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Flüchtlinge in Leipzig Refugee Law Clinic: Leipziger Studentinnen helfen Asylbewerbern
Thema Specials Flüchtlinge in Leipzig Refugee Law Clinic: Leipziger Studentinnen helfen Asylbewerbern
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19:53 14.06.2016
Die Jurastudentinnen Carolin Müller (l.) und Katja Reissing beraten Flüchtlinge kostenlos in Asylrechtsfragen. Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, in Asylrechtsfragen kostenlos beraten – das will die Refugee Law Clinic (RLCL). In dem seit 2014 bestehenden, an der Universität Leipzig angesiedelten gemeinnützigen Verein arbeiten rund 30 Studenten aller Fachrichtungen im Ehrenamt, einige davon angehende Juristen in höheren Semestern. Neben der konkreten Beratungsleistung halten sie Vorträge zu Aufenthalts- und Asylrechtsfragen, informieren über das Thema, bauen so Vorurteile ab und werben neue Berater an. Darüber hinaus organisieren sie die Ausbildung von juristischen Laien zu Beratern und Dolmetschern, um Flüchtlingen die Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Studenten hoffen auf Preis für Flüchtlingshilfe

Für ihr soziales Engagement wurde die RLCL, die seit letztem Jahr das Stipendienprogramm „Ankommer. Perspektive Deutschland“ der KfW-Stiftung durchläuft, für den Innovativpreis der Stiftung nominiert. Er wird am Donnerstag in Berlin durch die KfW vergeben. Unter zwölf Gründern und Vereinen mit innovativen und übertragbaren Lösungsideen zur Verbesserung der beruflichen Startmöglichkeiten von Flüchtlingen in Deutschland wird das beste soziale Projekt gesucht – der Sieger erhält ein Preisgeld von 20.000 Euro. Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wird der Veranstaltung beiwohnen und eine Rede halten. Die 28-jährigen Leipzigerinnen Katja Reißig und Carolin Müller, beide Jurastudentinnen und seit 2015 Beraterinnen bei der RLCL, hoffen, dass sie den ersten Platz machen.

„Das Preisgeld wäre ein prima Startgeld, um unsere Arbeit weiterzuführen“, sagen die Studentinnen. „Wir wollen den Preis, damit wir auch unsere Sprachmittler bezahlen und Leute direkt anstellen können, die neue Sponsoren ins Boot holen.“ Erst so könnte ihre Arbeit anerkannt werden.

Flüchtlinge auf Asylverfahren vorbereiten

Zurzeit sind Katja und Carolin viel unterwegs – sie studieren, beraten, halten Vorträge und kümmern sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Geflüchteten stehen sie in einer öffentlichen Sprechstunde neben acht weiteren ehrenamtlichen Beratern jeden zweiten Freitag im Monat von 14 bis 16 Uhr im Begegnungscafé in der Friederikenstraße 60H zur Seite, nach Absprache werden auch persönliche Zusatztermine vereinbart. An den anderen Freitagen tauschen sie sich mit den anderen Beratern aus – werden Fälle besprochen und gegenseitig Tipps gegeben. Die Einrichtung liegt gleich in der Nähe einer Asylunterkunft, das macht die Wege zur Beratung kürzer. „Die Flüchtlinge haben laut EU einen Anspruch auf Rechtsberatung in Asylfragen, werden aber vom Staat alleine gelassen“, schildert die 28-jährige Jurastudentin Katja Reißig. „Wir springen in diese Lücke, sagen ihnen, was im Asylverfahren alles auf sie zukommt, welche Behördengänge sie machen müssen und informieren über ihre rechtlichen Möglichkeiten. Wir sind da, wo kein anderer ein Ohr hat“, sagt Carolin. Seit Mai 2015 wurde auf diese Weise über 250 Asylbewerbern geholfen.

Verein bietet Laienberatung an

Den Betroffen wird gleich am Anfang der Beratung deutlich gemacht, dass hier Laien am Werk sind. „Wir sagen klar, dass wir keine Volljuristen sind und niemanden vor Gericht vertreten können“, erklärt die angehende Juristin Carolin. Sie selbst weiß, dass Asylrechtsfälle Spezialwissen erfordert, das im normalen Jurastudium nicht abgehandelt wird. Daher hat sie selbst die Ausbildung zum Berater gemacht und sich so das nötige Wissen angeeignet.

