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Studentenleben Feministische Pornos und vegane Dildos in der "Voegelei"
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16:53 13.06.2017
Claudia Mika will der sexuellen Vielfalt mehr Raum geben. Quelle: Marlen Schernbeck
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Leipzig

Am Lindenauer Markt, hinter Baugerüsten versteckt, befindet sich einer der ältesten Sexshops in Leipzig. Seit 1990 verkauft Ingo Wallasch (57) hier Sexartikel, meistens mit einer Zigarette im Mund. Die Fenster sind allesamt mit blickdichtem Papier abgeklebt, es riecht muffig. Der kleine Raum ist voll mit Regalen, die von oben bis unten mit Pornos gefüllt sind. Damit verdient Wallasch das meiste Geld. „Meine Kunden wollen zum Pornos schauen nicht ins Internet gehen.“ Dass ihre Sexfantasien online gespeichert werden könnten, erscheint ihnen zu gefährlich. Seine Stammkundschaft ist im Durchschnitt über 50 Jahre alt und besteht zu 80 Prozent aus Männern. Studenten betreten den Laden selten. „Noch nie waren die jungen Leute so verklemmt wie heute“, empört sich Wallasch. Kurios findet er, dass viele Hausfrauen jenseits der 40 bei ihm gerne Schwulenpornos kaufen. Seine DVDs und Videokassetten bietet er oft für weniger als fünf Euro an. Bezahlt wird fast immer bar.

Dunkel, verraucht und schmuddelig – diesem Bild von Sexshops wollen Claudia Mika (32) und Max Valerij (34) nun ein anderes entgegensetzen: den ersten alternativen Sexshop in Leipzig. Voraussichtlich im September wollen die beiden ehemaligen Leipziger Studenten im Leipziger Osten die „Voegelei“ eröffnen. Ein helles und einladendes Geschäft mit einer kleinen Sitzecke und Tee auf Spendenbasis. Dort werden sie ökologische und vegane Sexartikel wie Dildos und Gleitgel anbieten, queer-feministische Literatur und Pornografie sowie Workshops. Geplant ist auch ein Webshop, denn das Geschäft mit Sexartikeln ist vor allem im anonymen Internet erfolgreich.

Die "Voegelei" öffnet - der "Pornobunker" schließt

Das Startkapital für ihr kleines Unternehmen bekamen Mika und Valerij durch Crowdfunding zusammen. Die meisten Unterstützer der „Voegelei“ seien zwischen 25 und 35 Jahre alt. „Unser Konzept richtet sich hauptsächlich an Leute, die Lust und außerdem die Zeit haben, sich mit ihrer Sexualität intensiv zu beschäftigen“, erzählt Mika, die im vergangenen Jahr ihr Studium der Sprachwissenschaft abgeschlossen hat. In Leipzig sieht sie einen großen Markt, gerade durch die ausgeprägte alternative und studentische Szene. Wirklich neu ist der Vorsatz, „Sex aus der Schmuddelecke zu holen“, allerdings nicht. Sexshops wie der von Wallasch am Lindenauer Markt sind mittlerweile selten geworden. Und selbst dieser schließt bald seine Pforten. Das Haus, in dem Wallasch verkauft, wird derzeit grundsaniert. Höhere Mietpreise bedeuten das Aus für seinen „Pornobunker“.

Heute präsentieren sich die Läden oftmals modern und innenstadtnah – so wie zum Beispiel der „Erotik-Shop“ von Evelyn Wittek direkt gegenüber der Mensa am Park in der Universitätsstraße. Hier laufen täglich Studenten an den Schaufenstern vorbei, die mit bunten Dildos und schwarzroter Spitzenunterwäsche dekoriert sind.

Pornografie spricht meist Männer an

Auch die Beate Uhse GmbH als Sexshop-Kette hat einen Image-Wandel vollzogen. Nachdem Mitte der 2000er durch das Internet deren Haupteinnahmequelle – der Verleih und Verkauf von Pornos – weggebrochen war, musste eine neue Marketing-Strategie her. Die Läden wurden schicker und das Logo femininer gestaltet, sodass nicht wie bisher hauptsächlich Männer, sondern auch Frauen und Paare den Weg in das Erotikgeschäft fanden.

„Die Form hat sich geändert, aber der Inhalt ist der gleiche“, kritisiert Mika von der „Voegelei“ das Konzept der Sexshop-Kette. „Eigentlich feiern wir Beate Uhse, sie war die Vorreiterin für den öffentlichen Diskurs über das Lustempfinden“, erklärt sie. Allerdings seien die Produkte – ob Dessous wie Strapse und Corsage oder vor allem das Pornoangebot – klar darauf ausgerichtet, Männer anzusprechen.

"Voegelei" will eine Alternative sein

Die „Voegelei“ will auf Abbildungen von großen Frauenbrüsten, schlanker Taille und makelloser Haut, also von idealisierten Körperbildern, komplett verzichten und darüber hinaus feministische Pornografie anbieten. Mika geht es darum, Rollenbilder zu hinterfragen und Frauen nicht als Sexobjekte zu degradieren, die nur der Befriedigung des Mannes dienen.

Nach sexistischem und frauenverachtendem Material muss man in den Shops von Wallasch, Wittek oder in der Leipziger Beate-Uhse-Filiale nicht lange suchen. Die Filmcover im Uni-nahen „Erotik-Shop“ zeigen Nahaufnahmen von Verletzungen im Intimbereich einer Frau nach dem Gruppensex mit mehreren Männern. Ein anderes zeigt einen Mann, der eine Frau von hinten penetriert und ihren Kopf dabei in die Kloschüssel steckt. „Sowas wird es bei uns nicht geben“, sagt Mika. Sexistische Stereotype will die „Voegelei“ nicht reproduzieren, „stattdessen stehen wir für Gleichberechtigung und sexuelle Vielfalt. Sexistischer Mist und diskriminierende Denke haben bei uns nichts zu suchen.“

Marlen Schernbeck

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