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Sportmix Wie Mischa Zverev Murray ausschaltete
Sportbuzzer Sportmix Wie Mischa Zverev Murray ausschaltete
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17:47 03.02.2017
Überraschung: Mischa Zverev jubelt nach dem Sieg über Andy Murray. Quelle: AP
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Melbourne

Mischa Zverev musste 29 Jahre alt werden, um die Leistung seines Lebens abzuliefern. Bei den Australian Open schlug er im Achtelfinale den Weltranglistenersten Andy Murray, eine Runde später war der spätere Turniersieger, die Legende Roger Federer, zu stark. Dennoch ein Tennismärchen, geschrieben von einem, der während seiner gesamten Profikarriere hinter den Erwartungen zurückgeblieben war und sich nun plötzlich auf Rang 35 der Weltrangliste wiederfindet. Dabei war Mischa längst der Rang von seinem zehn Jahre jüngeren Bruder Alexander (Spitzname Sascha) abgelaufen worden. Und dann dieses Comeback. Zur Belohnung gab’s die Nominierung zum Davis Cup – erstmals gemeinsam für die Brüder.

Mit zwei Wochen Abstand: Woran erinnern Sie sich auf Anhieb, wenn Sie an Ihren Sieg über Andy Murray denken?

Woran ich mich am meisten erinnere, sind bestimmte Punkte und dieses Gefühl der Erleichterung, nachdem ich das Match gewonnen hatte. Ich konnte es nicht glauben. Ich wollte den Moment genießen, aber auch schnell den Platz verlassen. Ich dachte, vielleicht wache ich auf und das ist nur ein Traum und ich muss doch noch zwei Punkte zu Ende spielen. Das hätte ich nicht geschafft. Es war eine Mischung aus Glück und Erleichterung, einzigartig. Das hatte ich noch nie zuvor in meinem Leben und weiß auch nicht, ob ich das jemals noch mal verspüren werde. Das war ohne Worte.

Wie war das Gefühl beim Matchball?

Das Publikum wurde laut. Die ganze Zeit schon. Da merkte man jeden Ball, jeden Punkt. Gott sei Dank war der Matchball zügig: Aufschlag. Return. Fehler. Vorbei. Aber danach weiß ich nichts mehr. Manche sagten mir, es hätte ihnen gefallen, wie ich gejubelt habe. Ich musste es mir noch mal anschauen. Das habe ich aber erst zu Hause gemacht. Nur den Matchball und was hinterher passiert ist, habe ich ein paarmal geschaut, nicht das ganze Match. Aber am Abend danach lag ich im Bett und fing an zu schwitzen, meine Hände, meine Füße. Im Kopf arbeitete ich alles noch mal durch, das ist bei mir immer so.

Haben Sie sich selbst überrascht?

Für mich fing alles mit dem Sieg in der zweiten Runde gegen John Isner an. Da habe ich den Matchball abgewehrt und noch gewonnen. In dem Moment war das viel unerwarteter für mich. Der Sieg gegen Murray war auch unerwartet, überraschend und emotional, aber anders. Ich habe den ersten Satz gewonnen, lag mit 2:1 in den Sätzen vorne, es war mehr so: „Bring das bloß irgendwie nach Hause! Knick nicht ein!“

Sie sind nicht eingeknickt gegen die Nummer eins.

Bestimmte Sachen passieren, und es klappt irgendwie. Es ist Können, aber im Endeffekt auch Glück. Das ist schwer für den Kopf. Man muss sich darüber freuen, aber auch akzeptieren, dass man zwar hart trainiert hat, aber immer Glück dabei ist. Beim letzten Spiel gegen Murray spiele ich bei 15:30 einen Stopp fünf Zentimeter über die Netzkante – wenn der hängen bleibt, kassiere ich vielleicht das Break, dann steht’s 5:5 und das Match wäre wohl gekippt. Dann war man so nah dran und diese fünf Zentimeter hätten entschieden. Man kann nicht sagen, nur weil man so hart trainiert hat, geht der Ball eben rüber. Irgendwo ist es ein Unfall, Glück. Aber ich versuche, die positiven Momente wahrzunehmen und sie auch zu verstehen. Sie kommen vielleicht nie wieder.

Was hatten Sie sich vor den Australian Open eigentlich erhofft?

