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Harvard-Professorin: Innenstadtmaut in Leipzig? Warum nicht!

Mobilitätsexpertin im Interview Harvard-Professorin: Innenstadtmaut in Leipzig? Warum nicht!

In einigen Metropolen der Welt ist sie schon längst Realität, in Deutschland nicht einmal gesetzlich geregelt - die Innenstadtmaut. Im Interview spricht die Harvard-Professorin und Mobilitätsexpertin Diane Davis über Erkenntnisse ihrer Fallstudie in Stockholm - und was sich Leipzig davon abschauen kann.

In Stockholm gibt es schon Mautstationen - irgendwann auch in Leipzig? (Symbolbild)

Quelle: CC BY-SA 2.0 / Derek Yu / flickr.com

Leipzig. Diane Davis (63) ist Professorin für Regionalplanung und Stadtforschung an der Harvard University in Cambridge. Sie leitete eine Studie zur Transformation urbaner Verkehrssysteme und beschäftigte sich in einer Fallstudie mit der Einführung einer Innenstadtmaut in Stockholm. Im Interview spricht sie über die Chancen einer City-Maut in Leipzig - und was die Messestadt von den Schweden lernen kann.

LVZ Campus: Sehr geehrte Frau Davis, bevor wir über Leipzig sprechen: Das Wort Maut ist in Deutschland eher ein politisches Reizwort. Was müssen Befürworter dieses Konzepts tun, um Kritiker zu überzeugen?  

Diane Davis: Mit Sicherheit bestimmt die Art, wie man über ein Thema spricht, dessen öffentliche Wahrnehmung. Die Befürworter eines solchen Konzepts müssen also flexibel genug sein, unterschiedliche Bedürfnisse anzusprechen. Für eher konservative Bürger ist sicherlich die Möglichkeit zusätzlicher Einnahmen wichtiger, bei anderen ist es die Umwelt.

In Deutschland spielt die Autoindustrie eine große Rolle. Diese hat sich in der Vergangenheit eher kritisch zur Innenstadtmaut positioniert. Eines der Argumente war, dass die Erfahrungen aus anderen Ländern nicht auf Deutschland angewendet werden könnten, weil Deutschland eine deutliche andere Siedlungsstruktur habe, zum Beispiel mit weniger Metropolen und vielen Mittelzentren. Gibt es eine Minimalgröße, ab der eine Innenstadtmaut effektiv sein kann?

Die Chancen einer Innenstadtmaut haben immer mit vielen Faktoren zu tun. Einer davon sind die administrativen Strukturen im jeweiligen Land, ein anderer die individuelle Beschaffenheit der Stadt. Stockholm zum Beispiel erstreckt sich über viele Inseln und Halbinseln, das Zentrum ist nur über Brücken erreichbar. Daher können auch die Bürger gut einschätzen, wann sie sich inner- oder außerhalb der Mautzone befinden. Das ist aus meiner Sicht viel wichtiger als die Größe der Stadt. Es spricht erst einmal nichts dagegen, einen Innenstadtmaut auch in einer kleineren Stadt umzusetzen.

Diane Davis

Diane Davis

Quelle: Büro Diane Davis

Sie sprachen gerade die Nachvollziehbarkeit der Mautzonen an. Können Sie das noch etwas erläutern?

Es ist von großer Bedeutung, dass die Stadtbevölkerung einschätzen kann, ob Sie sich gerade in der Mautzone befindet oder nicht. In multizentrischen Städten wie Berlin ist das deutlich schwieriger als in London oder Stockholm. Die Grenzen der Zone müssen bildlich vorstellbar sein. Das sind nämlich Fragen, die die Leute umtreiben: Wird es meine individuelle Mobilität einschränken? Werde ich mich in meinem Viertel weiterhin frei bewegen können? 

Was hat aus Ihrer Sicht in Stockholm zur erfolgreichen Einführung der Maut beigetragen? Inwiefern könnte man diese Erfahrungen auf Leipzig anwenden?

