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Fall Unister: Videos aus Venedig ausgewertet – Anklage steht bevor

Millionenschwerer Kreditbetrug Fall Unister: Videos aus Venedig ausgewertet – Anklage steht bevor

Der Generalstaatsanwaltschaft in Dresden liegen Aufnahmen des ominösen Betrügers Levy Vass vor. Er soll die ehemaligen Unister-Manager Thomas Wagner und Oliver Schilling um eine Millionensumme betrogen haben. In dem Fall könnte bald eine erste Anklage erfolgen.

Auf dem Rückflug stürzten die Unister-Manager ab.
 

Quelle: dpa

Leipzig. Es war der Wirtschaftskrimi Leipzigs in diesem Jahr schlechthin und endete mit vier Toten, zahlreichen Insolvenzen und einem verschwundenen Millionenbetrag. Im Fall des Online-Reiseunternehmens Unister steht jetzt die erste Anklage bevor. „Das Verfahren befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium“, sagte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft, Wolfgang Klein. Der Tatvorwurf lautet Betrug in einem besonders schweren Fall.

Im Visier der Ermittler steht Wilfried Sch., ein Geschäftsmann aus Unna. Er zog im Hintergrund die Strippen und fädelte offenbar einen verhängnisvollen Kreditvertrag für Unister mit ein. Die Firmengründer Thomas Wagner und Christian Schilling flogen deshalb Mitte Juli nach Venedig und wollten das Geschäft mit dem angeblichen Israeli Levy Vass perfekt machen. Auf dem Rückflug stürzten die beiden Manager mit einem Kleinflugzeug vom Typ Piper PA-32R über den Wäldern Sloweniens ab. Wagner, Schilling, der Pilot und ein weiterer an dem Darlehen beteiligter Geschäftsmann kamen dabei ums Leben.

Video von Levy Vass

Vass ist bis heute abgetaucht. Er wird laut Klein mit internationalem Haftbefehl gesucht. Die Ermittler vermuten, dass weder sein Name noch die Nationalität stimmen. Einen Durchbruch erhofften sich die Beamten von Videoaufzeichnungen, die der italienischen Polizei vorliegen. Der Geldaustausch fand vor dem Vier-Sterne-Hotel „Antony Palace“ statt und wurde von einer Sicherheitskamera des Hauses aufgezeichnet.

Das Hotel „Antony Palace“ in Venedig

Das Hotel „Antony Palace“ in Venedig.

Quelle: Pr

Die Qualität der Aufnahmen enttäuscht allerdings. „Einige Personen sind deutlich zu erkennen. Von Vass gibt es aber kein klares Bild“, so Klein. Die Generalstaatsanwaltschaft hat inzwischen weitere Dokumente von ihren Kollegen aus Venedig erhalten. Darunter befindet sich auch die vor Ort erstattete Anzeige Wagners. Über den genauen Inhalt des Papiers wollte Klein aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben machen.

Neue Akten aus Slowenien

Bei der Staatsanwaltschaft in Leipzig wird nach wie vor ein sogenanntes Todesermittlungsverfahren geführt. Darin werden die Umstände des Flugzeugabsturzes untersucht. Im Wesentlichen stützen sich die deutschen Beamten dabei auf die Erkenntnisse der Kriminalisten in Slowenien. Gerade erreichte wieder ein größerer Datenbestand die Leipziger Behörde. „Über den Inhalt können wir aber noch nichts sagen, die Papiere müssen erst übersetzt werden“, sagte Jana Friedrich, Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Was am Tag vor dem Absturz in der italienischen Lagunenstadt passierte, das versuchen die Ankläger aus Dresden herauszufinden und erhoffen sich im Prozess auch Antworten von Sch. Er sitzt seit gut vier Monaten in Untersuchungshaft. „Deshalb müssen wir das Verfahren auch beschleunigen“, so Klein.

Den Kreditdeal bahnte Thomas Wagner Ende Juni an. Hilfe bekam der Geschäftsführer des einstigen Internetriesen von einem ehemaligen Bankfilialleiter aus Leipzig, der heute in der Nähe von Hannover lebt. „Ich übersende Ihnen den besprochen Mustervertrag, der maßgeblich wäre für eine Privatfinanzierung von bis zu 15 Millionen Euro an Sie“, schrieb Karsten-D. K. am 28. Juni per E-Mail an Wagner. Der 38-Jährige antwortete damals prompt. Keine Viertelstunde nach Posteingang bat er um ein Telefonat mit K. Am nächsten Tag folgte eine zweite E-Mail mit den Details über die Abwicklung.

Beteiligt sein sollten als Vermittler neben K. auch „ein Herr Sch.“, wie es hieß. Jenem Mann, der in Dresden heute in U-Haft sitzt und dessen Anklage nun bevorsteht. Im Detail ging es am Ende um zwölf Millionen Schweizer Franken. Das Geld sollte Vass zur Verfügung stellen. Zwischenhändler Sch. und der potenzielle Kreditpartner aus dem Nahen Osten sollen sich seit 17 Jahren aus dem Diamantenhandel kennen. „Er hat immer gute Geschäfte mit ihm gemacht und hat auch nie Negatives über ihn gehört“, schreibt Karsten-D. K. an Wagner über die Erfahrungen von Sch. Im Internet sei über den Israeli nichts zu finden, was angesichts der Diskretion seiner Geschäfte nicht verwundere.

Fünf Prozent Provision

Sch. sollte an dem Geschäft kräftig mitverdienen. Er und der später abgestürzte Geschäftsmann sollten zusammen fünf Prozent der Darlehenssumme als Provision erhalten. So war es vereinbart, wie aus internen Papieren hervorgeht, die LVZ.de vorliegen. Bei einem Volumen von zwölf Millionen Schweizer Franken wären das 600.000 Schweizer Franken gewesen.

Unistergründer Thomas Wagner

Unistergründer Thomas Wagner.

Quelle: dpa

In Wahrheit fiel Wagner damals auf einen sogenannten Rip-Deal herein. Für den Kredit über zwölf Millionen Schweizer Franken musste er 1,5 Millionen Euro als Sicherheit in bar übergeben. Vass übergab im Gegenzug ein Viertel der Darlehenssumme ebenfalls in bar, der Rest sollte überwiesen werden. In Wahrheit führte er Wagner aber an der Nase herum. Nur rund 10.000 Schweizer Franken waren echt, darunter lag Falschgeld.

Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt nicht nur gegen Sch. Auch der Leipziger Ex-Banker K. und weitere Personen werden verfolgt. Ein genauer Tatvorwurf lasse sich abschließend noch nicht formulieren. Laut Klein befinden sich bisher keine weiteren an dem Fall Beteiligten in Untersuchungshaft.

Die Unister Holding und dutzende Tochterfirmen mussten nach dem Tod von Wagner und Schilling Insolvenz anmelden. Ein groß angelegter Verkauf an Investoren erfolgte bisher nicht. Nach Angaben von Insolvenzverwalter Lucas F. Flöther erwirtschaftet die Reisesparte aber wieder Gewinne.

Von Matthias Roth

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