„Wir hören uns einen Rechtsfall an und vermitteln die Basics zum Asylrecht. Zudem beraten wir im Team – bei der Beratung sind wir immer zwei Berater und ein Dolmetscher, die alle die Ausbildung zum Flüchtlingsberater durchlaufen haben.“ Sie gehen auch mit aufs Amt und vermitteln zwischen Behörde und Flüchtling. „Oft sind hier die fehlenden Sprachkenntnisse ein großes Problem“, sagte Katja. In der Regel kommen Flüchtlinge, deren Asylverfahren noch läuft, ihr Herkunftsland plötzlich von der Regierung als sicher eingestuft wurde oder wo die Frage der Familienzusammenführung im Raum steht. „Es kommen aber auch Studenten aus anderen Ländern, denen wir erklären, dass sie nicht unter das Asylrecht fallen.“ Muss eine Klageschrift aufgesetzt werden und ein Anwalt eingeschaltet werden, wird der Fall mit den sechs ehrenamtlichen Volljuristen besprochen, die mit dem Verein zusammen arbeiten. Sie geben den Beratern Rat.

Informieren und Vorurteile abbauen helfen

Daneben gehen die Ehrenamtler in Kirchgemeinden, auf Parteiveranstaltungen, zu anderen Initiativen pro Asyl und informieren über Rechtsfragen – einmal um für das Thema Asylrecht zu sensibilisieren, zu informieren, andererseits um Vorurteile abzubauen, aber auch neue Flüchtlingshelfer zu werben. Der Verein hat zudem ein Ausbildungsprogramm auf die Beine gestellt – Studenten aller Fachrichtungen sowie angehende Juristen können sich drei Semester lang zu juristischen Laienberatern ausbilden lassen. Dann können auch sie Flüchtlingen, die neu in Deutschland sind und ein Asylverfahren durchlaufen, Orientierung in Rechtsfragen bieten.

Dreiteilige Ausbildung zum Berater

Die Ausbildung zum Berater ist dreiteilig – im ersten Semester besuchen Interessierte ein Seminar zu allgemeinen Fragen des Aufenthalts- und Asylrechts, die von zwei Richtern des Bundesverwaltungsrechts einmal die Woche gehalten wird. Die Veranstaltungen sind gut besucht – im letzten Semester waren es 150 Teilnehmer. Diese besuchen auch jene, die sich für das Thema Asylrecht zwar interessieren, aber keine Berater werden wollen. Ab Semester zwei sitzen dann dort die angehenden Berater, besuchen von wissenschaftlichen Mitarbeitern und Tutoren der Uni Leipzig angebotene Vertiefungsseminare, besprechen Beispielfälle. In Semester drei wird das Wissen weiter vertieft und arbeiten die Auszubildenden bereits als Co-Berater, nehmen an Beratungen teil und simulierten Unterredungen. Anschließend ist es ihnen freigestellt, für die RLCL oder andere Flüchtlingsinitiativen zu arbeiten. 25 Berater hat der Verein auf diesem Wege letztes Jahr ausgebildet.

Neues Programm für Dolmetscher

„Wegen der sich schnell verändernden Rechtslage hat sich die Ausbildung dieses Semester inhaltlich verändert und auch verlängert – so wird neuerdings das zusätzliche Vertiefungssemester angeboten, in dem zum Beispiel der Familienzuzug oder die Arbeitsmarktintegration Thema sind“, erklären Katja Reißig und Carolin Müller. Zudem ist gerade ein neues Programm zur Ausbildung von Sprachmittlern aufgelegt worden. In der Sprachmittlungsausbildung wird die besondere Rolle von Dolmetschern in der Asylrechtsberatung, spezielles Vokabular und Grundwissen zum Ablauf des Verfahrens vermittelt.

„Wir leisten hier viel und machen das Ehrenamt neben Studium und Job – teilweise sind wir dafür 20 Wochenstunden im Einsatz. Daher wäre es schön, wenn diese Leistung in Berlin anerkannt wird“, so die beiden engagierten Studentinnen.

Von Oliver Becker

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