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Lehre & Forschung HGB Leipzig: Handwerk + Marketing = Kunststudium
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22:26 07.03.2018
Handwerkliches Arbeiten ist ein wichtiger Teil des Kunststudiums. Quelle: Vera Weber
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Leipzig

Sie sind Frei­geister, die im Elfenbeinturm Kunst­hochschule der nutzlosen Selbstverwirklichung frönen und abgeschirmt von der realen Außenwelt schöngeistigen Denkprozessen nachhängen – und zwar in ab­gewetzten Cordhosen, mit bunten Haaren und Nickelbrille. Diese Vorstellung von Kunststudierenden hält sich zumindest hartnäckig. Dabei verbringen sie viel Zeit in den Metall-, Holz- und Druckwerkstätten, arbeiten entsprechend viel körperlich und mit den Händen.

Handwerkliche Arbeit ist bereits in der Architektur der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) mitgedacht: In der Drauf­sicht formen die Gänge ein großes E. Und in den Querstreben des Buchstabens befinden sich übereinander gelagert die Werkstätten. Unter Anleitung von Handwerkern eignen sich die Studierenden dort Fertigkeiten aus den viel­fältigen Gewerken an: Sie schreinern, radieren, schöpfen Papier, schweißen und fräsen.

Große Materialvielfalt im Bereich der Medienkunst

Jonas Roßmeißl (22) studiert Medienkunst. Gerade in diesem Bereich hat die Formensprache eine Entgrenzung er­fahren. Wo es früher, etwa in der klassischen Bildhauerei, noch einen bestimmten Vorrat an Materialen gab – Stein, Ton oder Bronze – herrscht heute uneinge­schränkte Vielfalt. Entsprechend ratsam ist es, mit möglichst vielen Werkstoffen gut zurecht zu kommen.

Für seine skulpturalen und installativen Arbeiten eignet er sich deshalb auch spezielle Arbeitstechniken an – etwa den Umgang mit glasfaserverstärktem Kunst­stoff oder Flach­blechen, die sich besonders zum Formen eignen. Der Student ist überzeugt: Erst über ein Grundverständnis für die Gewerke sei es möglich, Ausdruck zu finden.

„Wenn man eine bestimmte Schule durchläuft und sich Fertigkeiten dermaßen aneignet, wie sie beispielsweise von den Werkstatt­leitern ausgeführt werden, dann lassen sich daraus neue Praktiken entwickeln“, er­klärt der 22-jährige Student.

Arbeiten im Werkstatt-Rhythmus

Der Medienkünstler verbringt zeitweise bis zu acht Stunden am Tag in der Werkstatt. Um diszipliniert zu arbeiten, orientiert er sich auch mal an klassischen Arbeitszeitmodellen: Von 7:30 Uhr bis 16 Uhr steht er dann an den Werkbänken.

So kommt er gut voran und gewinnt außerdem einen anderen Bezug zu seiner Arbeit: „Wie oft ich schleife!“, ruft er. „Drei Wochen lang habe ich Acht-Stunden-Tage damit zugebracht, irgendwelche Dinge zu schleifen.“ Nach Möglichkeit geht er danach in sein Atelier, „auch mal bis morgens um zwei“, um am Tag darauf im Werkstatt-Rhythmus weiter­zuarbeiten.

Marketingfragen werden immer wichtiger

Doch genau diese Möglichkeiten der eigenen künstlerischen Handwerksarbeit laufen Gefahr zur Nebensache zu werden: Rationalisierungsmaßnahmen zielen unter anderem darauf ab, dass schon Studierende der Kunst zu Auftragstellern und damit kostenintensive Werkstätten über­flüssig werden. Gleichzeitig wird ein ergänzendes Lehr­angebot zur Professionalisierung immer wichtiger – gemeint sind damit Seminare und Workshops zu Kostenplanung und -abrechnung, Netzwerk- und Profilbildung.

„Es wird gelehrt, künstlerische Arbeiten und die eigene Person in eine Form zu bringen, die für den Markt geeignet ist“, erklärt Roßmeißl. Denn ein Künstler-Dasein hat nicht nur etwas mit Originalität oder Talent zu tun, sondern ist auch eine Marketingfrage, eine bürokratische Angelegenheit.

Das ist durchaus sinnvoll, schließlich gewinnen Künstler durch das Outsour­cing von beispielsweise Schleif- und Hobelarbeiten Zeit, um sich ganz der Ideenfindung sowie der Konzeption und Vermarktung von Projekten zu widmen. Es stellt sich aber doch die Frage, inwieweit die Abgabe der handwerklichen Arbeit an Dritte wirklichkeitsnah ist.

Denn Künstler gehören nicht zu den Viel­verdienern: Nach Schätzungen der Künstlersozialkasse verdient ein Medienkünstler durchschnittlich 20.000 Euro im Jahr, eine Medienkünstlerin gerade mal 11.000 Euro. Wie soll es unter diesen Umständen möglich sein, dass sich Kunstschaffende ausge­lagerte Handwerksarbeiten leisten können? Und Studierende erst?

Von Vera Weber

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