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Wie Leipzig zu DDR-Zeiten leuchtete – und wie es heute dort aussieht

Neue LVZ-Leuchtreklamen-Serie Wie Leipzig zu DDR-Zeiten leuchtete – und wie es heute dort aussieht

Das Doppel-M auf dem Wintergartenhochhaus oder „Mein Leipzig lob‘ ich mir“ am Brühl: Es sind nur zwei von Dutzenden Neonwerbeanlagen, die die Messestadt einst zur „Hauptstadt der Leuchtreklamen“ in der DDR machten. 

Von der Isolator-Zündkerze über das Doppel-M bis zur Löffelfamilie: Leipzig war in der DDR die Hauptstadt der Leuchtreklamen.

Quelle: Dirk Knofe / dpa / Volkmar Heinz und Jochen Dräger (LVZ-Archiv)

Leipzig. Es dürften um die Hundert gewesen sein, vielleicht auch deutlich mehr. Exakt weiß das heute niemand mehr. Leuchtende Neonreklamen tauchten zu DDR-Zeiten die Messestadt in bunte Farben. Für doppelt konzentrierte Suppen, prickelnd frisches Mineralwasser, Dederon und Zellwolle oder die Leipziger Messe warben sie in der Innenstadt und an den großen Ausfallstraßen. So wie sich die Stadt in den vergangenen 60 Jahren veränderte, kamen und gingen auch viele der Leuchtanlagen. Die meisten sind heute verschwunden, manche stark verfallen, andere wiederum erstrahlen in neuem Glanz.

Die LVZ hat in Archiven gewühlt, mit Zeitzeugen sowie Experten gesprochen und viele historische Bilder gefunden, die die Blütezeit der Leuchtreklamen wieder aufleben lassen. In einer dreiteiligen Serie zeigen wir, wie Leipzig früher strahlte – und wie es heute dort aussieht. Aktuelle Fotos dokumentieren dabei, wie die Orte sich über die Jahrzehnte verändert haben. Klicken Sie sich hier durch unsere große Bildstrecke:

Eine Zeitreise durch die Welt der DDR-Leuchtreklamen in Leipzig: Historische Bilder aus fünf Jahrzehnten und aktuelle Fotos zeigen, wie sich die Stadt an vielen Orten verändert hat.

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„Um 1980 herum dürfte die Zahl der Leuchtreklamen auf ihrem Höhepunkt gewesen sein“, schätzt Peter Leonhardt, Denkmalschützer im Leipziger Rathaus. Die Straßenbeleuchtung war schwach, von Dächern und Fassaden strahlte es dafür umso heller. Rund um den Ring entstanden seit den 1950er-Jahren Dutzende Leuchtanlagen, nicht zuletzt auf Geheiß von Walter Ulbricht. Dem SED-Chef soll es bei einem Messebesuch in seiner Heimatstadt zu dunkel und trist gewesen sein. Das nächtliche Gesicht der Stadt wurde daraufhin für Gäste aus aller Welt aufgepeppt – und Leipzig so zur inoffiziellen Hauptstadt der Neonreklamen.

„Die Messestadt hatte eine Schaufenster-Funktion“, erklärt Leonhardt. Auch für kuriose Dinge wie für die TGL – das DDR-Pendant zur DIN – wurde damals geworben. Die „Technischen Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen“ (TGL) gibt es heute nicht mehr, auch ihr Neonschriftzug am Bayrischen Platz ist längst abgerissen. Es ist ein Schicksal, das viele Leuchtreklamen seit 1990 ereilte. „Die Stadt war nach der Wiedervereinigung in einem kritischen Zustand, so dass sich die Frage stellte, ob Leipzig überhaupt noch zu retten war. Da gab es andere Prioritäten, als die Spuren des untergegangenen Regimes zu sichern“, so Leonhardt.

Lichtermeer am Leipziger Georgiring im Jahr 1963: Vieles, was einst leuchtete, ist heute verschwunden.

Lichtermeer am Leipziger Georgiring im Jahr 1963: Vieles, was einst leuchtete, ist heute verschwunden.

