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Studentenleben Organisation macht sich für Arbeiterkinder an Leipzigs Hochschulen stark
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19:09 10.07.2018
Laura (l.) und Hannah von der Initiative Arbeiterkind.de. Quelle: Alina Schneider
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Leipzig

„Ich hatte immer das Gefühl ich passe hier eigentlich gar nicht hin und alle anderen wissen alles besser. Ich kam mir einfach ein bisschen verloren vor", erzählt Laura. Sie ist das was man als Arbeiterkind bezeichnen könnte: Ihre Eltern haben nicht studiert. An die Uni hat Laura es trotz der ein oder anderen Hürde geschafft.

Doch sind die Unterschiede zwischen Arbeiter- und Akademikerkindern tatsächlich so groß und ist der Ausdruck Arbeiterkind überhaupt noch zeitgemäß? Klar ist: Es gibt genug Akademikerkinder, die sich für eine Ausbildung entscheiden. Genauso wie Kinder von Nichtakademikern, für die ein Hochschulstudium ganz selbstverständlich ist. 

Nur ein Prozent promoviert

Dennoch scheint es strukturelle Probleme zu geben, die gleiche Teilhabechancen von Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft verhindern. Die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes zeigt, dass es in Deutschland noch viel Nachholbedarf gibt, Kinder aus Nichtakademikerhaushalten an die Uni zu bringen. Während von 100 Akademikerkindern 77 studieren, sind es unter Arbeiterkindern nur 23 - und das, obwohl doppelt so viele Abitur machen. Ähnlich sieht es bei Promotionen aus. Während rund zehn Prozent der Kinder von Ärzten und Anwältinnen promovieren, sind es aus Familien, in denen niemand studiert hat, gerade einmal ein Prozent.

Laura ist einer dieser Ausnahmefälle. Aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof in Bayern. Geprägt von ihrer Kindheit beginnt sie später in Gießen ein Tiermedizinstudium. Eine naheliegende Wahl, wie sie selbst sagt. „Ich bin immer mit vielen Tieren aufgewachsen, dementsprechend war das auch ein mir bekanntes Berufsbild", erzählt sie. Heute promoviert sie in Veterinärmedizin und setzt sich dafür ein, dass andere diese Möglichkeit auch bekommen.

Seit 2015 engagiert sie sich deshalb als ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Leipziger Lokalgruppe der spendenbasierten Initiative "ArbeiterKind.de". „Ich hatte das Glück, dass mich meine Eltern immer voll unterstützt haben und auch meine zwei älteren Schwestern damals bereits studiert hatten. Viele andere haben das allerdings nicht", erklärt sie ihre Motivation. "Da ich möchte, dass niemand aufgrund seiner sozialen Herkunft benachteiligt wird, setze ich mich für andere Kinder aus Nichtakademikerfamilien ein."

Oft scheitert es an Finanzierungsmöglichkeiten

Die Organisation spricht vor allem jene an, bei denen es im Umfeld bisher kaum Berührungspunkte mit dem Thema Studium gab. Menschen wie Hannah. Trotz eines sehr guten Abiturs war der Schritt an die Universität für sie nicht selbstverständlich. Besonders um die Finanzierungsmöglichkeiten machten sie und ihre Eltern sich viele Gedanken. Bei ihrer Recherche stieß sie schließlich auf die Nummer eines Infotelefons und landete so bei Laura. Seitdem bilden die beiden ein Mentorenteam. Bei Schwierigkeiten kann sich Hannah jetzt an Laura wenden, die sie auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen unterstützt.

Heute studiert Hannah an der Uni Leipzig im zweiten Semester Psychologie und denkt über ein Stipendium nach. Aus ihrem persönlichen Umfeld kennt die Studentin allerdings auch gegenteilige Beispiele. „Einer meiner besten Freundinnen hat nicht studiert, obwohl die das auch drauf gehabt hätte. Von ihren Eltern hieß es, das sei einfach nicht drin.” Fälle wie der von Hannahs Freundin sind einer der Gründe warum Kinder, deren Eltern nicht studiert haben an deutschen Unis unterrepräsentiert sind.

Doch wie kann das sein in Zeiten von Bafög, Stipendien und null Studiengebühren? Laura erklärt, dass sie bei den Finanzierungsmöglichkeiten immer wieder auf großes Unwissen stoße: „Dass es so etwas wie Bafög überhaupt gibt oder dass beispielsweise auch das Kindergeld erstmal noch weitergezahlt wird, ist vielen Eltern gar nicht klar.“ Dementsprechend sieht sich die Initiative auch in der Pflicht, Aufklärungsarbeit zu leisten. Dazu gehen sie in Schulklassen, gestalten Workshops und bieten das Mentoring-Programm an. „Aufgrund unserer persönlichen Erfahrungen können wir die Studierenden natürlich auf eine ganz andere Art unterstützen als beispielsweise das Studentenwerk“, erklärt Laura.

Die Initiative gibt es seit zehn Jahren

Im Mai feierte "ArbeiterKind.de" seinen zehnten Geburtstag. Der Nachfrage ist trotz des langjährigem Bestehens ungebrochen hoch. Auch Hannah denkt deshalb mittlerweile darüber nach, sich in Zukunft ehrenamtlich bei der Initiative zu engagieren. Ihre anfängliche Unsicherheit jedenfalls scheint inzwischen vollständig verflogen.

Mehr Informationen unter arbeiterkind.de

Von Alina Schneide

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