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Altes aus dem Heimatmuseum, frischer Wind beim Karneval – zu Gast in Schrebitz

DAZ-Dorfporträt Altes aus dem Heimatmuseum, frischer Wind beim Karneval – zu Gast in Schrebitz

Was beschäftigt die Menschen in den kleinen Orten zwischen Döbeln, Waldheim und Hartha? Für unsere Serie „Das DAZ-Dorfporträt“ besuchen wir jene kleinen Nester, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird. Diesmal ging es ins schöne Schrebitz bei Ostrau.

Blick ins historische Klassenzimmer: Birgit Müller (l.) und Sieglinde Danziger in ihrem Heimatmuseum.

Quelle: Sven Bartsch

Schrebitz. Unwirsch durchbricht das Geräusch des Rasenmähers die Stille im Dorf. Der örtliche Bauhof hat heute Großeinsatz. Es geht dem Unkraut an den Kragen, das zwischen den Bordsteinritzen wuchert. In wenigen Tagen feiert Schrebitz sein Sommerfest. Bis dahin soll alles schick sein. Dabei muss sich das Dorf, das zur Gemeinde Ostrau gehört, schon jetzt nicht verstecken.

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Das 450-Seelen-Dorf Schrebitz hat Charme – schöne Fachwerkhäuser, einen Dorfplatz mit alter Linde und eine schmucke Kirche entdeckt man im Ort.

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Auf dem gepflegten Dorfplatz streckt sich eine große Linde der Sonne entgegen, dahinter steht weithin sichtbar die Kirche des Dorfes, ein echtes Kleinod, umringt von alten Bauernhäusern, viele mit Fachwerk. Auch der Spielplatz für die Kinder kann sich sehen lassen. Schrebitz ist ein schönes Dorf.

Ortsvorsteher Dirk Petermann auf dem Dorfplatz von Schrebitz

Ortsvorsteher Dirk Petermann auf dem Dorfplatz von Schrebitz.

Quelle: Gina Apitz

Und das, obwohl in der Vergangenheit von Seiten der Gemeinde Ostrau wenig investiert wurde, klagt Ortsvorsteher Dirk Petermann. „Wir wurden in den letzten 15 Jahren ein bisschen vernachlässigt.“ Vielleicht war es auch Trotz, der dazu führte, dass die Bewohner das Schicksal ihres Dorfes einfach selbst in die Hand nahmen. In Eigenregie sanierten sie mit Fördermitteln die ehemalige Schule. Heute beherbert das Haus das Heimatmuseum und mehrere Vereine. „Das Projekt dürfte in dieser Größenordnung ein Alleinstellungsmerkmal sein, das uns andersorts viel Anerkennung eingebracht hat“, sagt Dirk Petermann stolz. „In anderen Kommunen gibt es nicht ansatzweise so viele engagierte Bürger.“

Heimatverein hat eigenes Museum aufgebaut

Zu diesen Aktiven zählen ohne Zweifel Birgit Müller und Sieglinde Danziger vom Heimatverein. Die beiden älteren Damen laden zu einem Käffchen in das Heimatmuseum ein. Der Besucher staunt über die Vielfalt an alten Dingen, die die Vereinsmitglieder zusammengetragen haben: Es gibt ein historisches Klassenzimmer mit Schiefertafeln und hölzernen Schulbänken, alte Nähmaschinen und dutzende Puppen aus verschiedenen Epochen.

Puppen sind die heimliche Leidenschaft von Birgit Müller vom Heimatverein

Puppen sind die heimliche Leidenschaft von Birgit Müller vom Heimatverein.

Quelle: Sven Bartsch

Sieglinde Danziger floh mit ihrer Familie aus Schlesien nach Schrebitz. Die 66-Jährige verbrachte in den 50er-Jahren ihre Kindheit hier, erinnert sich an „einmalige Sportfeste, Fasching und 1. Mai-Feiern.“ Damals gab es im Ort noch alles, was die Leute brauchten: zwei Konsums, ein Fleischer, zwei Bäcker, Frisör, Arztpraxen und sogar einen Kolonialwarenladen. ,,Bis in die 60er-Jahre gab es hier auch viele Pferde, sagt die gelernte Verkäuferin. „Wenn während des Unterrichts die Fohlen herumliefen, da haben wir manchmal mehr auf sie geschaut als auf den Lehrer“, erzählt sie. „Nach 1960, als die LPG gegründet wurde, wurden die Pferde abgeschafft.“

Historische Aufnahme von Schrebitz

Historische Aufnahme von Schrebitz.

