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Direktor des Diakonissenkrankenhauses in Dresden erinnert sich an die Jahrhundertflut

Direktor des Diakonissenkrankenhauses in Dresden erinnert sich an die Jahrhundertflut

Es sind Tage der Superlative: Superlative von Leid, Angst und Verwüstung, Fassungslosigkeit, aber auch von menschlicher Nähe, Solidarität und Durchhaltewillen.

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Ärzte des Diakonissenkrankenhauses Dresden danken am 16.08.2002 dem damaligen Verteidigungsminister Peter Struck für die Hilfe der Bundeswehr bei der Sicherung des Gebäudes und der Evakuierung der Patienten.

Quelle: dpa

Dresden. „Die Bilder sind noch immer präsent“, sagt der Mediziner Prof. Andreas Werner, wenn er über die Tage der Jahrhundertflut von 2002 spricht. Werner (59) war schon damals ärztlicher Direktor des Diakonissenkrankenhauses in Dresden. Nach Tagen des Bangens musste auch sein Krankenhaus, das nur einen Steinwurf von der Elbe entfernt liegt, im August evakuiert werden.

Wie auf Knopfdruck sprudelt es bei Werner und anderen Betroffenen, werden sie auf die extremen Tage vor zehn Jahren angesprochen. Die Erinnerungen haben sich eingebrannt, selbst wenn die Milliardenschäden längst behoben sind und heute viele Orte schöner als vor der dreckig-braunen Flut sind.

Werner erinnert sich an den Kampf um sein Krankenhaus, an die Krisensitzungen der Stadtverwaltung, die widersprüchlichen Prognosen zum Wasserstand, an fassungslose Angehörige von Patienten, an die Helfer mit Sandsäcken. Dann kommt er fast ins Schwärmen, als er vom Einsatz der Bundeswehr bei der Evakuierung spricht. „Es lief dann alles so geordnet, so professionell“, sagt er mit Dankbarkeit in der Stimme.

Was der Mediziner in Auszügen beschreibt, wird Teil des größten zivilen Einsatzes der Bundeswehr und verdeutlicht die Dimension der Katastrophe. Mehrere Dresdner Krankenhäuser müssen geräumt und Patienten gar mit Transall-Maschinen aus der Stadt gebracht werden - weil ungeahnte Wassermassen über Dresden wie andere Orte vor allem entlang der Elbe hereinbrechen.

Als sich nach heftigen Regenfällen im Erzgebirge am 12. August 2002 die kanalisierte Weißeritz in Dresden ihr altes Flussbett zurückerobert und Teile der Innenstadt überschwemmt, ahnt noch niemand etwas von einer Jahrhundertflut, die dann besonders die Anrainer der Elbe über Wochen in Atem halten wird. Denn gespeist aus übervollen Bächen schwillt schließlich die Elbe unaufhaltsam an und frisst sich durch die Landschaft bis in den Norden Deutschlands, weicht Schutzwälle auf, durchbricht Deiche, bringt Menschen an den Rand ihrer Kräfte.

Dresden trifft es doppelt, durch Weißeritz und Tage später die Elbe. Die Bilder vom Wasser der Weißeritz, das aus dem Dresdner Hauptbahnhof wie ein Sturzbach schießt, gehen um die Welt. Auch die der Familie Jäpel aus dem kleinen Ort Weesenstein, die eine Nacht auf einem Mauerrest mitten in den Fluten der angeschwollenen und reißenden Müglitz auf Rettung wartet. Sie wird nach 13 Stunden in Sicherheit gebracht. Dennoch: 21 Menschenleben fordert die Flut in Sachsen. Auf eine solche Katastrophe ist niemand vorbereitet.

Sachsen ist im August 2002 schließlich mit Abstand das am meisten betroffene Bundesland: Die Schäden summieren sich entlang der Gebirgsflüsse sowie an Elbe und Mulde letztlich auf rund 8,6 Milliarden Euro. Wie Pappkartons weggespülte Häuser, zerstörte Brücken, aufgerissene Bahndämme, verschlammte Straßen, durchnässte Kunstschätze, vollgelaufenen Keller, verwüstete Parks, nicht mehr zu nutzende Betriebe hinterlassen die Fluten. In Dresden erreicht die Elbe am 17. August den historischen Höchststand von 9,40 Metern.

Sie bringen aber auch viele Menschen näher zueinander, lösen eine ungeahnte Welle der Solidarität aus. Wer wegen des Wassers nicht mehr zur Arbeit kommt, füllt Sandsäcke, besorgt Essen für die Helfer, verteilt Spenden oder greift Flutopfern beim Aufräumen unter die Arme. Aus ganz Deutschland kommt Hilfe für die Menschen in den betroffenen Bundesländern. Technisches Hilfswerk, Rotes Kreuz, Unternehmen, Privatleute - alle machen mit.

„Wildfremde Leute haben geholfen“, erinnert sich auch der Mediziner Werner. „Manchmal war das schon fast zu viel. Man musste aufpassen, dass das nicht zum Volksfest ausartete“, schildert er die teilweise schon euphorische Stimmung jener Tage. Wenig später spricht Werne dann von den gespenstischen Augenblicken, als er durch das Wasser im Erdgeschoss seines leeren Krankenhauses watet. „Das war schon unfassbar. Was für eine zerstörerische Kraft das Wasser hatte.“

Damals weiß Werner noch nicht, was die Flut noch auslösen wird. Politiker aller Parteien stapfen mitten im Bundestagswahlkampf in Gummistiefeln durch die Regionen. Deutschland verschiebt unter dem Eindruck der Katastrophe die zweite Stufe der Steuerreform um ein Jahr von 2003 auf 2004. Rund 7,1 Milliarden Euro kommen so für den Wiederaufbau zusammen. Das Geld wird nach Höhe der Schäden an Bayern - damals zeitgleich von einem Hochwasser der Donau betroffen -, an Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen ausgezahlt.

Mittlerweile ist viel in die Sicherheit investiert: Deiche und Dämme sind modernisiert oder erhöht, mobile Flutwände angeschafft, Warnsysteme verbessert, Flüsse haben mehr Raum. Die Sorgen der Flussanwohner sind aber die alten: Wenn es länger regnet, wandern die Gedanken zurück zum August 2002. Denn die Bilder der Katastrophe sind in den Köpfen - nicht nur, weil jetzt allerorts an Opfer und Wiederaufbau erinnert wird.

Petra Strutz, dpa

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