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Lehre & Forschung Sexuelle Vielfalt in der Pädagogik: Mehr Regenbogen an der Uni?
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16:45 13.06.2017
Lehramtsstudierende lernen nicht, wie man Kindern sexuelle Vielfalt vermittelt. (Symbolbild) Quelle: https://www.flickr.com/photos/carbonnyc/34565728835/ (cc: Flickr/David Göhring)
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Leipzig

Sexualität und Aufklärung sind in der Schule ein hart umkämpftes Feld. Wann immer es um Reformen geht, melden sich sogleich besorgte Eltern und konservative Politiker zu Wort. Besonders heftig in Baden-Württemberg, wo die rot-grüne Regierung 2015 einen neuen Bildungsplan erstellen wollte. Dieser sollte Schüler auch für homo- und transsexuelle Vielfalt und andere Lebensformen abseits der Ehe sensibilisieren. Hunderte Menschen gingen dagegen auf die Straße und unterschrieben Online-Petitionen.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Sachsen sich lange nicht an das Thema sexuelle Vielfalt in der Schule gewagt hat. Nachdem zehn Jahre lang nichts passiert ist, gibt es seit Ende vergangenen Jahres einen neuen Orientierungsrahmen für Familien- und Sexualerziehung. Das 14-seitige Dokument soll Lehrern helfen, im Schulalltag mit sexueller Vielfalt umzugehen. „Ziel ist es dabei, Benachteiligung und Ausgrenzung wegen geschlechtlicher oder sexueller Orientierung vorzubeugen und die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zu tolerieren bzw. zu akzeptieren“, steht es in diesem Papier. Dafür gab es Lob von allen Seiten.

Fortschritt nur auf dem Papier

Dieser Fortschritt verharrt jedoch auf dem Papier, gibt Johannes Nitschke zu bedenken. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.  „Wir wissen nicht, was in der Praxis geschieht“, sagt Nitschke. Für Sachsen gebe es keinerlei Forschung darüber, wie der Orientierungsrahmen im Unterricht angewendet wird. In Berlin, wo es ein solches Dokument bereits seit 2002 gibt, würden nur 15 Prozent der Lehrer im Schuldienst den Inhalt kennen.

Auch der Leipziger Lehramtsstudent Leo Mayatepek hat vom sächsischen Orientierungsrahmen noch nicht gehört. Der 25-Jährige studiert Deutsch und Politik im zehnten Semester. „Ich hatte einmal ein Seminar, in dem das Thema kurz angeschnitten wurde. Konkrete Inhalte kamen aber nicht vor. Auch in den 30 Stunden, die ich bisher selbst unterrichtet habe, wurde das nicht von den Betreuern angesprochen“, sagt er.

Sexuelle Vielfalt ist ein Querschnittsthema

Trotz neuem Orientierungsrahmen thematisiert das Lehramtsstudium sexuelle Vielfalt kaum. Eines der wenigen Seminare dazu bietet Johannes Nitschke selbst an. „Wenn ich ein Seminar innerhalb eines Moduls mache, dann erreiche ich von 800 Studierenden im Sommersemester gerade einmal dreißig.“ Doch eigene Module zu Sexualpädagogik der Vielfalt anzubieten wäre nicht machbar. Vielmehr sei es eine Querschnittsaufgabe. „Das heißt, wir müssten das Thema in verschiedene Module von verschiedenen Fächern hineinbasteln. Die Debatten um sexuelle Vielfalt sind heute so heterogen, dass die Anforderungen an die Ausbildung eben auch immer vielfältiger werden“, so Nitschke.

Meist behandeln nur Bio- und Ethiklehrerinnen Sexualität im Unterricht. Das führt dazu, dass Sexualität in anderen Fachbereichen hinten runterfällt. „Wenn ich aber mal an meinen eigenen Deutschunterricht damals denke, ‚Kabale und Liebe‘, das hat mit Partnerschaft und Beziehung zu tun. All das sind sexualpädagogische Themen“, findet Nitschke.

Studierende machen selbst Bildung

Doch ohne Sensibilisierung im Studium können angehende Lehrer diese Themen nicht sehen und angehen. Dem Auftrag zur Sexualerziehung nach Artikel 36 des Sächsischen Schulgesetzes können sie so kaum nachkommen. „Viele Studierende merken während des Referendariats oder Praktikums, dass Kinder und Jugendliche auch sexuelle Wesen sind. Darauf werden sie an der Uni Leipzig und auch an keiner anderen Uni ausreichend vorbereitet“, kritisiert Nitschke.

Weitere Infos

Interessierte können noch bis zum 27. Juni an der Veranstaltungsreihe "Queere Bildung" der Gruppen "Queerseitig" und "Kritische Lehrer*innen" teilnehmen. Weitere Informationen und Anmeldung zu den Workshops unter queerbildung.le@ protonmail.com

Auf dieses Defizit reagiert eine Gruppe engagierter Pädagogik-Studierender nun selbst. Die Hochschulgruppe „Queerseitig“ und die Studierendeninitiative „Kritische Lehrer*innen“ (KriLe) organisieren im Rahmen einer Veranstaltungsreihe verschiedene Workshops zum Umgang mit sexueller Vielfalt in der Pädagogik. Sie schaffen einen Raum, den die starren Modulstrukturen des Pädagogik-Studiums nicht hergeben.

Auch Leo Mayatepek ist das Thema wichtig. „Ich habe es im Schulalltag zum Beispiel schon oft mitbekommen, dass eine Lehrerin sagt, sie braucht ein paar starke Jungs um die Stühle auf die Tische zu stellen. Solche Geschlechterklischees will ich später als Lehrer nicht reproduzieren.“

Jana Lapper

Bei allen im Artikel vorkommenden Personengruppen, die nicht näher spezifiziert werden, ist die verwendete männliche Form geschlechterübergreifend zu verstehen.

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