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Lehre & Forschung Cai Yuanpei, ein berühmter Absolvent der Universität Leipzig
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11:08 07.10.2016
Cai Yuanpei, der chinesische Humboldt. Quelle: Wikimedia
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Leipzig

1907 kam Cai Yuanpei nach Deutschland und schrieb sich ein Jahr später an der Universität Leipzig ein, wo er sich vier Jahre lang dem Studium der Philosophie, Psychologie, Ästhetik und Völkerkunde widmete. Er verzichtete auf ein Stipendium für ein Studium in Japan und sagte: „Studieren im Ausland muss im Westen sein – und kann nur in Deutschland sein.“

In seiner Studiumszeit in Leipzig hatte der bereits 40-jähige Mann einen starken Drang nach Wissen und las Nachschlagswerke verschiedenster Fächer. Hier begegnete er vielen Ideen deutscher Philosophen und Gesellschaftswissenschafter und interessierte sich sowohl für die experimentelle Psychologie von Wilhelm Wundt, die Kulturgeschichts-Theorien des Historikers Karl Lamprecht, die Wahrnehmungstheorien des Psychologen Theodor Lipps und die Universitätsidee von Wilhelm von Humboldt. Laut Universitätsarchiv besuchte er in jedem Semester eine Veranstaltung der Professoren Wundt und Lamprecht.

Yuanpei studierte bei Wundt und Lamprecht

In seiner Freizeit besuchte Cai Yuanpei Museen, Konzerte und Galerien und lernte Klavier und Geige. Deutsche Ästhetik hat ihn tief beeinflusst, sodass er später eine neue Idee nach China brachte: “Ästhetik statt Religion in der Erziehung“. Denn er meinte, dass die Religionen unwirklich und unsichtbar seien, dagegen sei Ästhetik vernünftig und real und somit geeigneter für die Erziehung als Religion. Er übersetzte das Werk „Die Grundsatz der Ethik“ von Friedrich Paulsen und verfasste eine „Geschichte der chinesischen Ethik“. Nebenbei half er auch seinem Freund August Conrady, einem Professor für ostasiatische Sprachen an der Universität Leipzig, in der chinesischen Provinz Gansu ausgegrabene buddhistische Sutras zu ordnen.

Nach seinem späten Studium konnte Cai Yuanpeis dann in höchsten Funktionen wirksam werden. 1912 wurde er Erziehungsminister der provisorischen Republik China, 1916 Rektor der Universität Peking. Hier führte er eine Reform durch, die sich am Humboldtschen Bildungsideal orientierte. Er folgte auch der Idee der „Nationalerziehung“ von Johann Gottlieb Fichte: Das Verhältnis des Menschen zur Freiheit solle in der Vernunft- und Werterziehung verankert werden. Deshalb progagierte er „geistige Freiheit und wissenschaftliche Pluralität“ an der Universität Peking. Er ließ erstmals Frauen zum Studium zu und gründete das erste psychologische Labor in China, um seines Lehrers Wilhelm Wundt zu gedenken.

Chinesischer Minister mit Humboldtschen Bildungsidealen

Unter seiner Ägide wurde die Universität Peking das Zentrum der Bewegung des 4. Mai im Jahr 1919. An jenem Tag führte Cai Yuanpei einen Studentenprotest gegen den Versailler Vertrag, laut dem alle deutschen Kolonien in China an Japan übergeben werden sollten, und gegen die der chinesische Regierung – mit dem Effekt, dass der Außenminister entlassen wurde und China den Versailler Vertrag nicht unterschrieb. Die Bewegung markiert auch einen Wendepunkt im Denken vieler chinesischer Intellektueller, die sich vom Vorbild der westlich-liberalen Demokratie abwandten und Marxismus-Leninismus studierten.

Der amerikanische Philosoph John Dewey hat Cai Yuanpei so bewertet: ”Außer Cai Yuanpei gibt es wohl kaum einen Zweiten, der als Rektor einer Universität einen Wandel seiner Nation und seiner Zeit herbeiführte.” Und das Konfuzius-Institut nennt den Alumnus der Leipziger Universität, der mit 72 Jahren in Hongkong starb, „den chinesischen Humboldt”.

Von Yang Zheng

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