Quelle: Sven Bartsch

Birgit Müller kam 1983 nach Schrebitz, fing damals an für die Gemeinde zu arbeiten. Der frühere Ortschronist begeisterte sie für die Geschichte des Dorfes. „Schrebitz war immer ein Zentrum“, sagt die 63-Jährige. Noch heute ist es der größte Ort der Gemeinde Ostrau und veranstaltet die meisten Events in der Umgebung. „Alle zwei Monate ist bei uns was los“, sagt Birgit Müller, lächelt und zählt auf: Fasching, Maibaum setzen, Kinderfest, Bierfest, Sommerfest, Weihnachtsmarkt.

Schrebitzer Carneval Club ost größter Verein im Ort

Viele dieser Veranstaltungen organisiert der Schrebitzer Carneval-Club. Mit seinen 68 Mitgliedern ist er der größte Verein des Dorfes. „Wir stecken viel in die Nachwuchsarbeit“, sagt Vorstandsmitglied Thomas Lohse. In den vier Tanzgruppen trainieren schon dreijährige Mädchen. Erst kürzlich musste eine Gruppe gesplittet werden, weil sie zu groß geworden war.

Während bei den Kindern kein Nachwuchsproblem besteht, wünscht sich der 45-Jährige ein paar mehr Jugendliche, die die Saalpolizei übernehmen oder Sketche aufführen. „Einige gehen weg, wenn sie woanders eine Lehrstelle gefunden haben“, so Lohse.

Thomas Lohse gehört zum Vorstand des Schrebitzer Carneval Clubs

Thomas Lohse gehört zum Vorstand des Schrebitzer Carneval Clubs. Seine Frau Peggy Dietrich-Lohse ist die Vorsitzende.

Quelle: privat

Was den Verein freut: Ihre Veranstaltungen, die im Speisesaal der alten Schule stattfinden, sind bestens nachgefragt. „In den letzten zwei Jahren waren die Karten immer ausverkauft.“ Zum morgigen Sommerfest werden wieder zahlreiche Gäste erwartet. Passend zum Thema Schottland wird ein Dudelsackspieler auftreten und der deutsche Meister im Baumstammwerfen zu Gast sein.

Arthur Oehmigen ist 96 Jahre alt

Arthur Oehmigen erinnert sich noch an die Anfänge des Karnevals in Schrebitz. Der 96-Jährige hat den Faschingsclub 1954 mitgründet. „Ich bin das einzige Mitglied, das heute noch lebt“, sagt er und erzählt, dass sie damals 800 Eintrittskarten für eine Veranstaltung verkauften. Im Saal des Gasthofs spielten früher zwei Kapellen „Wenn die eine aufhörte, fing die andere an. Der Fasching war ganz groß im Ort.“

Schrebitz – das Pferdedorf

1064 wird der Ort erstmals erwähnt, als Schenkung von 50 Hufen Land der Kaiserin Agnes an das Domkapitel zu Meißen. Der Name leitet sich aus dem altslawischen Wort „zrebe“ ab, was „junger Hengst“ bedeutet. Schrebitz ist also das „Dorf der Pferde“. Das Tier findet sich heute noch im Wappen des Ortes, zusammen miz dem Lindenblatt, das für die Gerichtsbarkeit steht, die hier auf dem Dorfplatz ausgeübt wurde. Ursprünglich war Schrebitz ein Bauern- und Handwerkerdorf, das aus drei großen Güter, einigen Kleinbauern und vermutlich fünf Kalkwerken bestand.

Einmal fuhr das Prinzenpaar, zu dem Oehmigen ein Jahr lang gehörte, mit der Kleinbahn von Mügeln nach Schrebitz. Damals gab es im Ort noch einen Verlade- und einen Personenbahnhof. „Der ganze Bahnsteig war voller Leute“, erinnert sich der ehemalige Prinz. In den 60er-Jahren schlief der Karneval ein, wurde aber in den 80ern reaktiviert.

