Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
DOK Leipzig Dokwoche Leipzig: Einblicke in Nordkorea
Thema Specials DOK Leipzig Dokwoche Leipzig: Einblicke in Nordkorea
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:00 29.10.2015
Under the Sun“: Die achtjährige Zin-mi unter den Gemälden von Kim -Il-sung (r.) und Kim Jong-il in Pjöngjang Quelle: Dockwoche
Leipzig

Vier Mal ist er in eineinhalb Jahren nach Nordkorea gereist. Ein weiteres Visum gab es nicht. Allmählich kam dieser Vitaly Mansky den Wächtern der reinen Lehre der drei Kims verdächtig vor. Dabei hatte er ohnehin nur mit fünf Bewachern an der Seite drehen dürfen. Heraus kam eine überaus listige Coproduktion.

Denn während die Nordkoreaner beflissen ihre Potemkinschen Dörfer inszenieren, lässt Mansky seine Kamera einfach laufen. Da hat dann die Werkhalle einer Textilfabrik nach der Korrektur des Aufpassers in der Wiederholung der Jubelszene den Plan nicht nur mit 150, sondern gleich mit 200 Prozent erfüllt.

Inszenierte Wirklichkeit

Da greift der staatliche Regisseur ein, wenn jemand sagt, dass Essen krebserregend sein soll. Da wird die Mutter der achtjährigen Zin-mi, die eigentlich in einer Kantine arbeitet, zur Arbeiterin einer Muster-Milchfabrik, der jubelnd (nach mehrmaligem Üben und Wiederholen) zur Aufnahme der Tochter bei den Pionieren gratuliert wird, und der Vater zum Ingenieur eines Textilwerkes, das er zuvor noch nie betreten hatte. Seine vom Blatt gelernten Hinweise an die Arbeiterinnen werden natürlich prompt und lächelnd umgesetzt. Die Wohnung, in der die Familie gezeigt wird, ist so wenig ihr Heim wie die vorgeführte Musterschule Zin-mis wahre Schule.

Auch der Auftritt eines Veteranen des Koreakriegs, der martialisch die Heldentaten feiert, die allein durch Kim Il-sungs Führung möglich waren, wird bis zur Lächerlichkeit immer und immer wieder korrigiert, während die Kamera lange in das Gesicht eines Mädchens blickt, der die Augen zufallen.Es wird martialisch marschiert, ständig begeistert geklatscht, es gibt Lautsprecher-Kommandos, Lieder und überall Bekenntnisse zu den drei Kims, die zu allem und jeden einen fundamentalen Satz haben, selbst zum Ballett.

Großes Kino

„Under the Sun“ ist ein filmisch wirklich großer Wurf. Irritierende Einblicke in ein abgeschottetes, militärisches Land, die durch ihre Lakonie mehr erhellen als jede Enthüllungs-Reportage. Dok-Kino, wie man es nur selten sieht. Vitaly Mansky blickt mit der List des Aufklärers ohne jede Didaktik hinter eine gefakte Realität. Ein neues Visum wird es für ihn wohl nicht mehr geben.

Dagegen hatten es „The Wolfspack“ (USA) von Crystal Moselle und „Wie die anderen“ (Österreich) von Constantin Wulff schwer. In „The Wolfspack“ geht es um sechs Brüder, die ihr esoterisch gestörter Vater, weil draußen das Böse lauert, im Appartement in New York einsperrte. Unterricht gab es daheim, von der Welt erfuhren sie durch Tausende Spielfilme.

Familiengeschichte aus New York

Die spielen sie nun ungelenk nach – um sie sich befreien. Alles allzu gesucht und gestelzt, weniger spielerisch als spleenig. Crystal Moselle hat sich auf die sechs Brüder konzentriert und dabei gar nicht gemerkt, dass die Mutter und der Vater weitaus interessanter sind als die Jungen-Clique, die ohnehin nur das US-Kino kennt. Also zum zweiten Mal ausgesperrt bleibt. Aber das merkt „The Wolfspack“ noch nicht einmal. Die Doppelbödigkeit von „Under the Sun“ fehlt dieser verwirrenden Familiengeschichte völlig.

In der Psychiatrie

„Wie die anderen“ hingegen gibt Einblicke in den Alltag der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tulln. Eindringliche Gespräche mit minderjährigen Patienten, die zuhören oder sich verweigern, die gefährdet sind, aber nichts davon wissen wollen, mit Eltern, die in Sorge sind, und Diskussionen unter den Ärzten, weil der Stress durch Unterbesetzung zunimmt, verdichten sich zu einem Netz von eindringlichen Beobachtungen.

Von Norbert Wehrstedt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Im ehemaligen Kinosaal der Stasi-Bezirksbehörde, im Leipziger Museum Runde Ecke, hatte das Dokudrama „Erich Mielke – Meister der Angst“ von Jens Becker und Maarten van der Duin Premiere. Den langjährigen Stasi-Chef spielt der 73-jährige Kaspar Eichel.

01.11.2016
Kultur Ist das noch Dokfilm oder schon Inszenierung? - Dokwoche Leipzig: Der zweite Tag

Am zweiten Tag des Internationalen Wettbewerbs der Leipziger Dokwoche heizte Roberto Minervini mit „The Other Side“ eine alte Diskussion wieder an: Wie weit kann, darf, soll ein Dokumentarfilm gehen? Und wo beginnt die Inszenierung, also der Spielfilm?

28.10.2015

Reges Treiben herrscht zurzeit in Leipzigs Innenstadt: Das Fachpublikum anlässlich des Filmfestivals tauscht sich im Business-Café aus und im „DOK Neuland“ auf dem Markt kommen nicht nur Nerds auf ihre Kosten. Das Publikum kommt aus Leipzig, aber auch aus Polen und Spanien.

09.11.2016