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Leipzig in Karten und Zahlen Leipziger Lebensstile: Hedonistischer Süden und proletarischer Norden
Thema Specials Leipzig in Karten und Zahlen Leipziger Lebensstile: Hedonistischer Süden und proletarischer Norden
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12:16 23.10.2018
Entspannung in der Leipziger Innenstadt (Archivfoto) Quelle: André Kempner
Leipzig

In Connewitz leben linke Studenten in besetzten Häusern, in Gohlis sammeln betuchte Juristen großformatige Picassos, in Leutzsch teilen sich Proletariat und Millionäre das holprige Pflaster und in Schleußig gibt es mehr Kinderwagen als Parkplätze – Klischees über Leipzigs Stadtteile lassen sich viele finden. Ein Großteil ist völlig überzeichnet, einige signifikante Unterschiede zwischen den Stadtteilen sind aber nicht von der Hand zu weisen. Um dem gefühlten Eindruck einer Stadtgesellschaft ein paar statistische Fakten gegenüberzustellen hat der Mainzer Soziologie-Professor Gunnar Otte ein Lebensstil-Modell inklusive neun verschiedener Personentypen entwickelt.

Die Leipziger Stadtverwaltung hat das Modell des Ex-Messestädters nun aufgegriffen und innerhalb der aktuellsten Bürgerumfrage zur Auswertung benutzt. Die Ergebnisse bieten dabei nicht nur detaillierten Einblick in die allgemeine Sozio-Struktur der Stadt, sondern auch in die eines jeden Stadtteils. LVZ.de hatte sich die Daten vorab bereits näher angeschaut. Nun werden die Ergebnisse am Dienstag von der Stadt offiziell vorgestellt.

Lebenstiltypen

Laut Gunnar Otte lassen sich neun verschiedene Personentypen innerhalb der Stadtgesellschaft unterscheiden. Zum Teil sind die Begriffe sehr wissenschaftlich, anhand von Schlagworten wird die Eingrenzung aber klarer.

Traditionelle Arbeiter (Facharbeiter, bescheiden, auf soziale Sicherheit bedacht)
Konventionalisten (Kleinbürgertum, konservativ-religiöse Moral, sicherheitsorientiert)
Gehoben Konservative (Besitzbürgertum, konservativ und rangorientiert, exklusiv im Lebensstil)
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Heimzentrierte (Familie und Häuslichkeit, geringe Ressourcen, moderne Massenkultur und Fernsehen)
Aufstiegsorientierte (Karriereorientiert, ggf. Familienmensch, moderne Massen- und Freizeitkultur)
Gehoben Liberale (Bildungsbürgertum, liberale Einstellung, berufliche Selbstverwirklichung, alternative Kultur)
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Unterhaltungssuchende (Erlebniskonsument und unterhaltungsorientiert, materielle Statussymbole)
Hedonisten (Jugendkultureller Stilprotest durch Mode und Musik, innovationsfreudig, Konzert- und Clubkultur)
Reflexive (Kulturelle Avantgarde, kreativ und experimentierfreudig, akademische Bildung, Fokus auf Persönlichkeitsentfaltung)

Die ersten drei Personengruppen lassen sich aufgrund ihrer Wertevorstellungen auch als „traditionelle“ beschrieben, die folgenden drei sind „teilmoderne“ und die letzten drei „moderne“. Zudem gibt es innerhalb der Wertevorstellungen eine ökonomische Aufstiegsrichtung – mit jeweils mehr zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln.

