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Zu Tisch: Allein

Der Absacker Zu Tisch: Allein

Studierende verstehen sich gern als hoch individualisierte, exotische Wesen ohne Bezug zu jedwedem Kollektiv. Wie gruppen-affin sie dann doch alle wieder sind, zeigt sich besonders anschaulich in anthropologischen Grundsituationen - wie der Nahrungsaufnahme. Verhaltensstudien aus der Mensa am Park.

Quelle: Gisela Gramsch

Wer die Mensa am Park einzig für einen Ort der Nahrungsaufnahme hält, ist sicher nie dort gewesen. Als Zentralgestirn des Campus-Universums ist die Mensa in erster Linie Laufsteg und Tempel von Apoll – Gott des schönen Scheins.

In Apolls heiligen Hallen speisen behemdete Wirtschaftswissenschaftler mit schnieken Frisuren neben zotig barfüßigen Ethnologen; es mampfen scheu dreinblickende Informatik-Nerds im Pink-Floyd-Shirt neben exhibitionistischen Röhrenjeans-Bart-Hipstern aus der Politologie;  engagierte Soziologinnen, das Haar zum Knoten geballt, soupieren neben aufgetakelten Juristinnen im Business-Kostüm. Selbstfindungsromantiker allesamt – authentisch bis aufs Haar- bzw. Bartpflegeprodukt.

Man beäugt sich misstrauisch. Auch werden hin und wieder kleinere Scharmützel ausgefochten. So bricht über den zynisch grüblerischen Philosophen, der soeben mühevoll sein Steak vom ungeliebten Fettrand befreit hat, die näselnde Stimme einer Veganerin herein. Umsonst sei das Schwein gestorben, werde der Fettklumpen verschmäht. „Tot ist tot“, hallt es zurück, prallt ab und verliert sich im Getöse der Stoßzeit.

In diesem Glaubenskrieg ist es ratsam, sich stets mit einem kleinen Trupp Gleichgesinnter zu umgeben. Das stärkt das Selbstbewusstsein und untermauert die eigene Weltsicht durch schiere physische Präsenz.

Wer hier allerdings allein aufkreuzt – notgedrungen oder mangels sozialer Kompetenz –zieht unweigerlich Tuscheleien und Blicke auf sich. Um eine solche Situation souverän zu meistern, ist für den Sonderling strategisches Vorgehen gefragt. Verschämt zu Boden glotzen, ist keine Option – sollte er auch nur einen Funken Narzissmus in sich tragen, muss der notorische Einzelgänger dies als schwere Niederlage und Schmach betrachten. Also...

Variante 1: Tu geschäftig. Wisch auf deinem Smartphone herum oder lies gedankenvergessen in einem Buch, dessen Titel dein Einzelgängertum bestärkt. Immer gut: Hesse oder, für die ganz Harten, Thoreau. Vermeide Augenkontakte.

Variante 2: Bring die anderen in Verlegenheit, bevor sie es mit dir tun. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Ein Beispiel: Biete Fremden von deiner Rinderzunge an und bleib beharrlich, bis ihr Widerstand gebrochen ist und sie probieren. Vor Psychologiestudenten musst du dich freilich in Acht nehmen – die sind noch verrückter als du.

Variante 3: Der Königsweg: Würge an einer Fischgräte und erbreche auf deinen Teller. Danach kann nichts Schlimmeres mehr passieren. Du bist für alle Zeiten aus dem Gröbsten raus.

Variante 4: Frontalangriff: Schau‘ jedem und jeder fest in die Augen. Dabei kommt es unbedingt darauf an, die Blickduelle zu gewinnen. Vorsicht vor Ethnologie-nahen Studiengängen: Die sind derart im Einklang mit sich und der Welt, da kannst du nicht mithalten.

Variante 5: Du bist Student. Such‘ dir gefälligst Freunde, du Opfer!

Daniel Salpius

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