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Studentenleben Schwarzer Alltag: Studium mit Depressionen
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13:02 09.01.2018
Studierende mit Depressionen stehen im Uni-Alltag oft vor einem unüberwindbaren Berg an Aufgaben. (Symbolbild) Quelle: Bastian Schröder
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Leipzig

Nichts geht mehr. Alina (Name von der Redaktion geändert) liegt zu Hause in ihrem Bett. Eigentlich wollte sie die Vorlesung besuchen, doch die Kraft dafür bringt sie nicht mehr auf. Stattdessen grübelt sie über die großen Fragen des Lebens nach – und darüber, wieso sie überhaupt noch aufstehen sollte. Immer und immer wieder. Antworten findet sie keine mehr.

Drei Jahre ist dies nun her. Die heute 24-Jährige litt an einer Depression. „Nichts war mehr gut“, erinnert Alina sich: „Es war alles nur noch schwarz.“ Wie es damals genau anfing mit der Depression, kann die gebürtige Russin, die für ihr Studium nach Leipzig kam, heute nicht mehr so genau sagen. Da war das neue Umfeld, die Studienvorbereitung, Klausuren, Beziehungsstress und eine WG, in der sie sich nicht zu Hause fühlte. Irgendwann wuchs ihr das alles über den Kopf: „Ich habe mich dafür geschämt und wusste nicht, wohin mit mir. Ich habe aber auch gemerkt, dass das alles so nicht mehr normal ist.“

Auf dem Flur ihres Studentenheims entdeckt sie eines Tages einen Flyer der Psychosozialen Beratungsstelle des Studentenwerk Leipzig. Die ersten Male läuft sie noch an ihm vorbei, irgendwann steckt sie ihn in ihre Tasche. Nie hätte sie gedacht, dass sie „so etwas“, wie sie sagt, einmal brauchen werde. Nachdem sie das Angebot in Augenschein genommen hat, nimmt sie schließlich all ihren Mut zusammen und vereinbart mit der Beratung einen Termin.

Gestiegene Nachfrage

Alina ist bei weitem kein Einzelfall. Immer mehr Studierende in Leipzig nehmen das Angebot der Psychosozialen Beratung in Anspruch. Um der Nachfrage gerecht zu werden, hat das Studentenwerk daher unlängst sein Angebot erweitert. Aktuell kümmern sich fünf therapeutisch ausgebildete Mitarbeiter um die Probleme der Studierenden. Die Universität Leipzig finanziert zudem – vorerst bis Ende 2018 – eine temporäre Erweiterung der Beratung mit Geldern, die ihr der Freistaat Sachsen zur Verbesserung von Inklusionsangeboten bereitstellt. Außerdem wurde mit den Inklusionsgeldern aller Leipziger Hochschulen eine neue halbe Stelle speziell für die Hochschule für Musik und Theater geschaffen, die Studierenden einen besseren Umgang mit Lampenfieber lehren und Entspannungstechniken nahebringen soll.

Diplom-Psychologin Ruth Dölemeyer leitet die Psychosoziale Beratung des Studentenwerk Leipzig. Quelle: Swen Reichold

Die Ursachen für die gestiegene Nachfrage lassen sich nicht eindeutig zurückverfolgen. Ruth Dölemeyer, Psychologin und Leiterin der Psychosozialen Beratung, erklärt: „Natürlich wird immer wieder von der höheren Belastung durch die Bachelor- und Master-Studiengänge gesprochen, aber ob das wirklich eine Ursache für die gestiegene Nachfrage ist, kann man aktuell nicht sagen.“ Genauso gut könne auch die Hemmschwelle, sich professionelle Hilfe zu suchen, in den vergangenen Jahren gesunken sein. Ein Indiz dafür sei, dass immer mehr Studierende aufgrund der Empfehlung ihrer Kommilitonen zur Beratung kämen. Dölemeyer rechnet daher damit, dass die Nachfrage auch in Zukunft weiter steigen wird: „Wir gehen davon aus, dass das auch in den kommenden Jahren der Fall sein wird. Studien zeigen, dass die Beratung noch nicht von allen Studierenden, die eine psychische Belastung erleben, angenommen wird.“

