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Die LVZ berichtet Köbernick entschleunigt, Hartmann klärt auf
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Leipziger Lachmesse 2018
08:58 24.10.2017
Wortverspieltes, poetisches und doch auch politisches Kabarett: Uta Köbernick am Donnerstag in der Moritzbastei.   Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

 Einen Superlativ hat die Lachmesse 2017 sicher: Noch nie lag der Anteil der Frauen so hoch wie in diesem Festival-Jahrgang. Mit fünf weiblichen Solisten bei sieben Programmpunkten ging der Donnerstag als Frauentag durch. Für sehr besondere Färbungen sorgten Uta Köbernick in der Moritzbastei und Anny Hartmann bei den Academixern.

Die in der Schweiz lebende Deutsche Köbernick bringt Gitarre, Geige, ihre Stimme und eine Ansage mit: „Ich sing Lieder und sag Sachen.“ Die Art, mit der sie das einlöst, ist unverwechselbar. Da formen Charme, Natürlichkeit, Lakonie, Poesie, Scheinnaivität und Wortgedrechsel eine weiche Wolke aus entschleunigter Kleinkunst, die mal über romantische und mal über politische Landschaften schwebt. Die Bühnenbegrenzung wird zum Symbol für Ränder der Gesellschaft, das Kinderlied „Wer will fleißige Handwerker seh’n“ zur Auftaktzeile einer schwarzhumorigen Betrachtung über die neuen Zäune, die sich zum Zweck der Abschottung durch Europa ziehen.

„Schreibst du jetzt Protestlieder?“ habe jemand Köbernick gefragt und sie verspielt geantwortet, sie singe Wider-Ständchen. Aus Redewendungen dreht die 41-jährige Schauspielerin, Kabarettistin und Liedermacherin Girlanden wie „Ich habe mein Leben durchgerechnet, es geht hinten und vorne nicht auf, es bleibt immer ein Rest“. Stellen wie diese erinnern an das literarisch-schräge Kabarett des wunderbaren Erwin Grosche.

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Köbernick entkernt Atome fürs Müsli, stellt Cremedöschen neben Fettnäpfchen, und als Hausfrau schleudert sie 22 Untertassen gegen die Pläne des Schweizer Verteidigungsministers Ueli Maurer, neue Kampfjets zu kaufen. Lyrik tritt an gegen die Rüstungsindustrie, und kleine, stichelnde Worte hebeln den Rassismus eines Taxifahrers aus.

Wem das auf Dauer zu versponnen ist, dass „Äste und Zweige des Baumes tief in den Himmel wurzeln“, der ist nur 130 Meter entfernt besser aufgehoben: Bei den Academixern gastiert Anny Hartmann, die schon am Mittwoch beim Wettstreit „Slam vs. Kabarett“ eindrucksvoll mitmischte. Die Kölnerin spielt im Solo „NoLobby is perfect“ ihr reiches Wissen als studierte Volkswirtin aus. Und während Köbernick in der MB weitere Wolken wirft, gibt hier der Rauchmelder in den Zuhörerköpfen Warnsignale. Es kann mächtig qualmen im Denkapparat, wenn Hartmann die Mechanismen des Kapitalismus erklärt und auf die Leichen in den armen Ländern verweist, die das bedingungslose Wachstum hinterlässt. Was diese Wirtschafts-Weise erzählt, ist eher eine Fortbildungsmaßnahme; wie sie es erzählt, ist Kabarett – böses, witziges, pointiertes, analytisches, zuweilen didaktisches, erhellendes.

Nicht immer scheint das Lachen im Saal ungetrübtem Amüsement zu entspringen, es gibt auch eins als Stellvertreter für Entgeisterung oder Scham darüber, was der Kapitalismus mit unser aller billigenden Unterstützung anrichtet. Weil wir nicht über unsere Verhältnisse leben, sondern über die der Anderen. Weil wir uns von der Wirtschaft manipulieren lassen, ständig neue High-Tech-Geräte zu kaufen und der Konsum Weltvermüllung ohne Ende produziert. Weil Hartmann so wohltuend die Scheinheiligkeit benennt, wenn sich das ethisch ach so saubere Deutschland über Donald Trumps Bösartigkeit empört. Einreisestopp, Mauerbau oder Ignorieren der globalen Erwärmung in den USA, das ist unverantwortlich – „während wir selbst meilenweit die Klimaschutz-Ziele verfehlen und Flüchtlinge im Meer ersaufen lassen“.

Eine deftige Kopfwäsche mit Erkenntnissen, über die man eigentlich nicht lachen kann. Will man sowas nach einem langen Arbeitstag? Das gilt es auszuhalten. Zumal Hartmann nicht nur agitiert und moralisiert, sondern auch glänzend unterhält und sogar Lösungen aus dem Dilemma anbietet. Das bedingungslose Grundeinkommen zum Beispiel als Stopper im gnadenlosen Hamsterrad. Nur wenn es still steht, können Äste und Zweige in den Himmel wurzeln. Vielleicht.

Von Mark Daniel

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