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Studentenleben Geburtstagsfeier für den Kaiser: Wie Sachsen Afrikaner missionierten
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21:49 10.10.2016
Zwei Einheimische transportieren eine reisende Missionarin - dem ist Student Jakob Edenfeld nachgegangen. Quelle: Natalie Montag
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Leipzig

Zwei Jahre lang haben Professor Adam Jones vom Institut für Afrikanistik der Uni Leipzig und 14 seiner Masterstudenten in Seminaren die Ausstellung in der Peterskirche zur christlichen Mission im kolonialen Afrika vorbereitet. Jeder Student war dabei Spezialist für ein Interessengebiet. Sie wählten Bilder aus, forschten in Archiven dazu und haben mit ihm die Ausstellung konzipiert. Vor kurzem ging die Ausstellung zu Ende. Für Jones lag rückblickend der Erfolg vor allem in der gemeinsamen Vorbereitungsarbeit. „Wir hatten das Gefühl, dass wir am Ende etwas hatten, was sich der Öffentlichkeit präsentieren ließ und dem Thema gerecht wurde.“  Über die Anzahl der Besucher kann er keine Aussage machen, weil die bei der öffentlich zugänglichen Kirche nicht gezählt wurde.

Die kleine sächsische Stadt Herrnhut in der Oberlausitz gilt als Ausgangsort für die protestantisch-freikirchliche Missionierung in Afrika. 1722 gründete sich dort die „Herrnhuter Brüdergemeine“ und damit auch die Stadt selbst. In den 1730er Jahren entschlossen sich die Glaubensgenossen, ihren Glauben zu verbreiten und gründete bei Kapstadt Missionsstationen. Im Südwesten des heutigen Tansania ließ sich der Ableger einer protestantischen Freikirche ab 1891 nieder. Zu dieser Zeit war das Gebiet schon Kolonie des Deutschen Reichs und wurde „Deutsch-Ostafrika“ genannt.

Herrnhut in der Oberlausitz Ausgangsort für Missionierung in Afrika

In Herrnhut sind heute 8.000 Fotos archiviert, die die Missionare von den 1860ern bis zum Zweiten Weltkrieg gesammelt hatten. Jones‘ Studenten haben die digitalisierten Bestände gesichtet und das „Herrnhuter Missionsblatt“ durchforstet, mit dem damals die Gemeinde zu Hause über die Fortschritte in der Kolonie unterrichtet wurde. Nun präsentierten sie ihre Befunde in verschiedenen Kategorien: Schamanen, Reisen, Arbeit, Kinder, Macht, Architektur  – und Nelson Mandelas Adoptivvater. Der hieß Jongintaba Dalindyebo, und er findet sich auf Fotos, weil der Herrnhuter Missionar Wilhelm Blohm und der Bischof Samuel Baudert 1929 den Ort besucht hatten, in dem der spätere südafrikanische Präsident Mandela (1918-2013) aufgewachsen war. Die Leipziger Afrikanistik hat 2001 Nelson Mandela diese Fotos geschickt, da seine eigenen Jugendfotos bei einem Brand zerstört wurden.

Das Motto der Ausstellung war „Ein langes Gespräch“. Es sollte die Kommunikation zwischen den Missionaren und den Einheimischen und deren teils gemeinsamer Alltag veranschaulicht werden – und diese Beziehung war nicht immer nur „von oben herab“ und auf den Glauben bezogen. Dadurch konnten sich die Besucher Gedanken machen über die Machtverhältnisse, die auf den Bildern dargestellt sind, und welche Geschichten sich dahinter verstecken.

Abseits von Klischees war die Beziehung zwischen den Sachsen und den Afrikanern oft widersprüchlich und auch überraschend. Gerade das hat den 28-jährigen Afrikanistik-Studenten Jakob Edenfeld fasziniert. Das Thema, mit dem er sich beschäftigt hat, war „Reisen in Deutsch-Ostafrika“. Er ist der Geschichte eines Transportbildes nachgegangen: Zwei ernst blickende Einheimische schieben eine entspannt aussehende weiße Herrnhuter Frau in einem Rikscha-ähnlichem Gefährt. Sie trägt einen Sonnenhut und schaut offen in die Kamera. Auf den ersten Blick vor allem ein Bild, das Rassismus verdeutlicht. „Hier sind aber keine Sklaven oder Unbezahlte zu sehen, wie man vielleicht denken könnte. Die Träger verdienten nicht nur mehr Geld als andere in ihrer Gemeinschaft, sondern konnten auch Karriere machen“, erzählt Jakob. Kutschen, Pferde und erste Automobile waren teuer und aufwändig. Die Europäer waren auf die Einheimischen beim Reisen angewiesen und nutzen sie nicht nur aus Dekadenz als Träger.

Brutalität und Miteinander

Jakob und seine 24-jährige Kommilitonin Carolin Rippstain betonen, dass die Realität in Ostafrika oft anders war, als die Fotografen das Bild inszeniert haben. Die Missionare waren gerade zu Beginn auf die lokalen Herrscher angewiesen und in der Unterzahl. Manche Landstriche durften sie nicht betreten, da sie keine Erlaubnis von den Dorfvorstehern bekamen. Deshalb mussten sie sich in Gesprächen und ihrem Verhalten sehr wohl respektvoll verhalten. Zuerst wurden die Sachsen oft misstrauisch beäugt. Dann ließen sich die Einheimischen teils mit Bedacht missionieren. So waren sie freier von sozialen Verpflichtungen gegenüber der Dorfgemeinschaft, man bekam Arbeit, Unterricht und Güter von den Missionaren. Besonders im herrschenden kolonialen System hatten es jene Afrikaner häufig einfacher, die evangelischen Glaubens waren.

Carolin sagt, man dürfe nicht alles über einen Kamm scheren. „Wir wollen die Verbrechen der Weißen, gerade auch der teilweise brutalen deutschen Schutztruppen, keineswegs relativieren. Nur bei den Missionaren und den Einheimischen gab es eben auch ein Miteinander.“ Die Missionare hätten sogar passiven Widerstand gegen die Kolonialregierung geleistet, leider aber keinen aktiven. Dennoch: „Manche Missionare waren befreundet mit den Einheimischen, ihre Kinder haben zusammen gespielt. Andere verhielten sich aber auch rassistisch und abfällig“, so Carolin. Etwas bemüht dürften manche Versuche der Sachsen gewesen sein, patriotische Gefühle zum Deutschen Reich zu erzeugen: Wie Fotos zeigten, mussten die afrikanischen Schüler der Herrnhuter den Geburtstag des Kaisers feiern. Heute leben übrigens laut Professor Jones rund eine halbe Million Herrnhuter in Tansania.

Natalie Montag

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