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Lehre & Forschung Engagement für Geflüchtete: Initiative von Uni-Professorin ist ein voller Erfolg
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17:20 01.02.2018
Die Online-Plattform "Chance-for-Science" ist ein voller Erfolg.  Quelle: www.chance-for-science.de
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Leipzig

Carmen Bachmann weiß noch nicht, ob sie ihre Workshops für Geflüchtete weiterhin anbieten kann: „Wir hatten einen Antrag bei der Sächsischen Aufbaubank gestellt, sind jedoch leider nicht zum Zug gekommen. Damit haben wir für 2018 erst einmal keine Drittmittel mehr.“ Vor zwei Jahren hat die Leipziger Uni-Professorin „Chance-for-Science“ ins Leben gerufen, eine Online-Plattform, auf der sich deutsche und geflüchtete Akademiker finden und austauschen können.

„Als 2015 immer mehr Geflüchtete zu uns kamen, dachte ich, dass darunter auch Wissenschaftler sein müssten“, sagt die Professorin für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Uni Leipzig. Für sie war klar, dass geflüchtete Akademiker nicht nur ein Dach über dem Kopf sowie Essen und Trinken brauchen. „Sie haben ein zusätzliches Bedürfnis, nämlich nach geistigem Austausch. Wenn dieser fehlt, geht auch irgendwann das erworbene Wissen verloren.“

Von Flüchtlingsunterkunft zu Flüchtlingsunterkunft 

Um diesem Wissensverlust etwas entgegenzusetzen, gründete Carmen Bachmann „Chance-for-Science“. Innerhalb von vier Wochen baute sie die Online-Plattform mit Hilfe eines Studenten auf. Als Vorbild dienten ihnen Dating-Plattformen. „Der Unterschied ist, dass sich bei uns nicht Beziehungssuchende ‚matchen‘, sondern deutsche und geflüchtete Wissenschaftler.“

„Chance-for-Science“ stieß schnell auf eine große Nachfrage: Zahlreiche deutsche Hochschullehrer meldeten sich bei ihr an – aber kein einziger Geflüchteter. Deshalb ging Carmen Bachmann in Leipzig von Flüchtlingsunterkunft zu Flüchtlingsunterkunft und verteilte Flyer, auf denen sie für ihr Projekt warb. Mit Erfolg: Inzwischen haben sich 770 Akademiker aus ganz Deutschland auf „Chance-for-Science“ angemeldet, unter ihnen 230 Geflüchtete. 

Plattform allein reicht nicht aus 

Ihr ehrenamtliches Engagement für „Chance-for-Science“ bezeichnet Carmen Bachmann als zweiten Vollzeitjob. „Ich habe das vor zwei Jahren total unterschätzt. Ich dachte, wenn die Plattform steht, läuft das von alleine: Die finden und treffen sich.“ Doch sie habe schnell gemerkt, dass die Online-Plattform allein nicht ausreiche. „Beim Austausch mit Geflüchteten wurde mir klar, dass es auch Angebote braucht, die ihnen vermitteln, wie der deutsche Arbeitsmarkt und das hiesige Wissenschaftssystem funktionieren.“

Deshalb erstellte Carmen Bachmann ein Konzept für Workshops, die sich an geflüchtete Akademiker richten. Vergangenes Jahr konnten sie erstmalig durchgeführt werden, in Kooperation mit der Uni Leipzig und anderen Bildungseinrichtungen. Gefördert wurden sie vom Freistaat im Rahmen des Landesprogramms „Integrative Maßnahmen“. In den Workshops lernen die Geflüchteten beispielsweise, wie man sich im deutschen Wissenschaftsfeld am besten präsentiert – und was es für berufliche Alternativen gibt, wenn die eigenen Qualifikationen für eine akademische Karriere nicht ausreichen. 

"Ich stehe jeden Morgen um drei oder vier Uhr auf"

Bei der Organisation der Workshops letztes Jahr hat eine Mitarbeiterin Carmen Bachmann unterstützt – finanziert über Drittmittel. Bei allem anderen war und ist Bachmann auf sich allein gestellt. „Um dem Vorwurf zuvorzukommen, ich würde mich nur noch um meine Geflüchteten kümmern, habe ich zudem die letzten zwei Jahre noch intensiver geforscht und Drittmittel eingeworben.“

Zwar stehe sie jeden Morgen um drei oder vier Uhr früh auf und könne so lange im Büro bleiben, wie sie wolle, da ihr Sohn aus dem Haus sei. Aber auch ihr Tag habe nur 24 Stunden – dabei gebe es noch so viel zu tun: „Zum Beispiel könnte die Plattform auch Professoren dienen, die bereit sind, ihre Vorlesungen aufzuzeichnen und online geflüchteten Studierenden zur Verfügung zu stellen.“

Ein Punktesystem für ehrenamtliches Engagement

Und Carmen Bachmann hat weitere Pläne. Sie will sich dafür einsetzen, dass ehrenamtliches Engagement von Professoren stärker gewürdigt wird. „Wir Professoren werden aber nur daran gemessen, wie viel wir publizieren und wie erfolgreich wir Drittmittel einwerben.“ Bachmann schwebt ein Punktesystem vor. „Dadurch könnte man auch gesellschaftliches Engagement messbar machen – zum Beispiel erhält jeder Professor einen Punkt, der seine Vorlesung online stellt und zehn, wenn er sich ein oder zwei Mal im Monat mit einem geflüchteten Fachkollegen trifft und ihm bei der Integration hilft.“ Für ihre Idee rührt Carmen Bachmann nun die Werbetrommel. Aber auch ihr Tag hat nur 24 Stunden.

Von Marcel Jud

Weitere Informationen unter www.chance-for-science.de 

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