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Versicherungen und Freistaat wollen dafür sorgen, dass die Risiken nicht in Vergessenheit geraten

Versicherungen und Freistaat wollen dafür sorgen, dass die Risiken nicht in Vergessenheit geraten

Für die Mitarbeiter der Gaststätte Elbinsel unweit vom Strandbad Wostra war der Arbeitsplatz unerreichbar. Bis unter das Dach stand das Wasser der Elbe. „Die Fotos hat die Feuerwehr gemacht“, berichtet Jörg Philipp von der damaligen Katastrophe.

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Zehn Jahre nach Flutkatastrophe: Tillich dankt Helfern - Kritik an mangelndem Bewusstsein

Das neue Portal zeigt, ob das eigene Grundstück von Hochwasser und Co. gefährdet ist.

Quelle: Screenshot

Dresden. Als das Wasser wieder weg war, ging die Arbeit richtig los. Mit viele Mühe wurden alle Hürden genommen. Heute erstrahlt das Restaurant am Elbradweg in neuem Glanz.

Geholfen haben dabei auch die Gelder der Gebäudeversicherung. Die Schäden waren enorm, nicht nur bei den Philipps. Die Sächsische Aufbaubank als Förderinstitut des Landes hat rund 73 000 Anträge flutgeschädigter Wohneigentümer und Unternehmen entschieden und 1,4 Milliarden Euro ausgezahlt. Reichlich vier Wochen nach der Flut beschloss der Bund bereits ein Aufbaugesetz. 7,1 Milliarden stellte Berlin für alle Flut-Regionen in Deutschland bereit.

Der Bund (etwa 3,5 Milliarden), alle Länder und Gemeinden machten dafür Steuergelder locker. Etwa 60 Prozent der Gesamtsumme flossen in den Freistaat Sachsen. Die direkten materiellen Schäden beliefen sich hier schätzungsweise auf 6,5 Milliarden Euro, 1,7 Milliarden Euro davon an 25 600 Wohngebäuden. Schäden von 530 Millionen Euro betrafen Hausrat. Laut früheren Angaben der Versicherungswirtschaft waren

50 Prozent der Haushalte in den neuen Ländern zum Flutzeitpunkt elementarschadenversichert.

Glück mit DDR-Versicherung

 

Viele hatten 2002 Glück, weil sie noch alte DDR-Hausratversicherungen hatten. Darin war der Hochwasserschutz mit eingeschlossen. So waren viele geschützt, obwohl sie sich nie Gedanken über eine Hochwassergefahr gemacht hatten. Mit Wasserständen wie 2002 rechnete ja kaum jemand. Der CDU-Landtagsabgeordnete Andreas Heinz meinte kürzlich, 40 Prozent der sächsischen Haushalte seien gegen Elementarschäden versichert. Da ist zwar noch viel Luft, gemessen am bundesweiten Wert von 26 Prozent wäre das aber schon ganz gut.

Die Versicherungswirtschaft kann mit aktuellen Zahlen offiziell nicht dienen. Bundesweit seien 2002 zumindest Schäden in Höhe von 1,8 Milliarden Euro reguliert worden, erklärt Stephan Schweda vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Zu einer Pflichtversicherung sei es bis heute nicht gekommen, weil das Risiko nicht für alle Immobilienbesitzer gleichermaßen bestehe. Hinter den Kulissen tobten aber wohl diverse Kämpfe: Für eine kalkuliertes Schadensrisiko von 30 Milliarden Euro soll der GDV eine Staatsgarantie von 22 Milliarden gefordert haben. Der Bund wollte die Last jedoch nicht allein schultern und schon war das Thema im allgemeinen Bund-Länder-Finanzpoker versunken.

Hinzu kamen verfassungsrechtliche Probleme und die Angst vor dem Wähler, der dem Staat ein nach internen Schätzungen bei mindestens drei Milliarden Euro liegendes Beitragsvolumen pro Jahr übelnehmen könnte. Heute spricht davon niemand mehr. Schweda aber sagt, dass Problem sei nicht zu wenig Angebot, sondern zu wenig Nachfrage. Soll heißen: Immer noch machen sich nicht alle genügend Gedanken über den Schutz vor Fluten und anderen Elementarereignissen.

