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Pferde, Mühle und Kladdkaka: Zu Besuch in Tautendorf

Das DAZ-Dorfporträt Pferde, Mühle und Kladdkaka: Zu Besuch in Tautendorf

Was beschäftigt die Menschen in den kleinen Orten zwischen Döbeln, Waldheim und Hartha? Für unsere Serie „Das DAZ-Dorfporträt“ besuchen wir jene kleinen Nester, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird. Diesmal ging es nach Tautendorf bei Leisnig.

Beate und Werner Kölz betreiben in Tautendorf einen Pferdehof.

Quelle: Sven Bartsch

Tautendorf. Eines sollte man in Tautendorf in jedem Fall drauf haben: Anfahren am Berg. Denn wer mit dem Auto durch den kleinen Ort rollt, muss die steile Dorfstraße erklimmen. Auf einem Hügel liegt auch der erste Stopp des heutigen Besuchs: der Reiterhof von Familie Kölz. Beate und Werner kommen aus Baden-Württemberg. In der Nähe von Stuttgart beackerten sie Felder, hielten Pferde. 1996 kaufte das Paar die Ruine in Tautendorf, zog einige Jahre später mit dreien ihrer sechs Söhne hierher, mitten ins tiefste Sachsen.

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Ein Pferdehof, eine alte Mühle und einen Gasthof, in dem man schwedisch essen kann. In Tautendorf bei Leisnig können Besucher so einiges entdecken.

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War der Anfang nicht schwer? Werner Kölz – knurrige Stimme, Arbeitsklamotten – sagt, als „Wessis“ seien sie nie betrachtet worden. „Mit den Sachsen kann man auskommen“, erklärt der 61-Jährige in breitem Schwäbisch. „Die schaffen, sind fleißig und schwätzen net so viel.“ Und er meint: Wir haben etwas gemeinsam. Anfangs war Kölz viel allein auf dem ehemaligen Vierseithof, der „in einem schlechten Zustand“ gewesen sei. Es gab keine Heizung, kein Bad. „Alles musste neu gemacht werden“, erinnert sich Kölz. Die Nachbarn halfen bei der Sanierung des Guts, kochten dem pendelnden Familienvater auch mal ein warmes Mittagessen.

Diese Fotos zeigen den Hof, bevor Familie Kölz ihn in den Neunziger Jahren saniert hat

Diese Fotos zeigen den Hof, bevor Familie Kölz ihn in den Neunziger Jahren saniert hat.

Quelle: Gina Apitz

Im Hausflur hängen noch Fotos des Guts, die sie von den Vorbesitzern geschenkt bekamen. Ursprünglich gehörte der Hof wohl zum Schloss Podelwitz. Fünf Generationen der Familie Gaudlitz lebten seit 1550 hier.

Ihr Sohn Michael Kölz ist ein erfolgreicher Springreiter

Heute betreiben Beate, Werner und ihre drei Söhne den Pferdehof mit insgesamt 40 Tieren, bauen auf 100 Hektar Ackerland Raps, Weizen, Gerste und Hafer an. „Der Hof ist ein Traum“, schwärmt Beate Kölz. Der Boden sei fruchtbar, die Lage wunderschön, so die 59-Jährige. Während die Chefin selbst sich nicht hoch zu Ross bewegt, sind ihr Mann, ihre Kinder und einige Schwiegertöchter allesamt pferdeverrückt.

Michael Kölz ist ein erfolgreicher Springreiter

Michael Kölz ist ein erfolgreicher Springreiter.

Quelle: Gina Apitz

Sohn Michael und seine Frau sind sogar international erfolgreiche Springreiter. Diverse Pokale zeugen von ihren Leistungen. Michael Kölz bildet die Vierbeiner auch für andere aus. Neben diesen Berittpferden stehen viele Pensionspferde in den Ställen der Familie. Neugierig strecken die Vierbeiner ihre großen Köpfe über die Stalltüren. Die braune Stute Gina wird gerade über den Hof geführt und ist noch ganz am Anfang ihrer Ausbildung. Irgendwann soll aus ihr ein erfolgreiches Reitpferd werden. Eines, das Preisgelder einbringt.

Denn nur von der Pensionspferdehaltung könnte der Betrieb nicht überleben, sagt Werner Kölz klipp und klar. Es gebe schließlich keine Förderung vom Staat. „Wir müssen uns schon sehr anstrengen.“ Der Vorteil der Familie: Das Futter für ihre Pferde bauen sie selbst an. In ein paar Jahren werden Werner und Beate Kölz den Hof an ihre Kinder übergeben und kürzer treten. Zumindest ein bisschen, sagen sie.

Zu Besuch bei Müllermeister Arnold

Mit dem DAZ-Auto geht es jetzt die Straße hinab bis ganz ans Ende des Dorfes. Hier im Tal, direkt an einem plätschernden Bach, steht die Schanzenmühle. Wer den alten Müller Armin Arnold und seine Frau Hanna besucht, erlebt eine Reise in die Vergangenheit. Vor 81 Jahren wurde Arnold, der im Dorf nur „Schanzmüller“ genannt wird, in der Wassermühle geboren.