Ich wollte eine Runde gewinnen. Vor zehn Jahren hatte das zuletzt in Australien geklappt. Ich hatte hart im Winter gearbeitet. Die Vorbereitungsturniere liefen okay, daher dachte ich, wenn die Auslosung stimmt, wäre eine Runde schön. Mit dem Viertelfinale habe ich nicht gerechnet, nicht einmal mit der dritten Runde. Das kam so plötzlich, aber dann habe ich es mitgenommen.

Und zur Belohnung gab es nach acht Jahren wieder eine Einladung zum Davis Cup.

Es ist eine schöne Belohnung. Jetzt habe ich es mir verdient, wieder für Deutschland zu spielen. Es freuen sich alle, dass ich dabei bin. Es ist eine schöne Atmosphäre.

Anders als Ihr erster Einsatz 2009 im Viertelfinale in Marbella: ein Hexenkessel, in den Sie mit 21 Jahren geworfen wurden.

Das war ein extremes Erlebnis. Die Zuschauer jubelten, weil man den ersten Aufschlag verschlagen hat. In dieser aufgeheizten Atmosphäre habe ich gemerkt: Man muss dafür bereit sein. An dem Tag, in dem Alter, gegen die Spanier war ich emotional noch nicht bereit, da zu bestehen. Etwas Schlimmeres als das kann man nicht erleben. Also müsste ich alles, was jetzt im Davis Cup kommt, besser verkraften können.

Danach rutschten Sie ab. Hat Ihnen das Erlebnis einen Knacks gegeben?

Ich habe Entscheidungen getroffen, die nicht förderlich für meine Karriere waren. Ich habe nicht angefangen zu trinken und zu feiern. Aber ich wollte Erfahrungen sammeln, und das war für mein Tennis nicht so gut. Dann kamen Verletzungen hinzu.

Sie haben mal gesagt: „Ich musste erst auf dem Boden aufschlagen, um zu merken, wie viel mir Tennis bedeutet.“ Wann war der Tiefpunkt?

Vor drei Jahren nach meiner Handgelenksoperation. Da konnte ich nichts machen und bin mit ein paar Junioren als Trainer zu Turnieren mitgefahren. Wir waren in Südtexas und ich konnte kaum den Schläger festhalten. Ich hatte ein halbes Jahr nicht gespielt und trotzdem konnte von den Jungs keiner einen Trainingssatz gegen mich gewinnen. Da dachte ich: Es geht ja noch ganz gut. Und vielleicht sollte ich es noch mal probieren, dieses Mal richtig.

Hätten Sie das Comeback ohne Ihren Bruder geschafft?

Keine Chance. Er gibt mir das Gefühl, dass Träume wahr werden können. Er war immer positiv, sagt sich: „Ich kann das, ich schaff’ das.“ Diese Einstellung nehme ich mit. Ich bin eher Realist. Er sagt mir dann: „Mischa, du immer mit deinen Fakten, schieb die mal beiseite und konzentriere dich auch die Träume.“ Er hat mir den ersten Schubs gegeben, dann kam alles ins Rollen.

Kann man sagen, Sie motivieren sich gegenseitig zu besseren Leistungen?

Bestimmt. Bei uns ist jeden Tag Wettkampf. Wer stemmt mehr Gewichte? Wer kann schneller laufen? Wer kann mehr essen? Da will ich als Älterer nicht abfallen. Wir profitieren beide voneinander. Aber mir hat es nach der Verletzung sehr geholfen, wie hart Sascha gearbeitet hat. Da konnte ich mitziehen.

Trotz der zehn Jahre Altersunterschied sind Sie sehr eng miteinander.

Es wäre schwieriger, wenn wir ein, zwei Jahre auseinander wären. Ich kann mich in ihn reindenken und werde daran erinnert, wie man sich das Leben in dem Alter vorgestellt hat und wie positiv man war. Durch ihn kann ich weiter jung denken.

Nun spielen Sie erstmals gemeinsam im Davis Cup, wie funktioniert das?

Hier sind wir als Mannschaft. Sascha ist mehr der Anführer, der Höchstplatzierte. Er fühlt sich sehr souverän und das ist gut. Philipp Kohlschreiber ist auch lange dabei, die beiden sind die Zugpferde. Ich fühle mich eher wie der Neuling in der Mannschaft.

Macht es Ihnen nichts aus, dass Ihr Bruder im Mittelpunkt steht?

Überhaupt nicht. Ich stehe lieber im Hintergrund, das finde ich entspannter. Für mich war das hilfreich, dass alle auf Sascha gucken. Gerade vor dem Comeback. Ich wurde in Ruhe gelassen und konnte das Tennis genießen.

Von Petra Philippsen

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