98 bis 99 Prozent der Gebäude seien versicherbar, meint Schweda. „Ausnahmen wird es immer geben“, fügt er hinzu. Das eine Prozent bedeutet in Sachsen etwa 17 000 Gebäude. Für Schweda ist klar, „wer ein höheres Risiko hat, muss auch mehr bezahlen“. Auch die staatlichen Hochwasserschutzmaßnahmen – seit 2002 hat der Freistaat bereits etwa 500 Millionen Euro investiert, bis 2020 sollen weitere 500 Millionen dazu kommen – könnten die Gefährdungsklasse eines Standortes verbessern und damit auch die Kosten des Versicherungsschutz. Dies müsse aber immer im Einzelfall bewertet werden. Ob ein Abschluss zu wirtschaftlichen Bedingungen nicht möglich war, wird spätestens dann im Einzelfall zu prüfen sein, wenn wieder ein Schadensfall eingetreten ist.

Der Freistaat will dann nur noch unter bestimmten Bedingungen Fördergelder bereitstellen. Viel ist jetzt von Prävention die Rede. Sie fängt damit an, das Ausmaß möglicher Schäden zu begrenzen. „Man muss lernen, mit dem Wasser zu leben“, meint Schweda. Ölheizungen sollten nicht in flutbedrohten Räumen stehen, Keller schnell auszuräumen sein. Dazu muss jedoch die Gefahr bekannt sein. Um hier die Sensibilität bei den Sachsen zu erhöhen, haben GDV und Freistaat kürzlich ein neues System gestartet. Im Internet kann unter www.zuers-public.de die Gefährdungslage der eigenen Wohnung oder des geplanten Eigenheimstandortes geprüft werden. ZÜRS steht als Abkürzung für „Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen“. Jeder kann hier seine Adresse eingeben und bekommt gezeigt, ob schnell das Wasser buchstäblich vor der Tür steht und/oder Blitz und Hagel drohen.

Internet-Portal zu Risiken

 

Weil es „keinen hundertprozentigen Schutz vor Hochwasserereignissen geben kann“, so betont Umweltminister Frank Kupfer (CDU), „muss jeder Bürger selbst Maßnahmen ergreift, um sein eigenes Hochwasserrisiko zu verringern“. ZÜRS public könne dabei helfen. Jana Pinka genügt das nicht. „Die Informationen sind dürftig, damit kann man nicht wirklich etwas anfangen“, meint die Abgeordnete der Linkspartei. Und ihre Kritik geht noch weiter. Bei den 17 000 nicht versicherbaren Gebäude seien all jene noch gar nicht dabei, die nur „mit exorbitant hohen Kosten“ Versicherungsschutz erhalten.

Nach Pinkas Einschätzungen sind die Versicherungen trotz millionenschwerer Investitionen das Staates in den Hochwasserschutz nicht bereit, für geschützte Objekte günstigere Konditionen anzubieten. Auch Kommunen könnten die hohen Kosten nicht tragen. Städte und Gemeinden lehnen die pauschale Forderung nach mehr Versicherungen ab. Straßen, Brücken, Kanäle sind nicht versicherbar. Bei Gebäuden müsse die Wirtschaftlichkeit anhand der Konditionen abgewogen werden.

„Dann muss jede Kommune selbst entscheiden können, ob sie unter diesen Voraussetzungen ihre Gebäude gegen Elementarschäden versichert oder nicht“, erklärte Geschäftsführer Mischa Woitscheck vom Städte- und Gemeindetag. Die Philipps sind mit ihrer Elbinsel auch weiterhin versichert. Bei einem neuerlichen Hochwasser wäre für das Gebäude gesorgt. Den Schutz für das Inventar hat die Versicherung aber gekündigt. Jörg Philipp: „Das müssen wir rechtzeitig in Sicherheit bringen.“

Ingolf Pleil

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