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Dreißig – ein Dorf für Schelme und Weinliebhaber

DAZ-Dorfporträt Dreißig – ein Dorf für Schelme und Weinliebhaber

Was beschäftigt die Menschen in den kleinen Orten zwischen Döbeln, Waldheim und Hartha? Für unsere Serie „Das DAZ-Dorfporträt“ besuchen wir jene kleinen Nester, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird. Diesmal steht das Winzerdorf Dreißig im Mittelpunkt.

Winzermeister Joachim Preuße weiß, dass man in Dreißig sehr gut Wein anbauen kann.

Quelle: Sven Bartsch

Dreißig. Ein Hahn durchbricht mit seinem Geschrei die Stille des Dorfes, eine schwarz-weiße Katze lümmelt sich auf einer Fensterbank, vor den Einfamilienhäusern wachsen Blumen in gepflegten Vorgärten. In einem dieser Gärten steht Reinhardt Markgraf und lächelt freundlich herüber. Zum Dorf könne er nicht soviel sagen, erklärt der 64-jährige gelernte Schlosser, der inzwischen seine Rente genießt. „Ich komme aus Mecklenburg“, fügt er halb entschuldigend dazu. „Aber meine Frau, die ist von hier.“

Karla und Reinhardt Markgraf wohnen seit 1993 in Dreißig

Karla und Reinhardt Markgraf wohnen seit 1993 in Dreißig.

Quelle: Gina Apitz

Karla Markgraf sitzt drinnen über einem Stapel Papiere gebeugt. Die 59-Jährige, die im Nachbarort Lüttewitz einen Friseursalon betreibt, ist mit ihrem Mann 1993 aus Roßwein hergezogen. Das Paar baute sich das alte Bauernhaus aus, zog die beiden Kinder hier groß. Die niedrigen Decken und krummen Wände zeugen von der Historie des Gebäudes.

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Der kleine Dreißig bei Mochau hat nur 56 Einwohner, blickt aber auf eine bewegte Geschichte zurück.

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„Aufgenommen wurde man damals in die Dorfgemeinschaft“, erzählt Markgraf. Dann haben sie aber schnell festgestellt: Auf mehr als ein „Guten Tag“ über den Gartenzaun lassen sich die Dreißiger nicht ein. Andererseits könne sie die Nachbarn jederzeit nach einer Tüte Mehl fragen, so die Frisörin. „Es ist nicht so wie im Neubaugebiet, wo keiner sich kennt.“

Dorffest sollte frischen Wind bringen

Mitte August organisierten die Einwohner ein Dorffest, pünktlich zum 700. Geburtstag von Dreißig. Es war das erste überhaupt. „Es war gut besucht, schöne Stimmung, jeder hat mitgearbeitet“, sagt Markgraf. Sie schätzt, dass etwa 100 bis 200 Leute kamen – ein Erfolg. Sie würde das Fest gern im nächsten Jahr wiederholen. Sowas bringe die Leute schließlich näher zusammen.

Zum 700

Zum 700. Geburtstag des Dorfes haben die Dreißiger ein Fest auf die Beine gestellt.

Quelle: Sven Bartsch

Hobbywinzer baut in Dreißig Wein an

Vielleicht schaut im kommenden Jahr auch Joachim Preusche vorbei. Dieses Jahr hat sich der Winzermeister im Ruhestand verweigert. Der 83-Jährige betreibt eine Weinstube im Ort. Er schlug vor, die Feier dort stattfinden zu lassen, aber die meisten Bewohner waren dagegen. Sie wollten lieber auf der Wiese am Dorfteich feiern. Es klingt ein bisschen trotzig, wenn Preusche erzählt, dass er seine Weinstube am selben Abend geöffnet hatte.

Joachim Preusche baute früher in Radebeul Wein an

Joachim Preusche baute früher in Radebeul Wein an. Seit 14 Jahren versucht er es in Dreißig.

Quelle: Sven Bartsch

So wundert es nicht, dass aus Dreißig selten jemand bei ihm vorbei schaut. Dabei war der Start hier gar nicht schlecht: Zu DDR-Zeiten arbeitete Preusche im Staatsweingut Schloss Wackerbarth in Radebeul, nach der Wende machte er sich selbstständig, bewohnte mit seiner Frau eine Jugendstilvilla unterhalb des Weinbergs.

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Joachim Preusche baute früher in Radebeul Wein an. Heute ranken in Dreißig die Reben in die Höhe.

