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Absacker Für mehr Rhetorik an und vor der Wand
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22:11 10.10.2016
Quelle: Gisela Gramsch
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Leipzig

Die Treppenstufen sind an jenem Morgen besonders leicht zu überwinden. Der in einer Thermoskanne mitgebrachte Wachmacher hat genau die richtige Temperatur und das Verhältnis von Milch zu Kaffee ist optimal. Jemand hat bereits die Fenster geöffnet. Ich rieche frische Luft. Im Innenhof des Seminargebäudes höre ich ein bescheidenes Vogelzwitschern, das gerade so laut ist, um mich nicht zu stören, das ich unbewusst als Vorbote des Frühlings wahrnehme. Die Kommilitonen lächeln sich zu.

Guter/n Morgen!

Die Tür öffnet sich und der Dozent betritt den Raum. Auch heiter. Auch wach. Nach einem Blickkontakt wissend um die gleiche Freude über den schönen Morgen. Die studentische Hilfskraft hat bereits die Technik vorbereitet: also Beamer anschalten und mit dem Laptop verbinden. „Danke Lena! Hat geklappt?“ Hat geklappt. Das Seminar kann beginnen. Erste Folie der Power-Point-Präsentation. Augendrehen. Die Stimmung kippt.

Es gibt ihn und sie: die Männchen und Weibchen der Gattung Dozentae IchüberlademeineFolienbisnichtsmehrdraufpasstae! Das ist der Moment, in dem der noch so schönste Morgen aller Morgen nicht darüber hinwegtäuschen kann, wie viel rhetorische Unfähigkeit sich zuweilen hinter den glatten Fassaden der Universität verbirgt. Das ist der Moment, in dem man sich einen quirlig-enthusiastischen Überflieger wünscht, der das Selbstbewusstsein inhaliert hat und seit der zweiten Klasse weiß, wie man ein Publikum für sich gewinnt. „Das gehört nicht in die Uni, dort ist nüchterne Sachlichkeit gefragt“, könnte man erwidern. Auch richtig. Aber nicht nur. Wir brauchen mehr Performer unter den Dozenten. Seid mal ein bisschen mehr Klassensprecher und weniger Pausenaufsicht. Seid mal ein bisschen mehr Roger Willemsen und weniger Bömmel. Und vor allen Dingen: knallt eure Folien nicht bis zum Rand mit Buchstaben voll. „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern nichts mehr weglassen kann.“ Hat er mal wieder recht, der Saint-Exupéry.

Ole Steffen

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