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Studentenleben Projekt „Plan B“: Hilfe bei der Suche nach Alternativen zum Studium
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16:57 21.12.2017
Deutschlandweit bricht jeder dritte Studierende sein Studium ab.
Leipzig

Irgendwann ging Julia Schwarz kaum noch in die Uni. Sie mied den Kontakt zu Kommilitonen und las ihre E-Mails nicht mehr. „Ich tat alles, um mich nicht damit auseinandersetzen zu müssen“, sagt die 31-Jährige. Mit „damit“ meint Julia Schwarz den Abbruch ihres Bachelorstudiums. 14 Semester war sie im Fach Politikwissenschaft eingeschrieben, zuerst in Tübingen, zwei Jahre später auch in ihrer Heimatstadt Leipzig.

Bundesweit brechen 29 Prozent der Bachelorstudierenden ihr Studium ab; an den Universitäten ist ihr Anteil etwas höher als an den Fachhochschulen. Dies zeigen die Berechnungen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung.

Ein unüberwindbarer Berg an Arbeit

Direkt nach dem Abitur ging Julia Schwarz an die Uni. „Am Anfang hatte ich gar keine Zeit, darüber nachzudenken, ob mich das tatsächlich interessiert.“ Wie am Gymnasium wollte sie alles möglichst perfekt machen: Sie legte sich selbst einen strikten Arbeitsplan zurecht, las die gesamte Pflichtliteratur und mühte sich mit Hausarbeiten ab, die ihr nicht so leicht von der Hand gingen wie ihren Freundinnen. Das Ziel von Julia Schwarz war klar: Das Bachelorstudium innerhalb der Regelstudienzeit von drei Jahren abschließen und dann einen Master anhängen.

Doch mit der Zeit zweifelte Julia Schwarz immer mehr an ihrer Studienwahl. Und ihre Kraft ließ nach, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. „Nach einem Auslandssemester fand ich mich in meinem strikten Studienalltag nicht mehr zurecht.“ Die Prüfungsleistungen wurden weniger, Abgaben hinausgeschoben. Am Ende sah Julia Schwarz nur noch einen riesigen Berg an Arbeit vor sich und sie wusste nicht, wie sie diesen bewältigen sollte. Schließlich machte ihre Mutter sie auf ein Projekt namens „Plan B“ aufmerksam.

„Plan B“ wurde 2015 ins Leben gerufen und ist bei der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt KOWA in Leipzig angesiedelt. Das Projekt ist Teil eines Förderprogramms des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das KMU – kleine und mittlere Unternehmen – dabei unterstützen soll, Studienabbrecher als Auszubildende zu gewinnen. Bundesweit gibt es 16 weitere Projekte mit derselben Zielsetzung.

„Viele sind verunsichert, wissen nicht mehr, was ihnen Spaß macht“

In Leipzig und Umgebung versuchen die Projektleiterin Jana Wünsch und ihre Mitarbeiterin Susan Wille KMUs zu gewinnen, die Studienabbrecher als Auszubildende übernehmen. Und sie sind Anlaufstelle für junge Frauen und Männer, die ihr Studium abbrechen wollen und eine Alternative suchen. „Bisher haben wir rund 158 Klienten beraten, von 40 wissen wir, dass sie mit unserer Unterstützung eine Ausbildung aufgenommen haben“, sagt Susan Wille.

Vor rund zwei Jahren saß auch Julia Schwarz bei Wille in der Sprechstunde – ohne klare Vorstellung, wohin es gehen sollte. „Ich wollte einfach nur irgendwo unterkommen, was Kaufmännisches machen“, erinnert sie sich. Das sei durchaus typisch, sagt Wille: „Viele unserer Klienten sind verunsichert, wissen nicht mehr, was ihnen eigentlich Spaß macht.“

Im Schnitt seien ihre Klienten 26 Jahre alt und hätten acht Semester studiert, sagt „Plan B“-Projektleiterin Jana Wünsch. Rund jeder Dritte sei ein „Mehrfachabbrecher“, steht also nicht das erste Mal vor der Entscheidung, das Studium aufzugeben. Wie Julia Schwarz sind die meisten noch immatrikuliert, wenn sie die Beratungsstelle von Wünsch und Wille aufsuchen. Die Gründe dafür, dass jemand an seinem Studium zweifelt und eventuell abbricht, sind vielfältig. „Das können beispielsweise Leistungsprobleme, physische oder psychische Erkrankungen oder auch finanzielle Notsituationen sein“, sagt Susan Wille. Oft kämen aber mehrere Gründe zusammen.

Endlich wieder eine Perspektive

Julia Schwarz hatte nicht das Gefühl, dass sich jemand für sie und ihre Situation interessiert. „Es ist leicht, in der Anonymität der Uni zu verschwinden. Ich wusste auch nicht, an wen ich mich wenden sollte.“ Je länger sie studierte, desto größer wurde auch die Scham, sich Hilfe zu suchen. „Wenn es mit dem Studium nicht klappt, nehmen das viele als Scheitern wahr und ziehen sich immer mehr zurück“, sagt Susan Wille. Umso wichtiger seien daher niedrigschwellige Angebote vonseiten der Hochschulen, die eingriffen, bevor sich die Probleme im Studium zu einem unüberwindbaren Berg angestaut hätten. „Und wenn die Studierenden zum Schluss kommen, dass eine Lehre das Richtige wäre, stehen wir als unabhängige Stelle zur Seite.“ In der Regel nähmen die Beratungen bei „Plan B“ ein bis zwei Sitzungen in Anspruch. Wird die Ausbildungssuche begleitet, seien manchmal mehr Termine notwendig. „Dabei geht es immer zuerst darum, Orientierung zu verschaffen und die Klienten moralisch aufzubauen.“

Bei Julia Schwarz waren nur zwei Sitzungen nötig, bis feststand, in welche Richtung sie gehen möchte. Heute ist sie im zweiten Jahr ihrer Ausbildung zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel, die sie bei einem Logistikunternehmen in Leipzig absolviert. Das erste Lehrjahr hat sie als Jahrgangsbeste abgeschlossen. „Inzwischen habe ich meine Lust am Lernen wiederentdeckt.“ Nach der Ausbildung möchte Julia Schwarz sich weiterqualifizieren, beispielsweise zur Handelswirtin. „Erstmal will ich meine Lehre möglichst gut abschließen und meine Ziele nicht gleich wieder zu hoch stecken. Aber ich habe nun endlich wieder eine Perspektive.“

Von Marcel Jud

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