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Das DAZ-Dorfporträt Sanfte Klänge und laute Motoren – willkommen in Steina und Saalbach
Thema Specials Das DAZ-Dorfporträt Sanfte Klänge und laute Motoren – willkommen in Steina und Saalbach
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06:02 31.03.2018
Zu Gast in Steina bei Hartha. Quelle: Sven Bartsch
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Steina / Saalbach

Die Spuren von „Friederike“ sind noch deutlich zu sehen. Vor einigen Woche riss der Sturm auch in Steina mehrere Bäume um. Entlang des kleinen Bachs Schlumper reihen sich kahle Stümpfe aneinander.

Daneben steht Carin Lau, Ortsvorsteherin des Dorfes. Sie berichtet, dass das Wasser des Baches zu DDR-Zeiten oft die Farbe hatte, mit der in den Textilwerken in Hartha die Stoffe gefärbt wurden. Umweltschutz stand damals nicht groß auf der Agenda. Heute plätschert die Schlumper wieder klar dahin. Vieles hat sich verändert in Steina, das seit 1994 zu Hartha gehört.

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Lkw-Werkstatt-Chef Stefan Fichtner mit seinem Gesellen Michel Ristan (28).

Früher hatten die Bewohner Konsum, Bäcker, Kita und Schmiede im Ort. Nichts davon ist übrig geblieben, die alte Schule ist heute bewohnt. Carin Lau ist in Steina geboren, bis zur 2. Klasse drückte sie hier die Schulbank. Die 60-Jährige erinnert sich noch gut daran: „Die Bänke standen auf Schienen und wurden einfach zur Seite geschoben, wenn Sportunterricht war“, erzählt sie und lacht.

Dorffest feiert 10. Geburtstag

2009 feierte das Dorf ein großes Fest anlässlich des 100. Gründungstags der Schule, mit einem Umzug durch den Ort. „Es war Wahnsinn, wer da alles mitgemacht hat“, sagt die Ortsvorsteherin. Heute kommen die Steinaer einmal im Jahr bei ihrem Dorffest zusammen. Ein 15-köpfiges Festkomitee gestaltet dafür am ehemaligen Kindergarten, dem heutigen Gemeindehaus, ein Abendprogramm mit Sketchen, Tänzen und Parodien. Das Kinderprogramm am Nachmittag stellen die Kleinen selbstständig auf die Beine, erzählt Carin Lau stolz.

Kindermodenschau beim Dorffest 2015 in Steina. Quelle: Wolfgang Sens

Zur Stärkung wird traditionell Wildgulasch gekocht. Das rührt daher, dass die Bewohner das Fest ursprünglich am Saalbacher Wildgehege feierten. Weil es dort Probleme mit den Toiletten gab, blieben die Gäste weg. So wechselte man vor zehn Jahren den Standort. Seitdem wird das Dorffest sehr gut angenommen, sagt Lau. Am 18. August ist es wieder soweit, für das Event wird extra die Straße vor dem Gemeindehaus gesperrt.

Feuerwehr und Sportgruppe nutzen Gemeindehaus

Doch auch die restliche Zeit des Jahres wird das Gebäude gut genutzt: Einmal im Monat treffen sich die Seniorinnen des Ortes zu Vorträgen oder Spielenachmittagen. Die Altersgruppe der inzwischen aufgelösten Feuerwehr kommt hier zusammen und die Sportgruppe des Ortes. Lau würde vor dem Gemeindehaus gern einen Bolzplatz einrichten, sie hat bei der Stadt angefragt.

Am Gemeindehaus in Steina soll demnächst ein neuer Bolzplatz entstehen. Quelle: Sven Bartsch

Sie sagt, in Steina habe es schon immer einen großen Zusammenhalt gegeben. „Alle kannten sich.“ Die Ortsvorsteherin versuchte stets, die Zugezogenen in die Dorfgemeinschaft zu integrieren, vor allem die neuen Bewohner der Eigenheime am Kellerberg, die in den Neunzigern dazukamen.

Susan Posselt und ihre Familie gehören zu jenen „Neuen“, die das idyllische Dorf für sich entdeckt haben und seitdem nicht mehr weg wollen. Im Frühling des Jahres 2000 schauten sie und ihr Mann sich ein zum Verkauf stehendes Haus an. „Wir haben uns gleich in das kleine Nestchen verliebt“, sagt die heute 43-Jährige.

Susan Posselt bietet in ihrem Kosmetikstudio Klangmassagen an. Quelle: Sven Bartsch

Seitdem hat Steina ein eigenes Kosmetik- und Nagelstudio mit dem verheißungsvollen Namen „1001 Nacht“. Klar sei es mit einem Risiko verbunden, sich auf dem Land selbstständig machen, sagt die gelernte Kosmetikerin. Doch das Konzept ging auf, Posselt hat inzwischen einen festen Kundenstamm. „Die Leute kommen her und haben hier Ruhe“, sagt sie und führt in den Keller, in ihr Reich.