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Das Grundstück gehörte einer westdeutschen Erbengemeinschaft. Preusche eröffnete eine Weinstube verköstigte Touristen mit den Tropfen der Elbhänge. „Bei dir sitzt man wie beim Italiener, haben sie immer gesagt“, erzählt er. „Es lief wunderbar.“

Joachim Preusche suchte nach einer neuen Heimat

Doch dann wechselte der Besitzer der Villa, Preusche musste ausziehen und suchte nach einem neuen Platz, um Wein anzubauen. Entlang der Elbe war alles zu teuer – „für uns unerreichbar.“ So zog er den Kreis weiter, landete schließlich in Dreißig, das damals noch zur Gemeinde Mochau gehörte.

Die Geschichte von Dreißig

1317 wird der Ort erstmals urkundlich erwähnt, in Zusammenhang mit der Gründung eines Herrensitzes „Ulmannus de Triko“. Der Dorfname ist slawischen Ursprungs und geht auf den Begriff „Tryskov“ zurück, was soviel wie „Ort des Schelms“ bedeutet. 1555 wird Dreißig nach Beicha eingepfarrt und gehört viele Jahre zur Grundherrschaft des Ritterguts Munzig. Um 1900 erstreckt sich das Dorf auf einer Fläche von 154 Hektar. 1834 hat der Ort 153 Einwohner, 1910 erhöht sich die Zahl auf 175. Nach dem Zweiten Weltkrieg drängen sich durch die Flüchtlinge aus dem Osten 220 Menschen in Dreißig. Heute gibt es noch 56 Bewohner.

14 Jahre ist es her, dass er den heruntergekommenen Bauernhof kaufte, den größten Teil abriss und zwei neue Häuser errichtete – eins zum Wohnen, eins für die Weinverkostungen. Seit 2012 ist das „Weineck“ geöffnet, aber unregelmäßig. „Ist der Winzer da, ist offen“, sagt Preusche lakonisch. Damals, als er die alten Gebäude abriss, da haben ihm viele aus dem Dorf geholfen, erzählt der Winzer. Doch dann hätten sich die Leute zurückgezogen. „Manche grüßen nicht mal zurück. Das ist auch der Neid“, mutmaßt er. Sie gönnten ihm sein Auto und die Häuser nicht.

Preusche betriebt in Dreißig eine Weinstube und bietet Weinverkostungen an

Preusche betriebt in Dreißig eine Weinstube und bietet Weinverkostungen an.

Quelle: Gina Apitz

„Dabei ist es eine schöne Gegend“, findet der Weinkenner. Von seinem leicht erhöhten Wintergarten aus hat Preusche eine tolle Sicht auf die umgebenden Felder. Und: Sein Wein gedeiht. Drei Sorten Keltertrauben baut der Winzer auf seinem Grundstück an.

Die Ernte ist gerade in Gange, die Reben hängen voller Trauben. Etwa 300 Flaschen Wein keltert er pro Saison – und verschenkt sie zum großen Teil an seine Familie. Vermarkten dürfe er den Vino nicht, weil er außerhalb der Weingebiete anbaue, sagt er. So gründete Preusche mit anderen Hobbywinzern aus der Region einen Verein, die Mitglieder keltern ihren Wein einfach selbst.

Der älteste Dreißiger ist 88 Jahre alt

Als Weinliebhaber würde sich Gottfried Klingner nicht bezeichnen, dafür als einen echten „Eingeborenen“. Mit seinen 88 Jahren ist er der älteste Einwohner von Dreißig. 1929 wurde er in dem Haus geboren, in dem er bis heute wohnt. Klingner machte eine Ausbildung zum Tischler, der Vater starb früh und so musste er 1946 mit gerade mal 17 Jahren den Familienbetrieb übernehmen. „Das war hart.“ Als eine von nur wenigen Firmen konnte Klingner die Tischlerei zu DDR-Zeiten als privaten Betrieb weiterführen, bis er ihn 1996 an den Sohn übergab.

Tischlermeister betreibt Werkstatt im Dorf

Henri Klingner hat wenig Zeit, er muss in der Werkstatt weitermachen. Der 51-Jährige Tischlermeister lernte das Handwerk bei seinem Vater. Als er die Firma übernahm hatte er noch fünf Angestellte, heute ist noch ein weiterer Mitarbeiter beschäftigt. In der Vergangenheit haben einige Kunden nicht bezahlt. „Wir haben viel eingebüßt.“ Das Geschäft schwanke von Jahr zu Jahr. Die großen Möbelhäuser machen dem kleinen Betrieb Konkurrenz.

Tischlermeister Henri Klingner stellt in Dreißig individuelle Möbel her

Tischlermeister Henri Klingner stellt in Dreißig individuelle Möbel her.

