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Hochschulpolitik „Brexit means Brexit“ – und für den deutsch-britischen Austausch ein Problem
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21:21 09.02.2017
Wer einen Uni-Aufenthalt in England plant: Besser schnell die Taschen packen! Quelle: public domain
Leipzig

Svend Poller drapiert in seinem Büro an der Uni Leipzig eine kleine Version des „Union Jack“. Er ist Leiter des Akademischen Auslandsamtes und oft für die Uni in Europa unterwegs. Für das Interview hat er die Fahne extra mitgebracht. Am Tag nach der Entscheidung über den Brexit war Poller „auf der Insel“, wie er Großbritannien gerne nennt. „Die Spaltung der Briten war zu spüren. Zwei Frauen an der Uni dort haben geweint“, erinnert er sich.

Als besonders dramatisch empfindet er die Tatsache, dass die Jugend nicht für den Brexit gestimmt hat. An der Uni Leipzig gehen jährlich etwa 65 Studierende über das Austauschprogramm Erasmus+ ins Vereinigte Königreich. Im Gegenzug kommen nur um die 30 Briten zu uns. „Deutsche Studierende gehen eher ins Vereinigte Königreich als Briten zu uns kommen“, sagt Svend Poller und spricht von einem schon immer dagewesenen Ungleichgewicht. „Großbritannien war insofern schon immer ein schwieriges Land, weil die Ausgeglichenheit in den Förderströmen nie besonders groß war.“ Poller ist es wichtig, über die Zukunft nicht zu spekulieren – denn wann und wie der Brexit vollzogen wird, das sei noch gar nicht abzusehen. Dass der deutsch-britische Austausch aber irgendwie weitergehen und sich das Land nicht komplett isolieren wird, ist für ihn keine Frage.

Sorgen macht sich Poller um die Gesamtwirkung auf das Erasmusprogramm. Es ermöglicht Studenten innerhalb Europas den universitären Austausch. 14,8 Milliarden Euro stehen an EU-Fördermitteln bis 2020 zur Verfügung. Mit dem Brexit würde auch mehr Geld im EU-Haushalt fehlen. „Abstriche gibt es meistens im Bildungsbereich“, führt er seine Überlegungen aus. Erasmus muss also möglicherweise mit finanziellen Einbußen rechnen.

Und noch eine Befürchtung hat der Leiter des Akademischen Auslandsamtes: Großbritannien ist relevant für die Forschung an deutschen Unis. An der Uni Leipzig laufen derzeit fünf Forschungsprojekte, an denen britische Wissenschaftler beteiligt sind. „Mit dem Wegfall der EU-Förderung könnten auch überproportional viele Mittel im Forschungsbereich wegfallen.“

Was wird aus den Schotten

Die Volkshochschule Leipzig veranstaltet derzeit zusammen mit der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung eine Vortragsreihe zum Thema Brexit. Heute: „Wege nach Europa und in die Unabhängigkeit? Schottland und der Brexit“. Am Rednerpult steht Hannes Lauter und eröffnet den Abend. „Ich selbst bin Halbschotte, ich wurde in Schottland geboren“, sagt der 24-Jährige. Er studiert European Studies im Master an der Uni Leipzig. Der Brexit war für ihn ein Schock in doppelter Hinsicht – als Europäer und als Halbschotte. Schottland trifft der Brexit besonders hart: 62 Prozent haben für den Verbleib in der EU gestimmt und nur zwei Jahre zuvor ist das Unabhängigkeitsreferendum der Schotten knapp gescheitert.

Die Konsequenzen des Brexit spürt der Student unmittelbar. „Meine Großeltern in Schottland waren für den Brexit. Das war sehr schwierig, familienintern haben wir das Thema deshalb gemieden“, erzählt er. Seine schottische Mutter hat inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt – bisher lebte sie mit einer Arbeitserlaubnis in Deutschland. „Aber die gilt nur für EU-Bürger“, erklärt der Student. Lauter selbst hat die doppelte Staatsbürgerschaft: Er ist Brite und Deutscher. „Was damit dann beim Brexit passiert, weiß ich noch nicht.“

Deutliche Worte zum Brexit und seinen Konsequenzen für den deutsch-britischen Austausch findet an diesem Abend Gastrednerin Sigrid Rieuwerts. Sie arbeitet für das deutsche Generalkonsulat in Edinburgh und hat das Programm „GET across borders“ an der Uni Mainz ins Leben gerufen. GET steht für „german educational trainees“ (deutsche Praktikanten). „Die Uni Leipzig und die Uni Mainz schicken fast alle Fremdsprachenassistenten nach Schottland“, erklärt sie.

Vorbereiten auf schlechte Zeiten

Tatsächlich befinden sich die University of Edinburgh und die University of the West of Scotland auf den Plätzen zwei und drei der beliebtesten britischen Hochschulen, an die Leipziger Studierende im Rahmen von Erasmus+ gehen. „Es gibt ja immer noch Leute, die das bezweifeln, aber es ist völlig klar: Die UK ist ab 2019 nicht mehr Teil der EU“, so Rieuwerts. „Wir steuern deshalb einer Riesenkrise im Bildungsbereich entgegen. Im Moment wissen wir nicht, wie wir das Problem lösen sollen.“ Denn die Erasmusplätze in Großbritannien fallen ihrer Ansicht nach ab 2020 weg.

Das bisher schon bestehende Ungleichgewicht der ankommenden und rausgehenden Studierenden, das auch Svend Poller vom Akademischen Auslandsamt der Uni Leipzig beschrieben hat, kann ohne die Erasmusförderung nicht mehr finanziert werden. „Es wird irgendwie weitergehen, aber anders“, sagt Rieuwerts, wahrscheinlich über bilaterale Abkommen. Aber das hieße: „Wenn ich nur zehn Schotten herhole, können auch nur zehn Deutsche gehen.“ Für die deutsche Bildung sei das fatal. Der Appell von Sigrid Rieuwerts an die Studierenden lautet deshalb: „Sie sollten am besten jetzt gehen!“

Raja Kraus

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