Moderne Messestadt

Wie die Analyse aus Leipzig zeigt, sind mehr als Dreiviertel der Messestädter eher modern eingestellt. Jeder Zweite hat seinen Fokus dabei entweder auf Familie und Häuslichkeit (heimzentriert) oder auf die Berufskarriere (aufstiegsorientiert) gelegt. Beide Lebensstile sind mit Abstand die verbreitetsten in Leipzig. Etwa jeder Vierte in Leipzig gehört entweder zur Gruppe der Unterhaltungssuchenden oder der Hedonisten – die sich durch Bildungsgrad und finanzielle Möglichkeiten unterscheiden. Die an Jugend-, Sub- und Clubkultur interessierten Hedonisten sind allein gesehen sogar die drittgrößte Einzelgruppe in der Stadt. Sie machen mehr Personen aus, als alle drei traditionell-konservativen Lebensstile in Leipzig zusammen. Nicht zuletzt: Nur jeder sechste Leipziger kann in eine der drei finanzstärksten Gruppen eingeordnet werden – als liberal oder konservativ Gehobener oder als Teil der kulturellen Avantgarde (Reflexive).

Da Leipzig inzwischen eine vergleichsweise junge Stadt ist, verwundert der geringe Anteil traditionell-konservativer Lebenstypen wohl nicht: Denn je jünger Personen sind, desto moderner ist tendenziell ihre Werteeinstellung. In der Folge steigt damit in Leipzig die Lebenszufriedenheit und der Optimismus, wie die Bürgerumfrage zeigt: Je moderner der Lebensweg, umso positiver die Einstellung. Während beispielsweise innerhalb die Gruppe der Konventionalisten (grob: das Kleinbürgertum) etwa nur 75 Prozent mit ihrem Leben zufrieden sind und noch 48 Prozent optimistisch in die Zukunft schauen, sind 91 Prozent der Hedonisten grundzufrieden und blicken 82 Prozent von ihnen auch optimistisch in die Zukunft. Ähnliches lässt sich auch beim Thema Sicherheitsgefühl analysieren: traditionell-konservative Leipziger beurteilen die Lage deutlich weniger gut als ihre moderner eingestellten Pendants.


Ebenfalls nicht überraschend, aber nun statistisch belegt: Traditionell eingestellte Leipziger treiben weniger Sport als ihre moderneren Nachbarn, sie fahren auch weniger Fahrrad und empfinden ihren Gesundheitszustand weniger häufig als gut oder sehr gut. Dagegen führen konservative Werteinstellungen offenbar häufiger zu gesellschaftlicher Arbeit: Ehrenamtliches Engagement nimmt mit dem Grad traditioneller Lebenseinstellungen eher zu.

Konventionelles Holzhausen – liberal-gehobenes Gohlis

Ein Blick in die Stadtteile hinein zeigt eine zum Teil sehr unterschiedliche Zusammensetzung. So sind die traditionellen Arbeiterviertel eher im Norden und äußeren Westen Leipzigs zu finden. In Mockau-Nord liegt der Anteil zum Beispiel bei 15 Prozent, in Connewitz lediglich bei zwei Prozent. Je näher man an die Stadtränder kommt, umso häufiger sind auch kleinbürgerliche Konventionalisten anzutreffen: Zehn Prozent in Holzhausen stehen null Prozent in Plagwitz gegenüber. Mein Haus, mein Garten, meine Familie (heimzentriert) heißt es deutlich häufiger in Großzschocher (46 Prozent) als im Zentrum Ost (9 Prozent).



Wo leben Leipzigs Hedonisten? Immer eher in Innenstadtnähe als am Stadtrand, zum Beispiel in der Südvorstadt (26 Prozent) und Neustadt-Neuschöndefeld (29 Prozent), aber eher nicht in Thekla (6 Prozent) oder Großzschocher (9 Prozent). Liberale Bildungsbürger in schönen Altbauwohnungen lassen sich häufiger in Gohlis-Süd (19 Prozent) und Schleußig (16 Prozent) als in Volkmarsdorf oder Eutritzsch (jeweils 2 Prozent) finden. Und die kulturelle, kreative Avantgarde (Reflexive) haben ihren Lebensmittelpunkt eher im Zentrum-Süd (22 Prozent) als in Lößnig (1 Prozent).

Von Matthias Puppe

Alle Details der Analyse in unserer interaktiven Karte:

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