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Studentenleben Beratung für Leipziger Studenten: Die Leiden des jungen Musikers
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14:59 10.09.2018
Stressfrei auf die Bühne - dafür wirbt der HMT-Stura und macht auf die unterschiedlichen Beratungsangebote aufmerksam. Quelle: Vera Weber
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Leipzig

Die Bühne betreten, glänzen oder öffentlich scheitern. Und das immer wieder. Der psychische Druck während eines Musikstudiums ist groß, der Bedarf an psychologischer Unterstützung signifikant. Dennoch haben unverhältnismäßig wenige Studierende der Leipziger Hochschule für Musik und Theater (HMT) die Psychosoziale Beratung des Leipziger Studentenwerks in Anspruch genommen.

„Um herauszufinden, woran das liegt und was Musiker brauchen, hat das Studentenwerk Kontakt zu uns aufgenommen“, erzählt Johannes Worms, Gesangsstudent an der HMT. Gemeinsam mit Katharina Merz, Studentin der Elementaren Musik- und Tanzpädagogik, ist er im Studierendenrat Beauftragter für Psychosoziales. Seit knapp einem Jahr gibt es nun eine Anlaufstelle für junge Bühnenkünstler: Die Psychologin Ulrike Seidel ist in ihren Sprechzeiten speziell für die Belange der HMT-Studierenden da.

Einzelunterricht schürt teilweise Probleme 

„Einige suchen Unterstützung bei der Kommunikation mit dem Dozenten“, erzählt Seidel. Gerade das Musikstudium zeichnet sich durch Einzelunterricht aus, entsprechend wichtig ist die Lehrkraft. „Und es kommt vor, dass Lehrerpersönlichkeiten für einige Schüler zu dominant sind“, weiß Worms. Andere wiederum kommen mit Selbstwertproblemen zu den Beratungsterminen der Psychologin.

Dabei ist es oft der strenge innere Kritiker, der Studierende belastet; der absolute Perfektion verlangt, der ihnen einflüstert, sie dürften keine Fehler machen. Entspannungstechniken zu lernen, die den Umgang mit Fehlern und negativen Gedanken erleichtern – darum geht es also auch in ihren Beratungen.

Dabei fällt auf, dass die Belastungen meist eine lange Vorgeschichte haben: Musikalische Frühbildung mit drei, Blockflötenunterricht mit vier, spätestens mit sechs Jahren dann trifft der Jungmusiker die Entscheidung für ein Instrument, das vielleicht einmal seine berufliche Zukunft bedeutet. 13 bis 17 Jahre teure und intensive Ausbildung führen schließlich zu den Vorspielen an renommierten Kunsthochschulen – die HMT ist eine davon.

Die Aufnahmeprüfung ist eine Tortur – drei Runden Probespiel vor einem Komitee. Manche sagen, dass die Leistung dabei sehr subjektiv und nicht unbedingt nachvollziehbar bewertet werde. „In meinem Jahrgang haben sich über 380 beworben, elf wurden genommen. Das ist hart“, sagt Worms, „und es wird nur härter.“

Künstlersein ist Lebensform

Einst Koryphäen an der Musikschule in der Heimat, sind die jungen Künstler hier unter vielen, die einst ebenfalls die Besten waren. Jetzt sind sie alle gut, müssen sich beweisen, durchsetzen, stetig entwickeln. Konkurrenz- und Leistungsdruck, Versagens- und Existenzängste entfalten in den schlimmsten Momenten ihre Wirkung: bei Aufführungen. Dann rast das Herz, der Atem wird flach, dann zittert die Hand und mit ihr der Geigenbogen.

Aus Gründen wie diesen haben sich die Studierendenräte der HMT und Hochschule für Grafik- und Buchkunst bereits 2011 dafür eingesetzt, gemeinsam mit Ingolf Schauer, Dozent an der HMT, eine psychologische Beratungsstelle ins Leben zu rufen. Die Probleme der Studierenden seien zwar nicht unbedingt außergewöhnlich, erklärt der Psychologe und Musiker, hätten aber doch eine spezielle Tönung: „Künstlersein ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Lebensform. Denn seit der Kindheit schon ist die Musik ein wesentlicher Teil des Ichs.“ 

Daher sei es für Studierende oft schwierig, Kritik nicht persönlich zu nehmen. „Du bist falsch“, klingt es dann in den Ohren und nicht etwa „Das war noch nicht so gut“, so Schauer. Genauso wenig ließen sich Beruf und Privates trennen: Feierabende oder Feiertage gibt es nicht, Freizeit bedeutet Übezeit, dabei ist ständiges Üben nicht unbedingt gutes Üben. So müssten Viele erst lernen, Zeit und Freiheit verantwortungsvoll und gesund zu nutzen.

Gesunde Künstler statt fleißige Perfektionisten

Damit an der Hochschule überhaupt mehr über solche Themen gesprochen wird, machten sie fleißig Werbung für die Beratungsangebote von Schauer und Seidel, sagt Katharina Merz vom HMT-StuRa. Wie wichtig das sei, unterstreicht auch ihr Kollege Johannes Worms: „Oft kriegt man zu hören: Du steckst das doch weg. Aber – nein! Wir alle haben mit gewissen Dingen zu kämpfen und wir müssen begreifen, dass wir daran arbeiten können“. Letztlich liegt es im Interesse aller, gesunde und stabile Künstler auszubilden, und nicht nur fleißige Perfektionisten.

Vera Weber

Die Psychosoziale Beratung des Studentenwerkes wird in Kooperation mit der Medizinischen Fakultät der Universität, vertreten durch die Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Leipzig, durchgeführt.

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