Depressionen auf dem Vormarsch

Die Themen, mit denen die Studierenden Hilfe suchen, sind vielfältig. Jedoch kommen nur rund 13 Prozent der Hilfesuchenden mit rein studienbezogenen Anliegen zur Beratung. Anfang 2017 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Vereinten Nationen, dass Depressionen heute weltweit die häufigste Ursache für Lebensbeeinträchtigungen seien. Dieser Trend schlägt sich auch in der Psychosozialen Beratung nieder: „Depressive Verstimmungen gehören zu den häufigsten Themen in unserem Beratungsalltag“, so Dölemeyer.

Menschen mit einer Depression schwindet oft der Antrieb, sie fühlen sich abgeschlagen und haben immer stärkere Probleme damit, sich zu konzentrieren. Halten die Symptome über einen längeren Zeitraum an, sollte über professionelle Hilfe nachgedacht werden. Auch der Uni-Alltag ist bei einer fortschreitenden Depression oft kaum noch zu bewältigen: „Sie schaffen es beispielsweise nicht mehr, die Vorlesung aufzusuchen, ihre Aufgaben für die Hochschule zu bewältigen und stehen als Folge dann häufig vor einem großen Berg von Aufgaben, der für sie unüberwindbar zu sein scheint.“

Psychosoziale Beratung vom Studentenwerk Leipzig

E-Mail: studierendenberatung@studentenwerk-leipzig.de

Telefon: +49 341 9718848   

Vor solch einem Berg stand auch Alina. Die Psychosoziale Beratungsstelle bot ihr bei ihrem Kampf mit der Erkrankung eine erste Anlaufstelle: „Bereits nach ein oder zwei Wochen habe ich einen Platz bekommen. Es war sehr gut, so schnell Hilfe zu erhalten.“ Je nach Ausprägung des Problems kann die Psychosoziale Beratung eine längerfristige Unterstützung über zehn Sitzungen hinaus aber nicht ersetzen. So auch bei Alina. Während ihrer ersten Sitzungen stellen sie und die Therapeutin fest, dass ihre Depression schwerwiegender ist, und sie über das Studium hinaus auch im Privatleben betrifft. Die Beratungsstelle vermittelte sie daher weiter. Im Regelfall werden die Studierenden jedoch bis zum Übergang zur weiteren Behandlung begleitet.

Jeder kann sich an die Psychosoziale Beratung wenden

Heute kann Alina wieder lachen. Zwar geht sie weiterhin zur Therapie, um Rückfällen vorzubeugen, und ist aufgrund ihrer Erkrankung ein Jahr über der Regelstudienzeit. Doch dies findet sie nicht weiter dramatisch: „Hauptsache gesund“, ist das, was für sie zählt. Zudem sei die Erfahrung für sie sehr lehrreich gewesen: „Ich bin erwachsener geworden. Wenn heute etwas Schlechtes passiert, kann ich das besser annehmen. Und ich habe gelernt, mit neuen Herausforderungen besser umzugehen.“

Die großen Sinnfragen, sagt sie, dürfe man nicht überstrapazieren: „Es sind die alltäglichen Freuden, die das Leben lebenswert machen.“ Das Angebot der psychosozialen Beratungsstelle möchte sie daher auch allen Studierenden, die Schwierigkeiten haben und ratlos sind, weiterempfehlen. Thema oder Ausprägung der Probleme spielen dabei keine Rolle. In einem Erstgespräch klärt die Beratungsstelle, ob Hilfe von außen benötigt wird, und was für die jeweilige Person hilfreich sein kann.

Bastian Schröder

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