Quelle: Sven Bartsch

Die Schränke, Tische und Betten, die der Tischler herstellt, sind individuell und passgenau. Ihre Kunden kommen aus Leipzig, Dresden und Chemnitz, sagt Henri Klingner. Aus Dreißig seien nur wenige. „Es geht nur ums Geld heutzutage“, klagt der Tischler etwas frustriert. „Der Zusammenhalt ist weniger geworden, jeder hat mit sich zu tun.“ Er hofft, dass die Dorfgemeinschaft durch das Fest neuen Aufwind bekommt. Im Oktober will man vielleicht zusammen Halloween feiern, freut sich Klingner senior.

Älteste Dorfbewohnerin ist 95 Jahre alt

Nach dem Besuch beim ältesten Dreißiger geht es zur Bewohnerin im höchsten Alter. Ihren 95. Geburtstag feierte Hildegard Zieger vor Kurzem. Stolz zeigt die alte Dame den Flur ihres Hauses, in dem sich Blumen und Geschenke stapeln. Zieger, die zwei Kinder, zwei Enkel und zwei Urenkel hat, bewohnt mit ihrem Sohn einen alten Vierseithof im Dreißiger Ortsteil Geleitshäuser. Zu dem 200 Jahre alten Gut gehörte früher eine Brauerei sowie ein Gasthof mit Fleischerei, den Ziegers Familie betrieb. Das Gasthaus ist längst dicht, die Brauerei abgerissen.

Hildegard Zieger ist mit 95 Jahren die älteste Bewohnerin von Dreißig, Gottfried Klingner ist 88 Jahre alt – und damit der älteste männlich

Hildegard Zieger ist mit 95 Jahren die älteste Bewohnerin von Dreißig, Gottfried Klingner ist 88 Jahre alt – und damit der älteste männliche Einwohner des Dorfes.

Quelle: Sven Bartsch

Hildegard Zieger sitzt jetzt in ihrem Wohnzimmer, hinter ihr ein Bild, das ein Bergpanorama zeigt, neben ihr der Sohn Dietmar, 66 Jahre alt, Chef eines Ingenieurbüros in Dreißig. Seine Mutter erzählt jetzt von damals – von der Vielzahl an Geschäften, die es vor dem Krieg hier gab. Schmiede, Fleischerei, Bäckerei, zwei Schneiderinnen, einen Gemischtwarenladen, eine Spielwarenhandlung, drei Gasthöfe, zählt sie auf.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Dreißig zahlreiche Geschäfte

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Dreißig zahlreiche Geschäfte.

Quelle: Gunter Weber

In schlimmer Erinnerung ist ihr das Kriegsende geblieben, als die sowjetischen Soldaten kamen. „Hier war die Hölle los“, sagt Zieger. „Es war unvergesslich, es war alles verwüstet, jede Tür war mit dem Stiefel eingetreten.“ Hinzu kamen die vielen Flüchtlinge aus den Ostgebieten. „Wir haben immer Kartoffelsuppe für sie gekocht“, erinnert sich die Seniorin.

Der Ortsteil Geleitshäuser

Etwas oberhalb von Dreißig stößt man auf die Geleitshäuser. Damals wurde dort der Abt von den Nossener Rittern empfangen, die ihn weiter zum Kloster Altzella geleiteten, damit ihm unterwegs nichts zustößt. So kamen die Geleitshäuser zu ihrem Namen. Um 1500 mussten hier die Fuhrwerke Wegzoll an die Stadt Döbeln entrichten. Es war der Ort, an dem die Fuhrleute eine Pause einlegten, ausspannten, ihre Tiere versorgten und übernachteten. Drei Gasthöfe luden damals zur Rast ein. Heute ist Geleitshäuser ein Ortsteil von Dreißig und gehört zur Stadt Döbeln.

Zu DDR-Zeiten wurde das Gut Teil einer LPG. „Das war ein Drama für die Bauern hier“, sagt Dietmar Zieger. Bis 1970 gab es noch Kühe und Gemüseproduktion, dann nur noch Getreideanbau. Nach der Wende schlossen wie überall die Geschäfte im Ort. Heute rollt einmal pro Woche ein Bäckerauto durch Dreißig, alle 14 Tage ein Fischladen. Heute fahren beide sogar zeitgleich auf den Hof des alten Guts.

Auch junge Leute ziehen in den Ort

Ganz schwarzmalen will Dietmar Zieger die Zukunft seines Heimatortes aber nicht. „Wir sind überaltert, es sind aber auch einige junge Leute hergezogen.“ Und denen kann man künftig vielleicht einmal im Jahr ein feucht-fröhliches Dorffest bieten. Bei Auflage Nummer eins wurden immerhin 110 Liter Bier getrunken, sagt Zieger und lächelt.

Von Gina Apitz

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