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Als Sachsen in der Flut versank: Vor zehn Jahren brach Jahrhundert-Hochwasser herein

Als Sachsen in der Flut versank: Vor zehn Jahren brach Jahrhundert-Hochwasser herein

Regen, Regen und nochmals Regen. Im beginnenden August des Jahres 2002 erinnert nichts daran, dass meteorologisch der Sommer zur Hochform auflaufen müsste. Stattdessen verkeilt sich eine seltene Vb-Wetterlage über Mitteleuropa: Das Tiefdruckgebiet "Ilse".

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Ein Helfer des THW 2002 in den braunen Fluten des Elbehochwassers im Innenhof des Dresdener Zwingers.

Quelle: dpa

Leipzig. Deren Last: Unglaublich starke Niederschläge, die bis dahin noch nie erreicht wurden, und auch nicht wieder gemessen worden sind.

So regnet es in Zinnwald in 24 Stunden 312 Millimeter je Quadratmeter - das ist der höchste Tageswert, der jemals in Deutschland registriert wird. Aufgrund des schlechten Waldzustandes und der gesättigten Böden rauschen die Wassermassen in die Täler. Die in der Region entspringenden und in Mulde oder Elbe mündenden Flüsse - wie Zschopau, Flöha, Zwickauer und Freiberger Mulde, Rote Weißeritz, Wilde Weißeritz und Müglitz - schwellen binnen Stunden auf das Vielfache ihrer sonstigen Größe an.

Müglitz

Das Müglitztal wird als eine der ersten Regionen getroffen. Hier verwüstet die Flutwelle Glashütte, Schlottwitz, Weesenstein, Mühlbach, Burkhardswalde, die Dohnaer Unterstadt, Heidenau. In Glashütte bricht am Nachmittag des 12. August 2002 ein Rückhaltebecken an der Prießnitz, einem unteren Nebenfluss der Müglitz. Die Welle mit 50000 Kubikmeter Wasser erhöht den Pegel in Glashütte um einen weiteren Meter. Im benachbarten Weesenstein rauscht der zum bersten geschwollene Bach durch das Dorf, reißt Häuser mit sich, verwüstet das Schloss. Das Bild der Familie Jäpel, die auf einer 36 Zentimeter breiten Mauerwand Zuflucht sucht, wird in den nächsten Tagen um die Welt gehen.

Mulde

Döbeln bereitet sich am 12. August 2002 gerade auf den "Tag der Sachsen" vor - stolz will man präsentieren, was in zwölf Nachwende-Jahren an der Mulde geschaffen wurde. Doch der Fluss macht die Rechnung zunichte. Die gesamte - auf einer Insel gelegene - Innenstadt versinkt innerhalb weniger Stunden im Wasser. Das Ausmaß der Zerstörung übertrifft jede Vorstellung. Das Schlimme ist: Eine Warnung erreicht die Menschen nicht. Besonders betroffen ist das Herz Döbelns: In der Innenstadt bleibt kaum ein Fenster heil, mehr als 300 Händler stehen vor dem Nichts. Die Bilanz: 6000 Betroffene, 81000 Tonnen Müll, 80000 Tonnen Schlamm, 327 Millionen Euro Schaden im Kreis. Während Döbeln versinkt, verwandelt sich auch der alte Muldearm im nahen Klosterbuch in einen mörderischen Strom - zahlreiche Menschen können nur mit dem Hubschrauber gerettet werden.

In Grimma beobachten am Abend des 12. August 2002, als die Döbelner bereits um ihr Hab und Gut bangen, Dutzende Menschen von den drei Brücken der Stadt aus, wie der Mulde-Pegel steigt - sie ahnen nicht, dass der Fluss am nächsten Tag eine einzige gewaltige Wassermasse sein wird. Eine Jahrhundertflut, die die Pöppelmannbrücke zusammenbrechen lässt und auch die Hängebrücke in die mächtige Strömung zwingt. Stahl biegt sich wie Draht. Die Mulde sucht sich ihren Weg - quer durch Grimma, drei Meter hoch über dem Pflaster der Innenstadt, die gerade im Begriff ist, sich historisch neu zu mausern. Allein die Schäden der 2000 betroffenen Grimmaer - in 700 Häusern, von 300 Gewerbetreibenden - machen 256 Millionen Euro aus. 40 Häuser müssen später abgerissen werden. Weinende Menschen ohne Bleibe - das bringt der 13. August 2002 für Grimma.

Entlang des Flusses brechen Deiche - die Mulde strömt da entlang, wo sie vor hunderten von Jahren ihr Bett hatte. Längst nutzt der Mensch die Aue. Doch der Fluss holt sich zurück, was ihm einst gehörte. Er reißt mit sich, was im Wege steht: Autos, Gartenlauben, Häuser, Bäume, Strommasten. Die Eisenbahnbrücke bei Wurzen staut die heranrauschende Flut, die schmalen Durchlässe des Viadukts beschleunigen das schon tobende Wasser. Menschen retten sich über Dächer in Boote, werden mit Hubschraubern in eine Macherner Turnhalle gebracht. In Bennewitz ist von den 5500 Einwohnern fast die Hälfte direkt betroffen; 529 Häuser sind stark beschädigt; 16 Mal bleibt nur der Abriss - ein Inferno.

