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Die Akte Unister Unister-Prozess: Staatsanwalt fordert Haft- und Bewährungsstrafe
Thema Specials Die Akte Unister Unister-Prozess: Staatsanwalt fordert Haft- und Bewährungsstrafe
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19:37 28.11.2017
Die Angeklagten Holger Friedrich (links) und Daniel Kirchhof. Im Unister-Prozess hielt die Staatsanwaltschaft am Dienstag ihr Plädoyer. (Archivfoto) Quelle: André Kempner
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Leipzig

 Der Prozess gegen zwei ehemalige Manager des inzwischen insolventen und in großen Teilen verkauften Leipziger Internetunternehmens Unister geht auf die Zielgerade. Nach 39 Verhandlungstagen und fünf Jahren Ermittlungen hat Staatsanwalt Dirk Reuter am Dienstag seinen gut zweistündigen Schlussvortrag gehalten.

Der Anklagevertreter forderte für den früheren Finanzchef Daniel Kirchhof (40) eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren und zusätzlich eine Geldstrafe von 220 Tagessätzen à 70 Euro (15.400 Euro) wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs, Steuerhinterziehung und unerlaubten Vertriebs von Versicherungen.

Der ehemalige Chef der Flugportale, Holger Friedrich (52), soll dagegen hinter Gitter. Für ihn forderte Reuter eine Haftstrafe von zweieinhalb Jahren und eine Geldstrafe über 180 Tagessätze à 150 Euro (27.000 Euro). Wegen des sogenannten Runterbuchens von Flugtickets habe er sich des banden- und gewerbsmäßigen Betrugs schuldig gemacht. Am Mittwoch sind die Plädoyers der Verteidigung vorgesehen.

Reuter bezeichnete den Prozess als „ungewöhnliches Verfahren“. Bevor er sich konkret mit den zur Last gelegten Taten der beiden Angeklagten befasste, holte der Jurist der Generalstaatsanwaltschaft (Gensta) in Dresden noch einmal zum Rundumschlag gegen Unister und dem bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Firmengründer Thomas Wagner aus.

Unister war ohne „rechtlichen Kompass“

Unister, mit vielen Berufseinsteigern in den Reihen, sei strukturell überfordert gewesen. „Es fehlte der rechtliche Kompass“, sagte Reuter. Wagner habe bis tief ins Unternehmen hineinregiert. „An rechtlicher Beratung war er nicht interessiert“, so Reuter. Ganz im Gegenteil: Der Firmenchef habe Juristen eher als Hemmschuh wahrgenommen. Und einmal am Drücker: „Im Unternehmen gab es immer Probleme, entweder mit dem Geld oder mit der Liquidität“, erklärte der Staatsanwalt. Vor diesem Hintergrund hätten dann auch die beiden Angeklagten gehandelt.

In dem seit Januar andauernden Prozess geht es um drei Kernfragen. Erstens: Hat Unister betrogen, weil die Preise für Buchungen auf Portalen wie fluege.de im Nachgang optimiert wurden (sogenanntes Runterbuchen) und die Ersparnisse nicht an den Kunden weitergegeben hat? Zweites: Wurden mit „Stornoschutz“ (Hotels) und „Flexifly“ (für Flüge) unerlaubt Versicherungen vertrieben? Mit beiden Produkten sollten Kosten für eventuelle Umbuchungen ersetzt werden. Drittens: Hat Unister Versicherungssteuer hinterzogen?

Reuter beantwortet alle drei Fragen mit ja. Vor seinem Plädoyer wurden von der 15. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Volker Sander Teile des Verfahrens eingestellt und die Strafverfolgung auf Kernpunkte beschränkt.

Kunden merkten nichts

Vor allem mit dem Runterbuchen hat Unister nach Ansicht Reuters erheblichen Schaden bei seinen Kunden verursacht. Insgesamt 41.395 Ticketkäufern seien günstigere Tarife vorenthalten und sie so um mehr als 4,8 Millionen Euro geprellt worden. Unister suchte zwischen Onlinebuchung und Ausstellung des Flugscheins nach billigeren Tarifen, etwa aus Kontingenten für Pauschalreisen, die für Linienflüge nicht vorgesehen waren. Entweder setzte das Unternehmen dafür Mitarbeiter oder ein Computerprogramm ein. Der Kunde merkte davon nichts, weil er sein Ticket bereits zu einem festen Preis sicher glaubte.

Nach Meinung Reuters hätte Unister als Vermittler zwischen Fluggast und Airline niemals selbst agieren dürfen, sondern habe nur die Funktion eines Boten gehabt. Friedrich sei bei dieser Praxis eine zentrale Figur gewesen und habe nach seinem Wechsel vom Großhändler Aerticket zu Unister das nötige Know-how mitgebracht. „Er hat Thomas Wagner und Daniel Kirchhof erklärt, wie das Runterbuchen geht“, nannte Staatsanwalt Reuter einen Grund für die geforderte Haftstrafe. Zeugen hatten während des Verfahrens mehrfach berichtet, dass diese Praxis auch bei anderen Anbietern der Branche durchaus üblich sei, bisher aber nie verfolgt wurde. „Bei Unister wurde alles etwas extremer angewendet“, meinte Reuter.

Ex-Sprecher von Unister übt scharfe Kritik

Am frühen Abend meldete sich nach Monaten des Schweigens auch der ehemalige Firmensprecher Dirk Rogl wieder zu Wort und attackierte den Staatsanwalt scharf. „Dieses Plädoyer ist unfassbar und dokumentiert die Voreingenommenheit und Praxisferne der Gensta Dresden insbesondere zum Runterbuchen“, teilte er per Twitter mit.

Während Friedrich sich nur noch wegen den Ticketpreisen verantworten muss, steht Kirchhof auch noch wegen des Vertriebs von „Stornoschutz“ und „Flexifly“ vor der Strafkammer. Beide Produkte waren der Grund für die erste Razzia bei Unister im Dezember 2012 und dem sich anschließenden im Abwärtsstrudel befindlichen Lebenswerks von Wagner.

Altes Produkt, neuer Name

Nach Ansicht Reuters sei eine ehemalige mit einem Partner vertriebene Versicherung einfach umgebaut und unter den beiden neuem Namen, aber ohne notwendige Zulassung, angeboten worden. „Es ist eine Krux, wenn es eine Versicherung ist, aber nicht sein darf“, zitierte der Ankläger einen Zeugen aus der einstigen Rechtsabteilung im Leipziger Barfußgässchen. Unister und die Unternehmenstochter Travel 24 hätten einen Steuerschaden von knapp 930.000 Euro verursacht. Unberücksichtigt blieb dabei allerdings, dass der frühere Internetriese stets Umsatzsteuer für die beiden Produkte bezahlt hat.

Kirchhof hatte sich mit Strafkammer und Anklage vor dem Schlussvortrag in einem Rechtsgespräch verständigt und war somit auf den Strafantrag vorbereitet. Dennoch: Während des Plädoyers tauschte er sich immer wieder mit seinem Verteidiger Arndt Hohnstädter lebhaft aus. Friedrich verfolgte die Aussagen ruhig, aber konzentriert. „Ich habe nach dem Verlauf der Verhandlung schon damit gerechnet. Wir haben aber erst eine Seite gehört“, sagte der ehemalige Chef der Flugsparte.

Von Matthias Roth

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