Massage mit tibetanischen Klangschalen

Hier unten bietet sie neben der klassischen Kosmetik eine besondere Behandlung an: Bei der Klangschalen-Massage liegt man zwischen zwei Gongs und ist umgeben von den tibetanischen Instrumenten, die Posselt einzeln anspielt. „Man hat das Gefühl in einer Klangwelt zu liegen“, erklärt sie. Der Selbstversuch zeigt: Die satten Töne dringen nicht nur ins Ohr, sondern als Schwingung durch den eigenen Körper hindurch. Eine Dreiviertelstunde Klangmassage kostet 48 Euro. Posselt meint: „Entweder man hasst die Klangschalen oder man liebt sie.“

Die zweifache Mutter fühlt sich wohl in Steina. Sie kann direkt hinter dem Haus joggen gehen, habe liebe Nachbarn, zum Dorffest schminkt sie die Kinder. Nur manchmal, sagt sie, da wird es ihr hier zu ruhig. Dann fährt die Familie nach Dresden, Leipzig oder Chemnitz. Also nichts zu meckern an Steina? Jetzt fällt Posselt doch noch etwas Negatives ein. Es wäre schön, wenn der Schulbus aus Hartha nach der achten Stunde noch fahren würde. Dann müsste sie die Kinder nicht abholen. Ihr 15-jähriger Sohn Enzo wünscht sich nur eines: schnelleres Internet.

Landleben gibt es nicht mehr in Steina

Ein Wunsch, den Hans-Conrad Lorenz nicht nachvollziehen kann. Mit seinen 80 Jahren gehört er zu den Urgesteinen des Dorfes. Er ist in Steina geboren und aufgewachsen, half als Kind im Sommer auf den Feldern. Als Erwachsener widmete er sein Leben der Landwirtschaft. Von 1952 bis zur Rente arbeitete er auf den Feldern zwischen Rheinsdorf und Rötha.

Hans-Conrad wurde in Steina geboren und ist einer von wenigen, die noch Hühner halten. Quelle: Sven Bartsch

„In der Landwirtschaft waren damals 50, 60 Leute beschäftigt, heute noch einer“, sagt der Senior, dem die Veränderungen seines Dorfes zu schaffen machen. Das typische Landleben, sagt er, gebe es nicht mehr. „Die Leute brauchen nur noch Raum zum Wohnen.“ Lorenz ist einer von wenigen, der noch Hühner hält und in seinem Garten Kartoffeln anbaut.

Das Dorf der Steine

Steina ist ein Waldhufendorf, das 1377 in Urkunden als „Stein“ auftaucht. 1411 ist von „zcum Stene“ die Rede. 1551 leben in „Steynn“, wie es zu dieser Zeit geschrieben wird, 47 Menschen. 1834 erhöht sich die Zahl auf 242 Einwohner, 1910 leben 451 Leute in Steina. Zur Wende hat das Dorf knapp 400 Einwohner. Heute leben in Steina 231 Menschen, Saalbach hat gerade mal 60 Bewohner.

Der Name des Dorfes rührt von den Steinbrüchen her, von denen es früher mehrere rings um das Dorf gab. Die Steine wurden damals im Straßenbau genutzt. Einige Familien verloren ihre Häuser, weil diese den Baggern zum Opfer fielen. Ein verbliebener Steinbruch wird gerade mit Bauschutt aufgefüllt. Die ursprüngliche Idee des Dorfes, daraus einen Badesee daraus zu machen, scheiterte.

Auch auf die Auflösung der Feuerwehr blickt der alteingesessene Steinaer mit Wehmut. 66 Jahre lang gehörte er zu den Kameraden. „Früher war aus jedem Gut einer in der Feuerwehr“, sagt Lorenz. Das war auch nötig. Die Dampfloks fuhren direkt am Dorf vorbei, im Sommer brannte jeden zweiten Tag ein Feld, erinnert er sich.

Über das Viadukt bei Steina rauschen auch heute noch Dampfloks in Richtung Chemnitz. Quelle: Sven Bartsch

Erst wurde der Brand gelöscht, danach trank man zusammen ein Bier. „Da hat keiner gefragt: Was kriegen wir dafür?“, erinnert sich der Rentner. Nach der Wende brach die Industrie in Hartha zusammen, viele Menschen zogen weg. „So zerfällt ein Dorf.“

Lkw-Werkstatt Fichtner will sich erweitern

Auch wenn zu DDR-Zeiten im Ort mehr los war, Firmen gibt es in Steina noch einige. Lorenz Tochter gehört eine Mützenfabrik, auf Nachfrage will sie keine nähere Auskunft geben. Andere Firmenchefs sind gesprächiger. Zum Beispiel Stefan Fichtner, der die Lkw-Werkstatt am Rande von Steina 1995 von seinem Vater übernahm.

