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Grimma, die Flut und der Held: Wie aus dem Oberbürgermeister „unser Matthias“ wurde

Grimma, die Flut und der Held: Wie aus dem Oberbürgermeister „unser Matthias“ wurde

Vor zehn Jahren wütete in Sachsen die Jahrhundertflut. Grimma war besonders früh und besonders schwer betroffen. Dass sich die Stadt so schnell berappelte und heute ein Schmuckkästchen ist, verdankt sie auch ihrem Oberbürgermeister.

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Grimma erinnert an die Jahrhundertflut und blickt nach vorn

Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger an der Mulde. (Archivfoto)

Quelle: Volkmar Heinz

Grimma. Flutheld zu sein, ist kein Kindergeburtstag. Matthias Berger, 44-jähriger parteiloser Oberbürgermeister von Grimma, weiß das. Wenn er am Wochenende am Markt sein Auto parkt, um mit der Familie einzukaufen, kann es passieren, dass hinterher fünf Bürger am Fahrzeug stehen, die ein Anliegen haben. Fährt er durch die Stadt, rufen die Kinder schon mal „Hallo, Herr Berger!“. Und bei einer Kontrolle mit der Polizei in einer Shishabar bejubelten ihn die kontrollierten Kids überschwenglich.

Für die meisten ist er ohnehin „unser Matthias“. Seit das damals erst 33-jährige Stadtoberhaupt 2002 mit dem Radlader durch die Fluten fuhr, um seine Mitbürger zu retten und dabei fast selbst weggespült wurde, kennt ihn auch der Rest Deutschlands. Für die Medien war er das Gesicht des Kampfes gegen die Flut. Während einige andere Bürgermeister in Sachsen überfordert waren, leitete Berger nicht nur die Rettung seiner Stadt, sondern stellte auch früh die Weichen für den Wiederaufbau. Zügig, zielstrebig, geradlinig, einfallsreich und effizient. Der Landarzt-Sohn gilt als bodenständiges Schlitzohr mit Herz, das radikal ausspricht, was es denkt. Während der Flut warf Berger dem damaligen Umweltminister Stanislaw Tillich vor, nichts Besseres zu tun, als Ernteköniginnen zu krönen. Später überwarf er sich mit Innenminister Albrecht Buttolo, weil der per Reform Grimma den Kreissitzstatus entzog.  Das kommt in seiner Stadt und darüber hinaus gut an. 2008 holte er zur Bürgermeisterwahl 98 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang.

Als er damals mit dem Radlader einbrach, habe er nur noch an seine schwangere Frau gedacht und daran, dass er das ungeborene Kind womöglich nie sehen würde, sagt er heute. 20, 30 Leute hatten sie aus ihren Häusern geholt, bevor sie zu drei alten Damen fuhren, die kein Insulin mehr hatten. Berger fuhr mit, weil die Leute sonst nicht in den Radlader gestiegen wären. „Zum Glück rutschte der Radlader langsam in sich zusammen und wir wurden gerettet. Sonst hätten sie unsere Leichen bei Wurzen herausgezogen.“ Er habe gar nicht gewusst, dass da Kameras waren, die das Ganze festhielten.

Berger grinst wieder: „Das war ein Fressen für die Medien. Endlich mal ein Politiker, der sein Leben für die Bürger riskiert. “ Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat vielleicht ähnlich gedacht, als er sich in Grimma in Gummi-stiefeln präsentierte - und die schon verloren geglaubte Bundestagswahl doch noch gewann.

Berger ist der Erfolg nie zu Kopf gestiegen. Denn letztendlich sei es die Leistung einer ganzen Mannschaft gewesen. „Wir sind das vor allem pragmatisch angegangen. Das war der Schlüssel zum Erfolg.“ An speziellen Anlaufstellen gab es rasch Lebensmittel. Man habe die gesperrte Stadt in vier Sektoren eingeteilt und Teams aus Sachverständigen, Elektrikern, Statikern und Klempnern  reingeschickt. Gaben die grünes Licht, wurden Betretungserlaubnisse verteilt. Danach wurde der Müll rausgeschafft - 30 000 Tonnen in acht Tagen. Die doppelte Jahresmenge des gesamten Muldentalkreises.

