Topleistung abzurufen. Einige Jungs haben Nachwuchs bekommen. Da ist morgens zu Hause viel Bambule. Familienväter tun sich oft schwer mit dem späten Zeitfenster. 20.30 Uhr ist sonst ihre Couch-Phase. Da muss man zeitig umschalten. 19 Uhr Spielbeginn halte ich normal für eine Mannschaft, die zwischen 18 und 20 Uhr trainiert. 20.30 Uhr ist ein großer Unterschied. Dieses Trainingsfenster haben wir sonst nicht, aber die Geschäftsstelle hat das super organisiert.

In Kretzsches Talk sagten Sie im September den Satz: „Eine Lokomotive, die läuft, muss man nicht aufhalten.“ Wären Sie fast nicht nach Leipzig gekommen?

Ich habe mich vernünftig und korrekt in der Situation verhalten. Zum einen hatte ich André Haber versprochen, aus Respekt kein Spiel in der Halle zu verfolgen. Genau das habe ich getan, auch wenn es im Fernsehen falsch dargestellt wurde. Ich war erst zum Talk in der Halle. Leipzig hatte mit Flensburg gerade einen Großen geschlagen und lag auf Platz drei. Wenn das die Situation im Dezember gewesen wäre, glaube ich schon, dass wir uns unterhalten hätten. Ich würde mich jedes Mal wieder so verhalten. Ich weiß ja, warum ich hier bin. Der Verein will sich weiterentwickeln. Es ist ja nicht so, dass ich André jetzt an den Rand drücke. Um Gottes willen. Ich nehme ihn doch jetzt mit. Ich bin ein Teamplayer.

Von Alex Bley, Frank Schober

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