In der Lkw-Werkstatt von Stefan Fichtner in Steina werden Brummis und Traktoren repariert. Quelle: Gina Apitz

Hier repariert sein Team verschiedenste Typen von Lkw, Transportern und Pkw. Der 44-Jährige hat die Werkstatt ausgebaut, beschäftigt heute zehn Angestellte und will weiter expandieren. Aktuell können fünf bis sechs Fahrzeuge gleichzeitig repariert werden. Das sei zu wenig, so der Geschäftsführer.

Stefan Fichtner betreibt in Steina eine Lkw-Reparaturwerkstatt. Quelle: Sven Bartsch

Im Harthaer Gewerbegebiet baut Fichtner derzeit eine neue Werkstatt, die noch dieses Jahr fertig werden soll. Der Rohbau steht bereits. Der alte Standort wird erst einmal erhalten bleiben. Mit dem Umzug verlängert sich Fichtners Arbeitsweg. Jetzt läuft er vom elterlichen Gut nur ein paar Minuten bis zum Betrieb. Auf dem Hof mit der Hausnummer 1 leben noch seine Großeltern, 92 und 90 Jahre alt, und seine 12 und 14 Jahre alten Söhne – ein echtes Mehrgenerationenhaus. Fichtner ist gut in Steina gut vernetzt. Von den Alteingesessenen kennt er alle. Neulich lud er das halbe Dorf auf seinen Hof ein – zum Eishockey-Match auf dem zugefrorenen Teich.

Tischlermeister sucht Nachfolger für Werkstatt

Für solchen Freizeitspaß hat René Wiede keine Zeit. Die Auftragsbücher des Tischlers sind voll. „Bis Juni bin ich komplett ausgebucht“, sagt der 54-Jährige. Vor 26 Jahren baute er seine Werkstatt auf die grüne Wiese in Steina, wie er sagt. Schlafzimmerschränke, Tische, Betten und Kinderzimmer fertigt Wiede nach Maß. Gern würde er einen Mitarbeiter anstellen, findet aber keinen ausgebildeten Möbeltischler.

René Wiede (l.) sucht händeringend einen neuen Mitarbeiter. Zum Glück hilft ihm Host Damm (r.) aus, obwohl er seinen Ruhestand genießen könnte. Quelle: Sven Bartsch

Ein älterer Kollege, der schon in Rente ist, hilft ihm. Mit seinen 73 Jahren könnte Horst Damm seine Freizeit anders verbringen, aber die Arbeit in der Tischlerei macht ihm Spaß. 25 Lehrlinge bildete Wiede aus, keiner blieb. Gern würde er seine Werkstatt irgendwann an einen Nachfolger übergeben. Doch bisher findet er niemanden, der daran Interesse hat.

Gaststätte Merkur in Saalbach ist bei Gästen beliebt

Das Thema Nachfolge bereitet auch Bernd und Birgitt Paul Bauchschmerzen, die im benachbarten Dörfchen Saalbach die Gaststätte „Merkur“ betreiben. Der 71-Jährige und die 66-Jährige merken beide, dass sie den Betrieb des Lokals gesundheitlich nicht mehr lange schaffen. „Wir müssen ein bisschen kürzer treten.“ Wer die Gaststätte in einigen Jahren weiterführen könnte, ist noch unklar.

Birgit und Bernd Paul betreiben in Saalbach die Gaststätte "Merkur". Quelle: Sven Bartsch

Im Dezember 1981 übernahm das aus dem Vogtland stammende Paar das damals leer stehende Gasthaus. Bernd Paul erinnert sich noch an den ersten Tag, an dem „unheimlich viel Schnee“ gelegen habe. Nun blicken die beiden auf 37 bewegte Jahre zurück. Sie könnten stundenlang erzählen – von all den Schulanfängen, Familien- und Trauerfeiern, die sie ausrichteten. „Es gab Höhen und Tiefen“, sagt Birgitt Paul.

Gaststätte Merkur in Saalbach ist auch bei Wanderern sehr beliebt. Quelle: Gina Apitz

Zu DDR-Zeiten versorgten die Gastleute die Belegschaft der nahen Papierfabrik, auch die Nachtschicht bekam frisch gekochte Gerichte. Heute kommen ihre Gäste aus den Orten der Umgebung, viele aus Leipzig oder Dresden. Durch den Bahnhaltepunkt direkt neben dem Lokal erreichen auch viele per Zug in den „Merkur“. Am Wochenende ist die Gaststube meistens voll. Birgitt Paul bedient, ihr Mann kocht – Schnitzel, Sauerbraten, Rouladen und Gulasch. Freie Wochenenden kennen die Gastleute kaum. Für dieses Jahr haben sie sich eines aber fest vorgenommen: drei Wochen Urlaub.

Von Gina Apitz

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