Die Bürgermeisterin von Stockholm begann die Umsetzung mit einer Probephase. Es ist unsere Überzeugung, dass Test- und Probephasen bei der Umsetzung neuer Konzepte eine große Rolle spielen können. Nicht nur, um mögliche Widerstände zu testen. Vielleicht hat man ja auch mehr Unterstützer als angenommen.

Außerdem wurde in Stockholm großer Wert darauf gelegt, dass sich die Effekte der Innenstadtmaut möglichst schnell zeigen. Natürlich ging es auch um Zusatzeinnahmen. Aber man sollte vor allem sehen und mit anderen teilen können, dass der Verkehr wirklich weniger wird. Mit Blick auf Leipzig müsste man auch überlegen, an welchen Orten Effekte sichtbar werden könnten, damit die Stadtbevölkerung die Erfolge mitbekommt.

Welche Voraussetzungen bringt Leipzig Ihrer Einschätzung nach mit, um eine Innenstadtmaut erfolgreich einzuführen?  

Eine Sache, die mir in Leipzig aufgefallen ist, ist dass es hier bereits ein recht gut ausgebautes Nahverkehrsnetz gibt. In Stockholm ist es ähnlich. Es gibt zwar Leute, die meinen, wenn man schon einen guten ÖPNV hat, braucht man auch keine Innenstadtmaut mehr, aber ich sehe das genau andersherum. Ein gut ausgebauter Nahverkehr ist vielmehr Vorbedingung für eine Innenstadtmaut, weil den Menschen alternative Wege offenstehen, um ins Zentrum zu gelangen. 

Wenn man sich Leipzig anschaut, gibt es bereits sehr viele Alternativen zum Auto. Es gibt Straßenbahnen, Fahrradwege, im Zentrum ist vieles fußläufig zu erreichen. Eine Maut kann auch ein Anreiz sein, die Alternativen zu nutzen.

In Leipzig wird auch immer wieder über Verkehrssicherheit diskutiert. Könnte eine Innenstadtmaut sich hier positiv auswirken?

Sicherheit ist wahrscheinlich mittlerweile eines der wichtigsten Themen. Viele Städte weltweit haben in den letzten zehn Jahren massiv den Fahrradverkehr ausgebaut, was aber auch mehr Unfälle mit Radfahrern zur Folge hatte. Die 'Vision Zero', nach der es in absehbarer Zukunft keine Verkehrstoten mehr geben soll, wird in immer mehr Städten umgesetzt. Dabei kann und sollte eine Innenstadtmaut auch eine Rolle spielen.

Und auch wenn es anfangs in Stockholm nicht so die Rolle gespielt hatte, so ergab sich doch im Lauf der Zeit, dass die zusätzlichen Einkünfte auch wichtiger wurden. In Schweden wurden sie aber in das Autobahnnetz investiert. Ideal - und sicher für Leipzig auch nicht uninteressant – wäre es natürlich, die Einnahmen zum weiteren Ausbau des Nahverkehrs einzusetzen, vor allem zur besseren Anbindung von Randbezirken oder Vorstädten.

Doch selbst wenn sich in Leipzig politische Mehrheiten für eine Innenstadtmaut finden würden, so stellt sich die Frage zunächst gar nicht, weil es dafür bislang in Deutschland keine gesetzliche Grundlage gibt. Ist es an der Zeit, hier umzudenken?

Absolut. Eine weitere zentrale Erkenntnis der Studie war: Das Timing ist entscheidend. Jetzt, wo Donald Trump aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgetreten ist, muss gerade ein Land wie Deutschland seine Vorreiterrolle beim Klimaschutz noch stärker ausfüllen. Eine Möglichkeit dafür wäre, auch Themen wie die Innenstadtmaut wieder ernsthaft zu diskutieren. Wenn ich mich zum Beispiel mit einem Italiener unterhalten würde, würde ich dieses Argument nicht bringen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, mit neuen Maßnahmen der Führungsrolle gerecht zu werden.

Interview: Florian Franze

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