Armin Arnold  ist der „Schanzmüller“ von Tautendorf

Armin Arnold ist der „Schanzmüller“ von Tautendorf.

Quelle: Sven Bartsch

Das Erstaunliche: die alte Dame ist noch voll funktionstüchtig und in gutem Zustand. Theoretisch kann hier noch immer Mehl gemahlen werden. „Dann müsste ich aber mal gründlich saubermachen. Das ist alles verlumpert hier“, sagt Arnold und lächelt leise. Gesundheitlich geht es dem Müllermeister nicht mehr so gut, er hat mehrere Hüftoperationen hinter sich, erzählt er seufzend und bittet in die warme Wohnstube.

Feiern in Tautendorf, einkaufen in Brösen

Die Arnolds sind echte Urgesteine von Tautendorf, ihr ganzes Leben haben sie hier verbracht. Hier kamen ihre Zwillinge zur Welt, hier arbeiteten beide in der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft im benachbarten Brösen – sie in der Küche, er als Schlosser. „Alle arbeiteten damals im Ort oder in der Nähe“, sagt Hanna Arnold. Die Post, die Gemeindeschwester, der Konsum, das alles gab es nur im Nachbarort, der nur einen Steinwurf von der Mühle entfernt ist. Während man zum Einkaufen nach Brösen ging, wurde in Tautendorf gefeiert, erzählt das Ehepaar. Zu Silbernen und Goldenen Hochzeiten kam das ganze Dorf zusammen. Zum Tanz in den Mai zum Beispiel lud der Gasthof jedes Jahr ein.

Der Gasthof war schon immer das Zentrum des Dorfes

Der Gasthof war schon immer das Zentrum des Dorfes.

Quelle: Gina Apitz

Heute bewohnen Nicole Rietzschel und Matthias Bittner mit ihren fünf Kindern – das jüngste sechs, das älteste 18 Jahre alt – die Gaststätte. Fast zehn Jahre lang lebte die Großfamilie im Norden von Schweden. Vor zwei Jahren kehrten die Auswanderer zurück – und landeten in Tautendorf. „Wir brauchten ein Haus, das groß genug ist und bezahlbar war“, erklärt Matthias Bittner ihre Wahl. Der Gasthof war ideal. „Wir haben ihn am Telefon gekauft“, erzählt der 42-Jährige. Reiner Zufall war es nicht. Bittners Vater arbeitet lange als Hausmeister vor Ort. Er riet zu dem Kauf.

Der Gasthof früher und heute

Trotz seiner Randlage war der Gasthof schon immer das Zentrum des Dorfes. Wanderer pilgerten in der Vorkriegszeit dorthin, um den berühmten Tautendorfer Pflaumenkuchen zu essen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lockten Tanzkapellen vor allem die Dorfjugend in die Gaststätte. Zu DDR-Zeiten betrieb die Familie Leisegang das Gasthaus, später übernahmen die so genannten Tautentanten das Lokal, die für ihre gute Küche bekannt waren.

Familie Leisegang bewirtschaftete den Gasthof zu DDR-Zeiten

Familie Leisegang bewirtschaftete den Gasthof zu DDR-Zeiten.

Quelle: Archiv

Womit die neuen Besitzer nicht gerechnet hatte: „Den ganzen Sommer über standen Leute vor der Tür, die Hunger und Durst hatten“, erzählt Nicole Rietzschel und lächelt etwas hilflos. „Eigentlich haben wir niemals mit dem Gedanken gespielt, hier eine Kneipe zu betreiben“, so die 40-Jährige.

Doch da die Küche noch von den Vorbesitzern voll ausgerüstet war, entschloss sich das Paar dazu, den Gasthof zumindest am Wochenende wieder zu öffnen. Angeboten werden typisch skandinavische Gerichte: Elchgulasch, Rentier und Lachs, der extra aus dem norwegischen Tromsö eingeflogen wird. Highlight auf der Speisekarte: Kladdkaka – ein Klebekuchen aus Zucker und Kakao, ebenfalls ein Rezept aus dem hohen Norden.

Nicole Rietzschel und Matthias Bittner wohnen mit ihren fünf Kindern im Gasthof

Nicole Rietzschel und Matthias Bittner wohnen mit ihren fünf Kindern im Gasthof.

Quelle: Gina Apitz

„Wir wollen gern ein Familiengasthof werden“, wünscht sich Matthias Bittner. Er will im Frühjahr einen Spielplatz und eine Quadbahn für Kinder anlegen, künftig noch mehr Tiere auf den Hof holen. Vögel, Katzen, Ziegen, Kaninchen, Meerschweinchen, ein Shetland-Pony und eine Haushündin leben schon bei der siebenköpfigen Familie. Demnächst sollen drei Rentiere und ein echter schwedischer Elch den kleinen Tierpark ergänzen.

Obwohl die Familie schon zwei Jahre in Tautendorf lebt, so richtig warm geworden ist sie mit den Dorfbewohnern nicht. Sie haben wenig Kontakt, sind die Außenseiter in der Gemeinschaft. „Die Dorfbevölkerung hält sich sehr zurück“, sagt Matthias Bittner und zuckt mit den Schultern.

