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19:41 31.08.2018
Die Saiten eines Clavichords werden vermessen. Wie bei dieser Frühform des Klaviers werden dank des TASTEN-Projekts die Klänge alter Musikinstrumente bewahrt. Quelle: Natalie Montag
Leipzig

Josef Focht, Direktor des Museums für Musikinstrumente der Universität Leipzig, greift oft auf eine antike Sage zurück. So will er Besuchern erklären, warum historische Instrumente nicht einfach „repariert“ werden können. Im Hafen von Athen lag einst ein Schiff, welches mit dem Segen des Helden Theseus versehen war. Um den Segen zu bewahren, wechselten die Städter einmal im Jahr eine kaputte Planke aus. Nach 50 Jahren lag am Kai ein großer Haufen Planken und im Hafen ein völlig erneuertes Schiff. Nun fragten sich die Athener, ob dadurch nicht auch der Segen verloren gegangen sei.

Bei Musikinstrumenten sei es genauso, sagt Focht: „Erneuert man etwa alle defekten Saiten, ist irgendwann von den einst so kostbaren Objekten nichts mehr übrig und sie verlieren ihre Seele.“ Um die Klänge und Melodien der Instrumente zu bewahren, besteht seit Februar 2018 das Projekt TASTEN. Dabei werden 36 historische Tasteninstrumente digitalisiert und längst verklungene Töne wieder hörbar gemacht.

Instrumente erlebbar machen

Zu den bedeutendsten Stücken der museumseigenen Sammlung gehört der älteste Hammerflügel der Welt: Die Fürsten-Familie Medici holte 1690 den Instrumentenbauer Bartolomeo Cristofori an ihren Hof und beauftragte ihn mit der Erfindung eines neuartigen Musikinstruments. Das Ergebnis ist in New York, Rom und Leipzig zu bewundern. Hier steht auch das älteste datierte Clavichord, eine Frühform des Klaviers.

Die Universität Leipzig hat ein neues Projekt ins Leben gerufen: TASTEN.

Diese Instrumente werden für Interessierte erlebbar gemacht, ohne sie dabei zu verändern. „Auf Basis von Berechnungen und Vermessungen der Saiten können bisher nicht mehr spielbare Töne digital rekonstruiert werden“, erklärt TASTEN-Projektleiterin Heike Fricke. Im Team arbeiten neben Informatikern, Musikwissenschaftlern und Restauratoren auch zehn Studierende mit. „Es ist ein angenehmes Arbeiten, weil sich alle wirklich reinknien“, so Fricke.

Kino-Orgel auf dem Laptop spielen

Mit Herzblut dabei ist auch Dominik Ukolov. Der Musikwissenschaftsstudent im Master digitalisiert die Klänge einer 1931 hergestellten Kino-Orgel. Musik zum Film wurde damals in luxuriös ausgestatteten Kinos live gespielt. Stolz führt Ukolov das Ergebnis seiner bisherigen Arbeit vor. Zuerst setzt er sich an die Orgel, spielt ein kurzes Musikstück und betätigt dann verschiedene Hebel, mit denen sich Geräusche imitieren lassen: Das Pfeifen einer Dampflok etwa oder das Prasseln eines Regenschauers.

Danach wechselt Ukolov an seinen Laptop und spielt auf ihm noch einmal das Orgelstück von vorhin. Und tatsächlich: Die Töne, die aus dem Laptop kommen, klingen genauso wie jene der Orgel – ihr digitalisiertes Klangrepertoire macht das möglich. Der Student sagt: „Es ist echt toll, dass bald jeder zuhause die ganzen Facetten des Instruments selbst ausprobieren kann.“

"In die Wohnzimmer aus der Kaiserzeit schauen"

Neben der Klang-Digitalisierung der historischen Instrumente beinhaltet das Projekt noch einen anderen Teil: Die Mitarbeiter restaurieren und scannen 3200 Notenrollen für Selbstspielklaviere. Mancher kennt diese vielleicht aus Westernfilmen: Wie von Zauberhand bewegen sich die Tasten. Für die Mechanik dahinter werden bis zu 50 Meter lange Notenrollen eingehängt. Selbstspielklaviere führten Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer aufstrebenden Musikindustrie und bereicherten private Haushalte und den Schulunterricht.

Das fasziniert Richard Limbert, der bei dem Enträtseln der Notenrollen hilft. Der Musikwissenschaftsstudent im Master schwärmt: „Es kommt mir so vor, als würde ich durch ein Guckloch in die Wohnzimmer der Bürger im Kaiserreich schauen.“ So können die Zuhörer heute den Urstücken im damaligen Tempo lauschen, in der Interpretation wie sie sich die jeweiligen Komponisten ursprünglich gedacht haben.

Wenn das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 600.000 Euro geförderte Projekt TASTEN 2020 endet, werden alle 36 Instrumente des Museums einen eigenen Web-Auftritt haben und über eine Software zugänglich gemacht sein. Das heißt, jeder Nutzer kann sich die Musiknoten seines Lieblingsliedes herunterladen – und sie dann online über den Hammerflügel der Medici in seiner WG-Küche abspielen lassen.

Natalie Montag

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