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Studentenleben Refugee Law Clinic bietet Rechtsberatung für Flüchtlinge
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20:20 02.10.2015
Nachgestellte Übungssituation: Clara berät Emily, die eine geflüchtete Somalierin spielt. Leonore (Mitte) übersetzt.   Quelle: Theresa Martus
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Leipzig

 Es ist ein lauer Sommerabend. In einem Hinterhof-Garten, wie es im Leipziger Osten viele gibt, sitzen drei Studentinnen in den letzten Strahlen der Abendsonne an einem Holztisch und reden, ruhig, konzentriert. „Wir sind keine Anwältinnen“, sagt die eine, sie heißt Clara, „wir können dich nicht vor Gericht vertreten. Aber wir sind qualifiziert im Asylrecht. Wir können dich beraten, Briefe schreiben, dir sagen, ob es sich lohnt, einen Anwalt zu nehmen.“ Emily, die gemeint ist, sitzt Clara gegenüber und wartet geduldig, bis Leonore, in der Mitte, übersetzt. „Kostet es etwas?“, fragt sie auf Englisch. „Nein“, antwortet Clara nach der Übersetzung, „es kostet nichts.“

Emily weiß das schon. Das Gespräch, das die drei führen, ist eine Simulation, die Nachstellung einer Beratungssituation an einem Infoabend für Leute, die ebenfalls Asylbewerber beraten wollen. Doch es hat stattgefunden, so oder so ähnlich. Die Geschichte, die Emily erzählt – von der Flucht vor der islamistischen Miliz Al-Shabaab, von tausenden Kilometern Reise, viele davon zu Fuß – ist die einer Somalierin. Sie hat sich auf der Suche nach Hilfe an die Refugee Law Clinic gewandt, bei der Clara Westermann, Leonore Stanghealin, und Emily Ritzel mitarbeiten. Die Initiative hat sich die Rechtsberatung für Flüchtlinge zur Aufgabe gemacht hat, ehrenamtlich und kostenlos. Die Nachfrage ist groß. Auf Asyl- und Aufenthaltsrecht spezialisierte Anwälte sind selten, meist ausgelastet und für viele Flüchtlinge zu teuer.

Westermann, Stanghealin und Ritzel gehören zu einem Team von rund 40 Leuten aus Beratern und Rechercheuren, die meisten von ihnen Studenten. Und es werden mehr: Rund 30 Leute sind an diesem Abend da, um sich zu informieren, vielleicht mitzumachen. Sie beobachten die Vorführung aufmerksam. Mit den Ereignissen des Sommers ist das Interesse gestiegen. „Es melden sich mehr Freiwillige“, sagt Maria-Luisa Leonhardt, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der juristischen Fakultät der Universität und Mitgründerin der Refugee Law Clinic, „viele wollen sofort helfen.“ Doch so einfach ist es nicht: Die Ausbildung, die die angehenden Berater durchlaufen, umfasst Tutorien und Vorlesungen zu Asyl- und Aufenthaltsrecht an der Uni und dauert ein Jahr. Die Rechtslage ist kompliziert, und die ehrenamtliche Initiative will qualifizierte Beratung bieten. Die Ausbildung organisiert die Initiative selbst, die Vorlesung halten ehrenamtlich zwei Richter des Bundesverwaltungsgerichts. Asyl- und Aufenthaltsrecht sind nicht Teil des Jura-Curriculums.

Nicht nur fachlich ist die Arbeit eine Herausforderung: „Es ist wichtig, auf den emotionalen Zustand der Leute zu achten“, sagt Maria-Luisa Leonhardt. „Die meisten kommen zu uns, um sich Rat zu holen, nicht um zu weinen. Aber es kann auch passieren, dass jemand einfach mal seine Geschichte erzählen will. Und es gibt auf jeden Fall Sachen, die man mit nach Hause nimmt.“ Trotzdem gebe es auch viele positive Momente. „Wir lachen auch viel“, sagt Leonhardt.

Positive Momente sind auch die, in denen sie jemandem sagen können, dass er oder sie bleiben darf – wie der Somalierin zum Beispiel, deren Fall die drei simulieren. Sie hat Glück: Die Frist, innerhalb der Deutschland sie auf Grundlage des Dublin-Verfahrens ausweisen darf, ist fast vorbei. Wahrscheinlich kann sie erst einmal bleiben.

Von Theresa Martus

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