Ein Computerprogramm für Schadensbilanzen entstand, lange bevor es ein sächsisches gab. Insgesamt 14 Millionen Euro Spenden kamen in die Stadt und wurden zum Teil als Darlehen ausgegeben. Was bis heute zurückfließt, wird unter anderem für Hilfsaktionen ausgegeben, in Rumänien, Polen, in Indonesien nach dem Tsunami oder auch in Großenhain nach dem Tornado.

Jede Katastrophe ist auch eine Chance. Grimma hat seine genutzt. Mit Hilfe des Bundes, mit Hilfe des Landes Sachsen und vor allem mit Hilfe Tausender Fluthelfer und Unterstützer. Berger erinnert sich, wie die Leute mit Schaufeln oder mit Bargeld in Grimma anrückten. „Ich bedauere, dass ich das nicht alles aufgeschrieben habe“, sagt der Oberbürgermeister nachdenklich. Die Geschichte vom Schweizer Großindustriellen Willi Liebherr beispielsweise, der einen Scheck auf den Tisch legte, den man aufgeteilt habe  und vom Aktkalender, der in den Trümmern aufgenommen wurde und dessen Erlös schließlich an die Opfer ging. Ein Vierteljahr später hat ihm der Grimmaer Rat eine Dankeschön-Urkunde überreicht. Das hat ihn besonders gefreut und gerührt. Er habe den damals herrschenden Pioniergeist sehr genossen.

„Nun aber ist das Thema ein Stück weit abgehakt.“ Grimma sei ja nicht nur ein Flutopfer, sondern auch eine moderne Sportstadt mit vier deutschen Meisterschaften in diesem Jahr, zählt er auf. 2002 habe Grimma 16 000 Einwohner gehabt, jetzt seien es über 30 000, weil viele Gemeinden dazukamen. Mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von gerade mal 600 Euro und Rücklagen von mehreren Millionen Euro. Man sei das Mittelzentrum mit der höchsten Arbeitsplatzdichte. Die Gewerbesteuereinnahmen lägen weit über den Planungen. Und die Region soll noch besser vermarktet werden.  Mit Wilhelm Ostwald, Wilhelm Wundt oder Hermann von Helmholtz. Mit den Kessler-Zwillingen und Carmen Nebel.

Dennoch: Das nächste Hochwasser kommt bestimmt, weiß Berger. Nur wann, ist die Frage. Bis 2016, 2017 vielleicht soll der neue Schutz für 40 Millionen Euro fertig sein, um ein hundertjähriges Hochwasser zu verhindern. „Tritt das ein, hat es sich für den Freistaat schon gerechnet“, prognostiziert Berger. „Ein Hochwasserschutz, den man gar nicht sehen wird, weil er in die vorhandene Bausubstanz integriert wird.“ Immer nur auf den Freistaat zu schimpfen ist ihm zu billig. „Zu DDR-Zeiten wäre Grimma vermutlich mit dem Panzer zusammengeschoben worden.“

Am 18. August wird erst einmal die neue, 16 Millionen Euro teure Pöppelmannbrücke mit Lichtspektakel, Videopräsentation und viel Musik eröffnet. Berger kann mit dem architektonischen Kompromiss leben. Sachsens Ministerpräsident Tillich hat die Einladung zum Hochwasserfest abgesagt. Die Staatsregierung sei anderweitig verpflichtet.

Ob er wieder als Oberbürgermeister kandidiert, steht noch nicht fest. „Es macht mir Spaß, etwas zu verändern. Dass ich das immer mache, glaube ich aber nicht.“ Es gebe in seinem Leben Wichtigeres - seine Frau, die Kinder. Wer hochgejubelt werde, könne auch tief fallen. Und er sei froh in keiner parteilichen Hierarchie zu sein. „Ich bin ein Quereinsteiger und irgendwann werde ich ein Queraussteiger sein.“

Roland Herold

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