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Verhaftung nach belastenden Zeugenaussagen: Heininger feiert 50. hinter Gittern

Verhaftung nach belastenden Zeugenaussagen: Heininger feiert 50. hinter Gittern

Das Finanzdesaster der Kommunalen Wasserwerke Leipzig (KWL) spitzt sich zu. Gestern wurden die beiden Wohnungen des geschassten Geschäftsführers Klaus Heininger durchsucht.

Leipzig. Und es klickten die Handschellen. Heininger wurde wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr verhaftet. Seinen 50. Geburtstag an diesem Sonntag wird er hinter Gittern begehen.

Gestern Früh im Siedlerweg in Wiederitzsch. Idyllisch sieht es kurz vor acht Uhr rings um die schicken Eigenheime und Nobelautos davor aus. Auffällig ist ein VW Passat mit Dresdner Kennzeichen und Umzugskartons im Kofferraum. Im Erdgeschoss des Hauses von Heininger sind die Jalousien heruntergelassen, im Obergeschoss werden die Vorhänge zugezogen. Drinnen suchen Beamte des Landeskriminalamtes nach Unterlagen, die zur Aufklärung des spektakulären Finanzskandals beitragen sollen. Heininger und seinem ehemaligen, ebenfalls gefeuerten Geschäftsführer-Kollegen Andreas Schirmer wird vorgeworfen, eigenmächtig in London riskante Finanzwetten abgeschlossen zu haben. Den KWL droht daraus ein Schaden von 290 Millionen Euro. Gegen elf Uhr verlassen die Ermittler mit einem Aktenkoffer in der Hand das Anwesen, steigen ins Auto, brausen davon.

Der Hauptbeschuldigte, dessen Zweitwohnung im Platanenweg ebenfalls durchsucht wurde, ist zu diesem Zeitpunkt bereits in Dresden angekommen, wird dort dem Haftrichter vorgeführt. "Von dem Angebot auszusagen, hat Herr Heininger bisher keinen Gebrauch gemacht", berichtet Wolfgang Klein, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft. Wenn bei den weiteren Ermittlungen nicht überraschend entlastende Fakten auftauchten, finde der erste Haftprüfungstermin in sechs Monaten statt. Bei den Durchsuchungen seien Unterlagen beschlagnahmt worden, die mit den Londonder Finanzgeschäften in Verbindung stehen, nun aber in Ruhe ausgewertet werden müssen, so Klein.

Laut dem Oberstaatsanwalt gab es unlängst mehrere Zeugenbefragungen. Am Mittwochnachmittag - einen Tag nach dem ursprünglich geplanten Termin - sagte auch der zweite Beschuldigte Schirmer aus. Schirmers Häuschen im ostsächsischen Kleinröhrsdorf blieb gestern unbehelligt. Offenbar sehen die Ermittler bei dem 59-Jährigen, der Technikchef der KWL war, weniger schwere Verdachtsmomente als beim Ex-Finanzchef Heininger.

Die Vernehmungen von Zeugen - unter anderem bei der UBS-Bank und bei der Anwaltskanzlei Freshfields, die im Auftrag Heiningers Gutachten zu den geheimen Finanzdeals erstellte, sollen Heininger weiter belastet haben. Nach LVZ-Informationen kümmert sich bei Sachsens Anti-Korruptionseinheit Ines seit Wochen ein Ermittler-Team ausschließlich um den Leipziger Finanzskandal. Ines und die Steuerfahndung haben dabei Zugriff auf einen extra gesicherten "virtuellen Datenraum", in den die Leipziger Aufklärungsgruppe der KWL alle gefundenen Unterlagen und Prüfergebnisse dazu einspeist.

Warum nicht auch Schirmer verhaftet wurde, ist ein weiteres Indiz dafür, dass Heininger seinen Amtskollegen womöglich täuschte, um dessen zwingend nötige Unterschrift für die Verträge zu erhalten. So reiste Heininger am 6. September 2006 nach London, um ein CDO/CDS-Geschäft über 76 Millionen Euro mit der UBS-Bank zu schließen. Nach einem Risiko-Informationsgespräch an diesem Tag quittierte er gegenüber einer beteiligten deutschen Landesbank, dass der maximal mögliche Verlust 76 Millionen Euro (also 100 Prozent) betrage. Zugleich setzte die Landesbank noch ein zweites Schreiben in englischer Sprache auf, in dem die Risiken weniger drastisch geschildert wurden. Dieses Dokument, ebenfalls datiert auf den 6. September, ist von Heininger und Schirmer unterschrieben und mit englischsprachigen Stempeln versehen worden. Schirmer traf jedoch - ausweislich eines Prüfberichtes von PricewaterhouseCoopers - erst am 7. September zum eintägigen Besuch  in London ein. Da er nur DDR-Schulenglisch konnte, ließ er sich den Inhalt der Gespräche bei der UBS-Bank von Heininger grob übersetzen. Ebenso den Text etlicher Verträge, die beide dann abends in einem Restaurant an der Themse unterzeichneten.

Heininger muss gestern ein Deja-vu erlebt haben. Bereits am 24. Oktober 2007 hatte Ines eine Razzia in Leipzig durchgeführt, dabei auch das Wohnhaus am Wiederitzscher Siedlerweg gefilzt. Seinerzeit ging es um die Cross-Border-Leasing-Verträge der KWL mit US-Investoren. Heininger wurde dazu im Oktober 2009 angeklagt: Er habe sich siebenmal bestechen lassen. Dabei zählten hierzu noch nicht mal "Uhren und Schmuck für 63 000 Euro", die eine schweizerische Vermittlerfirma laut der Anklageschrift am 5. Dezember 2002 in New York erwarb und intern als "Aufwendung für die KWL" abrechnete. Die selben Schweizer Vermittler hatten vier Jahre später auch die geheimen London-Deals arrangiert.

Ulrich Milde und Jens Rometsch

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