Die alte Postkarte zeigt die Highlights von Schrebitz

Die alte Postkarte zeigt die Highlights von Schrebitz: Kalkwerk und Bahnhof

Quelle: Sven Bartsch

Arthur Oehmigen ist ein Schrebitzer Original: Er ist hier geboren und aufgewachsen, hat eine bewegte Lebensgeschichte. Der gelernte Bäcker wird während des Zweiten Weltkriegs als Soldat an die Front geschickt. 1945 wird er in Breslau von einer Granate verwundet, drei Splitter von damals stecken noch immer in seinem Körper. Im Juli 1946 kehrt Oehmigen nach Schrebitz zurück, arbeitet in Mügeln in der Chemiefabrik Lipsia, erst als Kraftfahrer, später in der Verwaltung. 40 Jahre bleibt er dem Betrieb treu, bis zur Rente in den 80ern. Auf der Arbeit lernt er seine Frau kennen, vor zwei Jahren ist sie gestorben, 68 Jahre waren beide verheiratet. Arthur Oehmigen hat zwei Töchter, sechs Enkel und neun Urenkel.

Historische Wäschemangel steht noch im Schuppen

Schrebitz sei schon immer ein aktives Dorf gewesen, so das Urgestein. Oehmigen erinnert sich an Tanzveranstaltungen im Gasthof und feucht-fröhliche Bockbierfeste. Im Schuppen des Rentners steht noch eine Wäschemangel, die 1936 in Liegnitz gebaut wurde. „Es gibt keine Ersatzteile mehr dafür“, sagt er. „Früher war sie den ganzen Tag in Betrieb.“

Arthur Oehmigen hat im Schuppen noch eine historische Wäschemangel stehen

Arthur Oehmigen hat im Schuppen noch eine historische Wäschemangel stehen.

Quelle: Sven Bartsch

Heute nutzen nur noch einige wenige Schrebitzer das historische Gerät. Trotz seines hohen Alters ist Arthur Oehmigen geistig fit, lebt in einer eigenen Wohnung und fährt sogar noch Auto („Strecken, die ich kenne“). Das Auto braucht er vor allem zum Einkaufen. Mehrmals pro Woche rollen zwar Bäcker, Fleischer und ein Fischverkäufer durch Schrebitz. Für andere Lebensmittel müssen die Einwohner aber nach Ostrau oder Mügeln fahren.

Schrebitzer Wenzelskirche ist Kleinod des Dorfes

Während Oehmigen zu ältesten des Dorfes zählt, wird der jüngste Einwohner heute nur wenige Meter entfernt durch den Ort gefahren. Bettina Franke, die Mutter des drei Monate alten Jonas, hält gleich ehrenamtlich die Christenlehre ab. Der jüngste Sproß der vierfachen Mutter ist mit von der Partie und sitzt friedlich in seinem Kinderwagen. Bevor es losgeht, öffnet die Ortskirchenvorsteherin noch die Tür zur Schrebitzer Wenzelkirche, die erhöht vermutlich auf einer alten Wallanlage steht. Etwa einmal im Monat finden hier Gottesdienste statt. Zu Weihnachten unds Ostern ist die Kirche voll, sagt die 33-Jährige.

Ortskirchenvorsteherin Bettina Franke mit ihrem drei Monate alten Sohn Jonas

Ortskirchenvorsteherin Bettina Franke mit ihrem drei Monate alten Sohn Jonas.

Quelle: Gina Apitz

Mittlerweile zieht Schrebitz wieder mehr junge Leute an – obwohl Kita und Schule längst der Vergessenheit angehören. Die Kinder fahren nach Großweitzschen, Ostrau oder Mügeln zum Unterricht. „Seit etwa fünf Jahren haben wir steigende Einwohnerzahlen“, freut sich Dirk Petermann. 461 Menschen leben aktuell im Ort, die 500er Marke werde man in nächster Zeit aber wohl nicht knacken, so der Ortsvorsteher. Der Grund: Alle Grundstücke sind in privater Hand. „Der Einfluss der Kommune ist begrenzt, neue Bauplätze zu schaffen.“ Dafür ist schon ein weiteres Projekt geplant: Im nächsten Jahr soll der Platz vorm Vereinsheim umgestaltet werden.

Morgen lädt der Schrebitzer Carneval-Club zum Sommmerfest ein. Los geht es 18 Uhr, der Eintritt ist frei.

Von Gina Apitz

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