Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Leichenfund am Leipziger Elsterbecken Angehörige sagen im Leipziger Stückelmord-Prozess per Live-Video aus
Thema Specials Leichenfund am Leipziger Elsterbecken Angehörige sagen im Leipziger Stückelmord-Prozess per Live-Video aus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:19 02.03.2018
Der mutmaßliche Stückelmörder Dovchin D. im Leipziger Landgericht.  Quelle: Kempner
Anzeige
Leipzig

Das Gericht ersparte ihnen, dem mutmaßlichen Mörder ins Gesicht sehen zu müssen: Im Prozess um den Stückelmord an zwei Frauen in Leipzig haben am Montag neben Polizeiermittlern auch die Mutter und die Halbschwester eines der Opfer ausgesagt. Die Angehörigen der Ende November 2016 getöteten Anja B. (40) aus Grünau wurden dabei auf Antrag ihres Anwalts per Videokonferenz aus einem Nebenraum live zugeschaltet und berichteten aus dem Leben der leidenschaftlichen Wave-Gotik-Anhängerin und Mutter einer kleinen Tochter. Zuvor hatten am zweiten Prozesstag im Landgericht drei Ermittler der „Soko Brücke“ und zwei Kriminaltechniker den Fund der beiden Frauenleichen in grausigen Details geschildert.

Umwickelt mit Maschendraht und beschwert mit Steinen sowie einem Fahrradständer seien die Leichenteile des ersten Opfers Maria D. (43) vor rund eineinhalb Jahren im Elsterbecken gefunden worden, berichtete der Kripo-Beamte Henry K., der mit der Spurenauswertung in dem Fall betraut war. Den Körper der Portugiesin soll der Angeklagte Dovchin D. zuvor mit einer Flex zerteilt haben. Der Winkelschleifer sei ebenso wie beim Zerstückeln verwendete Messer in der Wohnung des 38-jährigen Mongolen in Altlindenau gefunden worden. Am Laminatboden sowie an Fugen im Bad fanden sich zudem belastende Spuren.

Die beiden Opfer Maria D. (links) und Anja B. Quelle: Polizei

Leichenteile im Wasser versenkt und im Keller vergraben

Als der Torso mit Kopf von Maria D. im April 2016 von Passanten unterhalb der Landauer Brücke gefunden wurde, kam Henry K. als einer der ersten zum Fundort der Leiche. Im Morast am Ufer war der Leichnam der Frau angespült worden. „Markant war die Kette, die sie noch um den Hals hatte“, erinnerte sich der 48-jährige Kriminalbeamte an die Identifizierung der Toten. Unweit entfernt wurden zunächst noch ein Bein und später weitere Leichenteile entdeckt. Der Torso sei grausig zugerichtet gewesen. Teilweise hätte der Täter Organe entnommen, möglicherweise um Spuren einer Sexualstraftat zu verwischen. Der 38-jährige Dovchin D. verfolgte die Aussagen ohne jede Regung, auch als die Details im zweiten Mordfall vorgetragen wurden – welcher die Ermittler schließlich auf seine Spur brachte.

Anja B. aus Grünau soll Dovchin D. wie zuvor bereits Maria D. in seine Wohnung in der Demmeringstraße 42 gelockt und sie im alkoholisierten Zustand auf dem Bett mit bloßen Händen erwürgt haben, so die Anklage. Die Leiche zerteilte er diesmal mit einer Säge, welche er später entsorgte. Den Kopf sowie Hände und Füße der Frau fanden die Ermittler verscharrt im Keller Nummer 13 seines Mehrfamilienhauses, wo der Angeklagte bis zu seiner Festnahme im Februar wohnte. Die Leichenteile waren eingewickelt in eine Plastiktüte. Um die Tat zu vertuschen, soll der Konstruktionsmechaniker den Steinboden im Keller geöffnet und das darunter liegende Erdreich ausgehoben haben. Nach dem Vergraben verschloss er alles wieder.

Zwei Frauen soll Dovchin D. (38) umgebracht, ihre Leichen zerstückelt und anschließend entsorgt haben. Am 17. November begann am Leipziger Landgericht der Prozess gegen den 38-jährigen Mongolen wegen zweifachen Mordes.

Den Torso von Anja B. soll Dovchin D. eingewickelt in eine Gardine im Keller eines Nebengebäudes des verfallenen Apostelhauses in Lindenau gebracht haben. „Er war wie ein Paket verpackt und verschnürt“, schilderte ein Ermittler. Der Treppenzugang zum Leichenversteck sei mit einer schweren Metallplatte abgedeckt und mit Steinen „wie zugemauert“ gewesen. Nach seiner Festnahme hatte D. die Beamten zu den Fundorten geführt und die beiden Morde gestanden. Als die Kripo im Februar mit einem Durchsuchungsbeschluss vor seiner Wohnung stand, „wusste er, dass es vorbei ist“, so ein Beamter.

Verriet den Mörder ein letztes Telefonat?

Die Ermittler waren D. auf die Schliche gekommen, weil er ebenso wie Anja B. in der Bar 55 am Lindenauer Markt verkehrte. Dort haben sich beide wohl auch kennengelernt. Vor ihrem Verschwinden am 29. November 2016 soll es einen letzten telefonischen Kontakt zwischen der Grünauerin und dem Angeklagten gegeben haben. Noch in derselben Nacht wurde sie vermutlich getötet. Das Mordmotiv könnte laut Anklageschrift eine sexuelle Zurückweisung der Frau gewesen sein.

Als liebevolle und fürsorgliche Mutter, die jedoch seit Jahren an Schizophrenie litt, beschrieben ihre beiden Angehörigen Anja B. „Sie hat Stimmen gehört“, berichtete ihre Mutter, die inzwischen für ihre dreijährige Enkelin das Sorgerecht besitzt. In der Beziehung zum Vater des Kindes, mit dem sie in Grünau zusammenlebte, habe es immer wieder Streit gegeben, so Monika B. Am Tag des Verschwindens hatte sich die 73-Jährige mit ihrer Tochter am Lindenauer Markt getroffen, um die Enkelin für zwei Tage abzuholen. Auch da gab es erneut Streit. „Anja wollte mit ihrem Freund Weihnachtsgeschenke kaufen gehen. Als ich aus der Straßenbahn stieg, habe ich sie nur noch aus der Ferne gesehen.“

Tochter war ihr ein und alles

Am nächsten Abend habe sie ihre Tochter mehrmals versucht telefonisch und per SMS zu erreichen, aber die Mitteilung habe sie nicht erreicht, so die Mutter. Zu diesem Zeitpunkt war die 40-Jährige vermutlich schon tot. Was zwischen dem Verschwinden und dem Mord passierte, ist bislang rätselhaft. Von einem neuen Freund aus der Mongolei erzählte Anja B. nie etwas. „Es wäre für sie auch sehr, sehr ungewöhnlich gewesen mit einem anderen Mann mitzugehen“, ist ihre Halbschwester überzeugt. „Sie hatte immer ihre Tochter im Kopf, immer. Sie war ihr ein und alles.“

Der auf 15 Verhandlungstage angesetzte Prozess wird am 22. Dezember fortgesetzt. Dann will Dovchin D. laut seinem Anwalt Stefan Wirth Aussagen zu seiner Biografie machen. Nach seiner Festnahme im Februar hatte er bereits bei der Polizei ein Geständnis abgelegt.

Von Robert Nößler

Anzeige