Quelle: LVZ-Archiv / Jochen Dräger

Viele Leuchtreklamen wanderten in die Schrottpresse

Zahlreiche leuchtende Relikte der DDR-Waren- und Industriewelt verschwanden, weil sie nicht unter Denkmalschutz standen. Wo Häuser neu gebaut oder saniert wurden, wanderten die oft völlig verrosteten Neon-Blech-Installationen in die Schrottpresse. Heute sehen Fachleute das Thema mit anderen Augen. Um 2000 herum habe in der Denkmalpflege eine Wende eingesetzt, erläutert Leonhardt. Die bedeutendsten Anlagen wurden nun als „origineller Teil des Stadtbildes“ erhalten.

Inzwischen stehen knapp 20 leuchtende Wahrzeichen und Neon-Schriftzüge im Stadtgebiet unter Denkmalschutz. Die zuletzt sanierten Reklamen an der Baumwollspinnerei in Plagwitz, am Standort der ehemaligen Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsgesellschaft (LKG) in der Prager Straße oder die „Löffelfamilie“ an der Feinkost gehören unter anderem dazu. „In vielen Fällen ist es privaten Initiativen oder Immobilieninvestoren zu verdanken, dass Anlagen wieder leuchten“, betont Leonhardt.

So strahlte es 1960 zur Weihnachtszeit an der Hainspitze.

So strahlte es 1960 zur Weihnachtszeit an der Hainspitze.

Quelle: LVZ-Archiv / Ralf Schier

Federführend bei der Sanierung vieler Reklamen war die Firma NEL aus Leipzig. Ihre Vorgängerfirma PGH Leuchtwerbung hatte zu DDR-Zeiten unzählige Anlagen gebaut, darunter auch die große Isolator-Zündkerze, die einst an der Ecke Prager Straße/Talstraße eine Giebelwand zierte und seit 2004 im Bildermuseum hängt. Als nächstes werde der historische „Post“-Schriftzug an der Alten Hauptpost am Augustusplatz saniert, die derzeit umgebaut wird, verrät NEL-Geschäftsführer Uwe Teichert.

Bei Sanierungsprojekten, erklärt Denkmalschützer Leonhardt, dränge die Stadt darauf, dass die Neonreklamen an den Gebäuden erhalten werden. Das gelte auch für das Hotel Astoria mit dem charakteristischen Schriftzug und den Sternen an der Fassade – es soll nach letzten Ankündigungen des Eigentümers Intown bis 2020 saniert werden und als Vier-Sterne-Hotel wieder öffnen.

„Mein Leipzig lob‘ ich mir“ kehrt zurück

Auch zwei der heute bekanntesten Neonreklamen der Messestadt werden wohl für weitere Jahrzehnte erhalten bleiben. Das Doppel-M auf dem Wintergartenhochhaus – seit 1972 leuchtendes Signet der Leipziger Mustermesse – dreht sich seit Juni wieder, nachdem es auf stromsparende LED-Technik umgerüstet wurde.

Seine Auferstehung feiern soll 2018 der berühmte Goethe-Schriftzug „Mein Leipzig lob‘ ich mir“, nachdem ein jahrelanger Rechtsstreit beigelegt wurde (die LVZ berichtete). Seit Mitte der 1970er-Jahre strahlte das Zitat aus dem „Faust“ zusammen mit der viersprachigen Grußbotschaft „Willkommen in Leipzig“ auf den Wohnblöcken am Brühl. 2007 wurde beides demontiert. Nach aufwändiger Sanierung sollen die Wahrzeichen im kommenden Jahr dorthin zurückkehren und auf dem Dach des Einkaufszentrums Höfe am Brühl in neuem Glanz erstrahlen.

Von Robert Nößler

Wie die Künstlergruppe „Unda“ die berühmte Goethe-Leuchtreklame und viele andere Neon-Kunstwerke entwarf, lesen Sie im zweiten Teil unserer Leuchtreklamen-Serie.

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