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Ein Ohr für seelische Nöte - Pfarrer Bernd Oehler erinnert sich an 2002

Ein Ohr für seelische Nöte - Pfarrer Bernd Oehler erinnert sich an 2002

Meißen. Dieser unablässige Starkregen war ungewöhnlich. Schon an jenem 11. August vor zehn Jahren ging der nieder. An den Sonntagsgottesdienst erinnert sich Bernd Oehler, Pfarrer der evangelischen St.

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Pfarrer Bernd Oehler aus Meißen

Quelle: Tomas Gärtner

-Afra-Gemeinde in Meißen noch genau. Vier Mädchen taufte er damals. Am Montag brach die Katastrophe herein.

„Am Abend bekam ich einen Anruf: Kommen Sie schnell, die Freie Werkschule ist überschwemmt.“ Die hatten ein reichliches Jahr zuvor christliche Eltern mit dem Waldorfschulverein und dem Hahnemannzentrum gegründet. Noch war sie in einem Container untergebracht. Sofort machte sich Bernd Oehler auf von seinem Haus oben auf dem Jüdenberg über der Altstadt.

„Als ich unten ankam, waren alle Wege anders. Überall war plötzlich Wasser.“ Bis zu den Knien in den Fluten, räumte er zusammen mit Eltern Mobiliar und Unterrichtsmaterialien aus der Werkschule, brachte es weiter oben in Sicherheit. Mit ungeheurer Geschwindigkeit stieg das Wasser der Triebisch, wurde zum brodelnden Strom, der eine Schneise der Verwüstung riss. Am nächsten Tag, dem 13. August, herrschte Ausnahmezustand in der Domstadt. „Mit dem Kirchenvorstand haben wir im Kerzenschein getagt. Nicht weil wir das romantisch fanden - der Strom war weg.“

Seine Konfirmanden nahm Pfarrer Oehler, statt ihnen Unterricht zu erteilen, mit zum Hilfseinsatz. Sein katholischer Kollege suchte händeringend nach einer anderen Kirche für die Gottesdienste. Durch seine St.-Benno-Kirche direkt an der Triebisch waren die Fluten gerast. So wurden die Meißner Katholiken für Wochen Gäste in der etwas höher gelegenen evangelischen Lutherkirche. Die Protestanten selbst waren vergleichsweise wenig betroffen: Lediglich in der Nikolaikirche im Stadtpark stand das Wasser 58 Zentimeter hoch. Am Marktplatz hatten die Fluten einige Meter vor der Frauenkirche Halt gemacht.

Mit einem Team von etwa 20 freiwilligen Helfern räumte Pfarrer Oehler Müll und Schlamm aus Kellern und Häusern. Keine ganze Woche blieb ihnen Zeit, dann stieg die Elbe. Nun breitete sich das Hochwasser von der anderen Seite in der Innenstadt aus. Inzwischen hatte Oehler als Pfarrer eine weitere Aufgabe übernommen. Er trug eine signalgelbe Weste, auf deren Rücken „Seelsorger“ stand. 1999, nach dem Mord eines Schülers an einer Lehrerin im Franziskaneum, war in Meißen ein Notfallseelsorge-Netz aufgebaut worden. Auch Superintendent Andreas Stempel gehörte dazu. Nun sollte sich das bewähren.

„Viele Menschen waren völlig überfordert“, erzählt Bernd Oehler. „Die Katastrophe bedeutete eine Traumatisierung für sie.“ Die Seelsorger begleiteten die Hilfskräfte zum Beispiel, wenn die ältere Leute evakuierten. „Die mussten zügig handeln. Wir kümmerten uns um die etwas leiseren seelischen Schwingungen.“ In der Notunterkunft in der Kalkbergschule führten sie Gespräche mit verstörten Menschen. Auch im Pflegeheim mussten sie Ältere beruhigen, die sich durch den Lärm von Notsignalen, Notstromaggregaten und Hubschraubern in den Krieg zurückversetzt glaubten.

Das psychische Tief kam oft erst, wenn die schwere Aufräumarbeit erledigt war, wie sich eine Bäckerin in ihrem Beitrag für „Ein Fisch im Vogelhaus“ erinnert, einem Buch mit Texten über das Meißner Hochwasser. „Als Pfarrer Oehler in der Tür stand, dachte ich: Das geht schon irgendwie weiter. Gut, dass man auch an so etwas gedacht hat. Man braucht auch solche Menschen, nicht nur Hilfe beim Dreckschaufeln.“ In den Tagen und Wochen danach trafen von überall her tausende Euro an Spenden auf dem Hilfskonto der Kirchgemeinde ein.

Die Pfarrer, dazu Bruder Siegbert von der Christusträgerbruderschaft, bildeten ein Fluthilfekuratorium. Das suchte jene aus, die das Geld am schnellsten brauchten. „Beträge und Empfänger mussten wir genauestens dokumentieren. Die Spender hatten uns als Kirchgemeinde schließlich besonders vertraut, also musste alles transparent und seriös verwaltet werden.“

Die Hilfseinsätze brachten Pfarrer Oehler und sein Seelsorgeteam mit Leuten zusammen, denen sie zuvor nie begegnet waren. „So viel soziale Not in unserer Stadt hatten wir nicht vermutet.“ Rasch erkannten sie, dass hier weit mehr als Fluthilfe nötig war. Mit Ärzten, Seniorenpflegerinnen, Mitarbeitern der Diakonie und vom kirchlichen Kinder- und Jugendhaus „KAFF“ schlossen sie sich zu einem Sozialhilfeausschuss zusammen. „Anfangs ging es um einzelne Notfälle“, erinnert sich Pfarrer Oehler. „Später haben wir systematischer soziale Hilfe organisiert.“ Etwas, das von der Flut geblieben ist. Alle zwei Monate trifft sich der Sozialausschuss - bis heute.

Tomas Gärtner

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