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Dresden Die Affäre Sehm: Wie die Flut letztlich Dresdens OB Ingolf Roßberg aus dem Amt spülte
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10:15 23.08.2012
Rainer sehm, Dresdens ehemaliger Fluthilfe-Koordinator Quelle: Archiv
Dresden

Um die Fluthilfe binnen kürzester, vom Bund vorgegebener Zeit umsetzen zu können, bildete OB Ingolf Roßberg (FDP) ein Büro Hochwasserschadensabwicklung, setzte seinen Berater und politischen Mitstreiter aus Radebeuler Zeiten, Rainer H. Sehm, als Bürochef mit informeller OB-Prokura ein, der alle Entscheidungen gegen jeden Widerstand in der Verwaltung durchdrücken konnte.

Eine verhängnisvolle Personalentscheidung, die den gebürtigen Dresdner letztlich aus dem OB-Amt spülte. Die nackten Zahlen und das Wiederaufbauwerk beeindrucken: Um die Flutschäden zu beseitigen, konnte die Stadt 279,5 Millionen Euro ausgeben bei nur 15,8 Millionen eigenen Mitteln. Kalkuliert man die Investitionen der Stadt-Töchter DVB und Drewag dazu, kommt man auf eine Summe von 431,2 Millionen Euro. Allein die Sanierung des Krankenhauses Friedrichstadt kostete 50 Millionen Euro.

Roßberg selbst sprach von „einen zweiten Aufbau Ost“ nach der „größten Katastrophe seit der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg“. Mit der Fluthilfe habe Dresden den Sprung in die Topriege bundesdeutscher Großstädte geschafft. In der Tat konnte die Stadt mit dem Geldsegen von Europäischer Union, Bund und Ländern auch marode Straßen sanieren, denen die Flut den Rest gegeben hatte, die die Stadt aber nie aus eigener Kraft hätte reparieren können. Dazu gehören die Leipziger Straße, das Käthe-Kollwitz-Ufer, die Pillnitzer Landstraße oder die Tharandter Straße. Hinzu kommt die Entwicklung im Ostragehege mit neuer Eissporthalle, Sportspange und Sportplätzen in der Flutrinne.

Die Tragik Roßbergs: Sein Intimus Sehm mutierte zum politischen Brutus, der den OB hinterrücks in kriminelle Machenschaften verwickelte. Dabei war Sehm so nützlich für Roßberg. Überall, wo’s brannte, war der umtriebige Ex-Spediteur zur Stelle, sei es als Pilot, der Dynamo-Lizenz-Unterlagen rechtzeitig zum Fußballbund nach Frankfurt flog, bei Verhandlungen zum Stadion-Neubau oder dann als Chef des Flutbüros, angeregt von der Staatskanzlei, die Roßberg empfohlen hatte, externe Hilfe einzusetzen. Diesen Job füllte Sehm so gut aus, dass selbst das Regierungspräsidium (heute Landesdirektion) und die Staatskanzlei Sehm Lob zollten.

Dann vervielfachte Roßberg das Honorar Sehms nach dem Motto „Mehr Geld für mehr Leistung“. Das anfängliche Honorar von 2500 Euro stieg auf knapp 9400 Brutto im Monat. Das Problem: Sehm war zuvor als Spediteur geschäftlich und privat in Insolvenz gegangen. Jetzt offenbarte sich der zwielichtige Charakter des OB-Vertrauten. Insolvenzverwalter Christian Morgenstern erfuhr 2004 erst von den DNN, dass Sehm ein vervielfachtes Honorar erhielt. Sehm schleuste seinen Mehrverdienst offensichtlich am Insolvenzverwalter und den Gläubigern vorbei in die eigene Tasche, um sein Leben auf großem Fuße finanzieren zu können.

Die Staatsanwaltschaft Dresden wurde hellhörig, las intensiv die DNN und Äußerungen von Roßberg bezüglich der Bezahlung Sehms, die sich widersprachen, ermittelte und klagte an. Drei Jahre zog sich das Verfahren hin, das Roßberg sein Amt kostete. Vom Vorwurf der Untreue wurde der Dresdner letztlich freigesprochen. Gegen die Vervielfachung des Honorars hatte die letzte Gerichtsinstanz nichts einzuwenden, schließlich habe der Flutkoordinator mehr als 40 Stunden pro Woche gearbeitet, eine große Verantwortung getragen und offensichtlich große Erfolge für die Stadt erzielt, argumentierte Richter Tom Maciejewski.

Die insgesamt 124.497 Euro, die laut Staatsanwaltschaft Dresden ein Schaden für die Stadt gewesen seien, sah der Richter als angemessen für eine Führungskraft an. Doch den Vorwurf „Beihilfe zum Bankrott“ konnte Roßberg nicht entkräften. Im Kern ging es darum, ob der OB gewusst hatte, dass Sehm das Geld am Insolvenzverwalter vorbeischleuste. Roßberg räumte ein, dass er Sehm womöglich fahrlässig vertraut habe, er habe aber nicht mit Vorsatz gehandelt.

Der Bundesgerichtshof indes erklärte den Bankrottvorwurf für rechtens. Ursprünglich wegen Untreue und Beihilfe zum Bankrott zu einem Jahr und zwei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, blieb am Schluss eine Strafe zu sieben Monate Haft auf Bewährung wegen Beihilfe zum Bankrott übrig.

Zum Flutbüro gehörten neben Sehm nur noch Sven Mania und Rico Rissmann sowie eine Sekretärin. Mania ist heute Chef des Sportstätten- und Bäderbetriebs, Rissmann arbeitet seit zwei Jahren als Referent für besondere Aufgaben unter Wirtschaftsbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), Rainer H. Sehm ist nach langen Frankreich-Aufenthalten wieder vermehrt und fröhlich in Dresden gesichtet worden.

Ralf Redemund

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