Kaffeekränzchen im Gartenhaus

Dabei könnten besonders die älteren Bewohner diverse Geschichten von früher erzählen, die im Gasthof spielten. Einige Dorf-Urgesteine sitzen heute in einem Holzhäuschen im Garten von Familie Hesse zusammen. Es gibt starken Kaffee und Stollen. Fotoalben werden herumgereicht, auf denen auch die Gaststätte zu sehen ist.

Von links

Von links: Zum Kaffeekränzchen trafen sich in Tautendorf Christian Hesse (33), Dieter und Erika Bumke (beide 77), Annemarie Ullrich (86), Armin Arnold (81) sowie Bernd (61) und Christina Hesse (59).

Quelle: Gina Apitz

„Da draußen haben wir etliche Feten gefeiert, manchmal bis früh morgens“, erzählt Erika Bumke. „Da hat schon die Kneiperin gesagt: „Ihr Tautendorfer Gelumpe, wollt ihr nicht heimgehen?“ 77 Jahre ist die Rentnerin inzwischen alt, sie zog damals für ihren Dieter aus ihrer Heimat Seifersdorf nach Tautendorf. „Wir haben uns in Leisnig beim Tanz kennengelernt“, erzählt Bumke. Die Dorfgemeinschaft sei zu DDR-Zeiten sehr eng gewesen. „Es war fast wie eine große Familie.“

Die Russen rollten auch über Häuser

Neben ihr sitzt Annemarie Ullrich, eine alte Tautendorferin, die sich gut an die Nachkriegszeit erinnert, als russische Soldaten von der Kaserne in Leisnig aus mit ihren Panzern durch den Ort rollten. „Die haben die Straßen zerfahren und sogar Häuser und Brücken überrollt“, so die 86-Jährige, die damals als Postbotin in Brösen arbeitete. Der Exerzierplatz der Truppen grenzte an Tautendorf an. „Seit den 70er Jahren war das Sperrgebiet“, sagt Bernd Hesse.

Gute Stimmung und jede Menge Mutzbraten

Gute Stimmung und jede Menge Mutzbraten: So waren die Dorffeste in Tautendorf.

Quelle: Hesse

„Will noch jemand Kaffee?“, fragt seine Frau Christina und verteilt jetzt Fotos vom ersten Dorffest im Jahr 2000, bei dem die Tautendorfer Mutzbraten und Kesselgulasch aßen. „Es gab Leute, die sonst nicht miteinander geredet haben. Aber an dem Abend, wenn sie genug getrunken hatte, da war dann alles wieder gut“, erzählt die 59-Jährige, die das Fest in ihrem Garten organisierte, manchmal sogar zweimal im Jahr. 2006 feierte das Dorf das letzte Mal zusammen. „Man müsste mal wieder eins ankurbeln“, ruft Bernd Hesse in die Runde. Nächstes Jahr, da ist sich die illustre Runde einig, soll es wieder eine Fete in Tautendorf geben.

Aus der Geschichte von Tautendorf

In Tautendorf leben damals viele Handwerker : Korbmacher, Schuhmacher, Dachdecker-, Tischler- und Müllermeister, Maurer und Bauern. Im Dorf stehen früher drei Mühlen: die Liebgens-, die Schanzen- und die Kirstenmühle, von denen letztere heute nicht mehr erhalten ist.

1813 zieht Napoleon mit seinen Truppen durch Tautendorf. Die Soldaten treiben ihre Pferde den steilen Berg mit Geschrei und Schlägen hinauf, so dass die Tiere geschunden werden. So wird die Straße später „Schinderdelle“ genannt, die Kindern des Dorfes sausen den steilen Hang mit ihren Schlitten hinunter.

Das Freigut des Dorfes steht 1900 auf dem Hasenberg . Familie Werner betreibt den großen Hof bis in die 50er Jahre, dann wird das Gebiet von der sowjetischen Armee übernommen und zum Sperrgebiet erklärt. Heute führt ein schöner Wanderweg über den Hasenberg, inklusive tollem Blick über das Schanzenbachtal.

Als berühmte Persönlichkeit des Dorfes gilt der Leisniger Astronom Peter Apian . Er soll oft auf einem Bauerngut in Tautendorf zu Besuch gewesen sein, das seinen drei Brüdern Gregor, Nicolaus und Georg gehört. Apian wird 1495 in Leisnig geboren und entwickelt später wissenschaftliche Instrumente und Apparate. Er soll als erster eine Weltkarte entworfen haben, die auf einem Bild die alte und die neue Welt zeigte. Für seine Leistungen auf dem Gebiet der Astronomie und Mathematik bekommt er 1541 in Regensburg das Adelsdiplom.

1939 leben 136 Menschen in Tautendorf, heute hat der Ort noch 59 Einwohner . Der jüngste ist vier, der älteste 95 Jahre alt.

Von Gina Apitz

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Tautendorf Leisnig
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