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Flüchtlinge in Leipzig Unterricht für Flüchtlingskinder: Schulen stoßen an Kapazitätsgrenze
Thema Specials Flüchtlinge in Leipzig
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21:40 09.02.2016
Immer mehr Flüchtlingskinder werden in Vorbereitungsklassen unterrichtet. Quelle: dpa
Leipzig

Schulen in Leipzig und Dresden sind bei der Unterbringung von Flüchtlingskindern nah am Limit. In den Ballungszentren sei man „personell und räumlich“ an der Kapazitätsgrenze, erklärte ein Sprecher des Kultusministeriums. In den Großstädten gebe es ohnehin eine steigende Zahl von Schülern – Schulen müssen saniert oder neu gebaut, mehr Lehrer eingestellt werden. Die Aufnahme von Flüchtlingskindern verschärfe die Situation. „Noch geht es, aber die Frage ist, wie lange noch“, so der Sprecher.

Die Region Leipzig verzeichnet dabei einen deutlich steigenden Unterrichtsbedarf für junge Flüchtlinge. Nach Angaben von Michaela Bausch, Sprecherin der Sächsischen Bildungsagentur (SBA), hat sich die Zahl der Vorbereitungsklassen seit Schuljahresbeginn nahezu verdoppelt. Im Bereich der Leipziger Regionalstelle – wozu neben der Messestadt auch die Landkreise Leipzig und Nordsachsen gehören – werden derzeit Kinder in 106 Klassen für Deutsch als Zweitsprache (DaZ) unterrichtet. Anfang September waren es noch 55. Mittlerweile gibt es in der Region 40 solcher Klassen in Grundschulen, 37 in Oberschulen, 28 an berufsbildenden Schulen und eine am Gymnasium. Weitere Klassen werden derzeit geplant. Ab dem 22. Februar, zum Unterrichtsbeginn nach den Winterferien, soll es insgesamt 115 Vorbereitungsklassen geben.

Leipzig schafft neue Unterrichtsräume

„Die Lage ist angespannt, aber beherrschbar“, schätzt Anke Kahnt, stellvertretende Leiterin der SBA-Regionalstelle in Leipzig, die Situation vor Ort ein. Die weitere Entwicklung sei aber nicht abzusehen und hänge davon ab, wie viele Flüchtlinge mit Kindern künftig kämen. „Im Augenblick finden wir noch ausreichend Personal“, so Kahnt. Die jungen Zuwanderer würden von ausgebildeten Lehrern, aber auch von Quereinsteigern unterrichtet.

Neben dem personellen wächst auch der Bedarf an räumlichen Kapazitäten. Erst kürzlich hatte Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) angekündigt, dass zusätzliche Unterrichtszimmer für Deutsch als Zweitsprache zur Verfügung gestellt werden sollen. Im Dezember hatte der Stadtrat beschlossen, Räumlichkeiten in Systembauweise für die Georg-Schumann-Oberschule, die Schule Portitz, die 84. Schule und die Schule Paunsdorf anzuschaffen. Die Gesamtkosten wurden auf 2,6 Millionen Euro veranschlagt. Nun soll an der Georg-Schumann-Oberschule das flexible System um eine weitere Etage ergänzt werden. Für die vier Unterrichtsräume, einen Nebenraum und die Toiletten geht das Rathaus von 900.000 Euro Mehrausgaben aus. Der Stadtrat soll am 24. Februar darüber entscheiden.

„Schülerzahlen differieren fast wöchentlich“

Am Dienstag legte die Stadtverwaltung Zahlen dazu vor, wie viele Flüchtlingskinder in Leipzig derzeit Vorbereitungsklassen besuchen. Insgesamt sind es mehr als 1200 (Stand Januar). Von ihnen werden 568 in Grundschulen, 457 in Oberschulen und etwa 200 in Berufsschulen unterrichtet. Seit dem Schuljahr 2007/08, als es noch 91 Jungen und Mädchen waren, hat sich die Zahl zunächst langsam erhöht und stieg in den vergangenen beiden Jahren deutlich an.

Schüler in Vorbereitungsklassen in Leipzig

Entwicklung zwischen 2005 und 2015 (Daten: Stadt Leipzig)

Schuljahr

Grundschulen

Oberschulen

Gesamt

2005/06

63

127

190

2006/07

56

92

148

2007/08

37

54

91

2008/09

39

70

109

2009/10

44

64

108

2010/11

43

103

145

2011/12

59

100

145

2012/13

87

106

193

2013/14

108

118

226

2014/15

225

211

436

2015/16

368

315

683

„Die Schülerzahlen differieren fast wöchentlich. Es ist ein Kommen und Gehen“, sagt SBA-Sprecherin Bausch. Hintergrund: Die Jungen und Mädchen werden in einem dreistufigen Verfahren schrittweise in den Regelunterricht integriert. Wenn es die Sprachkenntnisse zulassen, ist ein Besuch der Vorbereitungsklassen nicht mehr nötig.

Für den Freistaat Sachsen liegen etwaige Gesamtzahlen vor: Inzwischen gebe es rund 6100 Kinder, die in mehr als 400 Vorbereitungsklassen lernen, heißt es aus dem Kultusministerium. Die Zahl der Flüchtlingskinder in den sogenannten „Willkommenklassen“ ist damit im Vergleich zum Vorjahr um etwa 70 Prozent gestiegen. Mit 106 Klassen gibt es die meisten in der Region Leipzig, teilte die SBA mit. Dresden (100) und Chemnitz (71) folgen dahinter.

Ein Großteil der Klassen für Schüler mit Deutsch als Zweitsprache wurde nach Angaben des Kultusministeriums an Grundschulen (170) eingerichtet. An Oberschulen werden Kinder und Jugendliche in 136 DaZ-Klassen unterrichtet, an berufsbildenden Schulen in 96. An Gymnasien gibt es derzeit erst die eine Vorbereitungsklasse in Leipzig – zusätzliche sollen in den nächsten Wochen folgen.

Bildungsagentur: DaZ-System hat sich bewährt

„Wir stellen uns auf weiter wachsende Zahlen an Flüchtlingskindern ein“, hieß es aus dem Ministerium. Auch mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden in den nächsten Wochen kommen: Bis zum 25. Januar hat Sachsen bereits 2186 junge Flüchtlinge in Obhut genommen. Das Soll für den Freistaat liegt bei 3451.

Rund 400 DaZ-Lehrer sorgen sachsenweit dafür, dass die Kinder zunächst Deutsch lernen und dann schrittweise in den regulären Unterricht integriert werden. Nach Ansicht der Sächsischen Bildungsagentur hat sich das System bewährt. „Unsere Erfahrungen sind gut“, berichtet Anke Kahnt vom Umgang mit jungen Flüchtlingen in Leipzig. „Die Kinder, die zu uns kommen, sind froh, wieder lernen zu dürfen.“ Etwa zehn Prozent von ihnen könne später eine Empfehlung für das Gymnasium ausgesprochen werden.

Von Michael Frömmert (mit dpa)

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