In der Nacht zum 13. August 2002 ruft der Landkreis Delitzsch Hochwasser-Katastrophenalarm aus. Kurz darauf läuft die Evakuierung der Eilenburger Innenstadt und acht weiterer Ortschaften an der Mulde an. Sechs Uhr wecken Lautsprecher 8000 Eilenburger, die zwischen Mulde und Mühlgraben wohnen. Binnen einer Stunde müssen sie ihr Heim verlassen. Kurz darauf erwartet die Stadt die erste Flutwelle. Der Einsatzleiter Jörg Böhme, der zu diesem Zeitpunkt schon 24 Stunden auf den Beinen war, erinnert sich: "Ich hoffte immer noch, dass ich aufwache und merke, dass alles nur ein Albtraum ist." Es ist ein Albtraum - aber er geschieht wirklich. Er raubt Tausenden für Monate das Zuhause, zerstört ganze Orte. Wie in Gruna, sieben Kilometer von Eilenburg entfernt: 2,50 Meter hoch steht der Pegel im gesamten Dorf.

Elbe

In Dresden übersteigt die Elbe ihren bisherigen Höchststand, gemessen beim Winterhochwasser 1845, von 8,77 Metern; das bis dato letzte Sommerhochwasser von mehr als 8,50 Metern hatte sich im August 1501 ereignet. Nun steigt das Wasser noch viel höher: Am 17. August 2002 steht die Flut bei 9,40 Meter, flussaufwärts in Pirna werden sogar 11,50 Meter gemessen - Pegel, die bei den Planungen als unmöglich angesehen wurden. Die Menschen stehen Schlange, um Dresdens unschätzbare Kunstwerte zu retten. Dennoch: Der Schaden allein an der Semperoper beträgt 27 Millionen Euro; bei den Staatlichen Kunstsammlungen, zu denen auch die Gemäldegalerie gehört, sind es 20 Millionen Euro.

Die Schäden in Dresden sind aber nicht nur durch die Elbe am 16. und 17. August, sondern in der linksseitigen Altstadt durch die Weißeritz bereits am 12. und 13. August verursacht worden. Der Fluss war im 19. Jahrhundert in seinem Lauf verändert worden - mit dem Hochwasser folgt er wieder dem Verlauf seines alten Betts. Die Flutwelle verläuft in Richtung der ehemaligen Mündung in die Elbe, die sich in Höhe der heutigen Marienbrücke befand. Durch die tieferliegenden Gleise kommt es zur Überflutung des Dresdner Hauptbahnhofes und weiter Teile der Innenstadt. Etliche Orte werden von den Wassermassen eingeschlossen und bleiben für Tage von der Außenwelt abgeschnitten.

Flussabwärts rollt die erste Flutwelle in der Nacht zum 16. August auf Torgau zu. Katastrophenalarm ist längst ausgelöst. 4000 Soldaten, Rettungstaucher, Grenzschützer und Mitarbeiter des Technischen Hilswerks arbeiten mit tausenden Torgauern zusammen rund um die Uhr, um die Stadt zu schützen. Die Zeit drängt. Das Wasser drückt an den Dammsohlen heraus.

Die Deiche - Hügel aus Lehm und Sand - vermögen dem Druck kaum Stand zu halten. Dass ein Sandsack im 21. Jahrhundert das wichtigste Werkzeug im Kampf gegen die Fluten werden würde, hätten die Torgauer im Juli 2002 noch belächelt - jetzt füllen sie per Hand die Beutel ab und bilden Transportketten wie Ameisenkolonnen. Am Ende gleicht die 1030 Jahre alte Renaissance-Stadt einer Festung aus vier Millionen Sandsäcken. Doch die Deiche halten. Dagegen bricht im nahen Dommitzsch, der Gänsebrunnenstadt, ein Damm auf 50 Metern Länge. Auch in Polbitz, Dautzschen, Außig und Seydewitz heißt es: Land unter.

Doch das Hochwasser spült nicht nur Massen von Schlamm in Häuser und Straßen - die Katastrophe weckt eine fast vergessene Kameradschaft. Sie lässt weit entfernte Menschen ganz eng zusammenrücken. Hunderttausende Helfer packen zu - sie kommen aus dem gesamten Bundesgebiet. Wildfremde Menschen stehen mit den Opfern bis zu den Knien im Schlick, beräumen gemeinsam Berge von stinkendem Müll.

Unbekannte werden zu Vertrauten, bei denen man den Tränen freien Lauf lässt. Freundschaften entstehen, die bis heute währen. Auch Politik- und sonstige Prominenz stülpt Gummistiefel über, Spendenaktionen von bis dato ungekanntem Ausmaß beginnen. Das ist die andere Seite der Katastrophe.

Andreas Debski

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