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Buchmesse-News Åsne Seierstad erhält Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung
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LVZ Autorenarena
11:17 15.03.2018
Die norwegische Autorin und Journalistin Åsne Seierstad erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.  Quelle: dpa
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Leipzig

 „In den norwegischen Märchen verwandeln sich Trolle in Steine, wenn sie von den Strahlen der Sonne getroffen werden. Das müssen wir auch mit den Extremisten tun – sie herauslocken ans helle Tageslicht, sie unter die Lupe nehmen, sie entlarven. Denn ihre Ideen gedeihen im Dunkeln, in den geschlossenen Kreisen, in den Echokammern des Internets.“ Die Worte, mit denen sich Åsne Seierstad bedankt, bewegen in Klarheit und Kraft.

Die norwegische Journalistin und Schriftstellerin hat Mittwochabend im Gewandhaus den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung entgegengenommen. In ihrer Rede setzte sie den Opfern des Massenmörders Anders Breivik erneut ein Denkmal. So wie sie es schon in ihrem Buch „Einer von uns“ getan hat, für das sie die mit 20 000 Euro dotierte Auszeichnung erhält.

„Trauer immensen Ausmaßes“

„Ihr Buch lässt uns Fragen stellen, über Zugehörigkeit und Gemeinschaft und über die notwendigen Voraussetzungen für ein zugewandtes, würdiges Zusammenleben“, zitiert Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer aus der Begründung der Jury, die ihr den Preis verleiht für ein Werk, das, wie Laudatorin Verena Lueken sagt, „Zeugnis einer Trauer immensen Ausmaßes ist“. Trauer um die 77 Menschen, die 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya bei einem Angriff gegen die „Jungen, Progressiven, Toleranten“ ermordet wurden, „weil ein Mann ein Zeichen setzen wollte. Trauer auch um ein Land, in dem die Frage offen bleibt: Was haben wir falsch gemacht?“

Diese Preisverleihung und gleichzeitig festliche Eröffnung der Leipziger Buchmesse ist eine der denkwürdigsten der zurückliegenden Jahre. Drinnen, auf den Pulten des Gewandausorchesters, liegt Mozarts Sinfonie g-Moll, Andris Nelsons dirigiert. Draußen, auf dem Augustusplatz, demonstrieren mehrere hindert Menschen gegen die Teilnahme rechter Verlage.

Kundgebung gegen die Präsenz rechter Verlage auf der Leipziger Buchmesse. Während auf dem Augustusplatz demonstriert wird, beginnt im Gewandhaus der Festakt zur Buchmessen-Eröffnung.. Quelle: dpa

 „Wir werden nicht hinnehmen, dass rechte Ideologien auf der Buchmesse verbreitet werden“, sagte René Arnsburg, Mitinitiator des Aktionsbündnisses #verlagegegenrechts, hinter dem mehr als 70 unabhängige Verlage sowie rund 200 Einzelpersonen stehen. „Meinungsfreiheit nutzen, Rechten widersprechen“ steht auf einem Transparent, denn die seien, wie Rednerin Jule Nagel sagt, die Spitze des Eisbergs und ebneten der AfD den Weg.

Drinnen ist es Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, die zur Begrüßung sagt, dass sich heute eine Rhetorik verstärke, „bei der Dogmatiker die Vokabeln vom ,homogenen Volk’ und der ,authentischen Nation’ hervorholen, während die Vielfalt und Vielschichtigkeit kultureller Einflüsse infrage gestellt wird“. Das mache ihr gelegentlich Angst, doch diese Angst helfe nicht.

 „Wir müssen laut und hörbar widersprechen, wenn die größte Opposition im Bundestag die Mehrdeutigkeit und Verflechtung kultureller Produktion in Zweifel zieht und die Besinnung auf das ,Eigene’ fordert“, sagt Jennicke unter langem Beifall und Buh-Rufen. „Wir müssen laut und hörbar widersprechen, wenn renommierte Schriftsteller auf Podien besorgt ihre Angst vor Überfremdung und ihre Sympathien für rechte Positionen zum Ausdruck bringen.“

„Seismograf für gesellschaftliche Stimmungen“

Anders als Beifall sind Buh-Rufe eine irritierend starke Regung bei einer Buchmessen-Eröffnung. Es ist aber eben auch so, dass sich „gesellschaftliche Herausforderungen und politische Umbrüche auf Buchmessen ausdrücken“. Daran erinnert Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. „Schon immer war der Buchmarkt, war unsere Branche ein Seismograf für gesellschaftliche Stimmungen.“

Buchmessen seien keine Filterblasen, „sondern spiegeln das wider, was in der Gesellschaft vor sich geht. Und dazu zählen, spätestens seit dem Einzug der AfD in den Bundestag im September, mit zunehmendem Selbstbewusstsein auch rechte Positionen.“ Die Meinungsfreiheit, auf die wir so stolz sind, umfasse den „Respekt für andere Meinungen und Ansichten, die Bereitschaft zum Dialog und zur Auseinandersetzung, die geprägt sind von Toleranz, Gewaltfreiheit und der Ablehnung von Diskriminierung und Ausgrenzung.“ Aus dem Opportunismus des Börsenvereins während der Nazi-Diktatur sei Verantwortung erwachsen.

„Wer Bücher schenkt, schenkt Wertpapiere“

Deutliche Worte findet auch Ministerpräsident Kretschmer wenn er erklärt, die Erfahrung mit der NPD im sächsischen Landtag habe ihn gelehrt, dass Argumente Phänomene kleiner werden lassen. Die Auseinandersetzung mit Populismus nennt er „eine Herausforderung unserer Zeit“ und sieht die Spaltung der Gesellschaft nicht als Ergebnis von zu viel Auseinandersetzung, sondern als ein Resultat des unterlassenen Diskurses. Wenn etwa 5 von über 2600 Ausstellern dem rechten Spektrum zuzuordnen seien, „sollten wir nicht über jedes Stöckchen springen“, so Kretschmer.

„Wer Bücher schenkt, schenkt Wertpapiere“, zitiert er Erich Kästner. Er freue sich auf den diesjährigen Länderschwerpunkt, Rumänien sei so reich an Literatur und diese hierzulande doch so unbekannt. Für das Gastland, das mit über 30 Autoren und Künstlern sowie mehr als 40 neu übersetzten Publikationen anreist, spricht an diesem Abend Außenminister Teodor Melescanu, der in Leipzig mehr Sensibilität und Mitgefühl für Rumänien empfindet als anderswo. Er wünscht allen Messeteilnehmern „viel Erfolg, sowie Freude bei der Entdeckung oder Wiederentdeckung dessen, was uns verbindet und vereint, in Rumänien, in Deutschland und in Europa.“

Auch wenn heute deutlich weniger Menschen Bücher kaufen als vor fünf Jahren, ist die Botschaft der diesjährigen Buchmessen-Eröffnung: Bücher haben nichts an Relevanz verloren. „Unsere einzigen Werkzeuge sind Worte“, sagt Åsne Seierstad: „Auf lange Sicht sind sie stärker.“

Leipziger Buchmesse mit Manga-Comic-Con und Antiquariatsmesse: heute bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Messegelände; „Leipzig liest“ mit 3400 Autoren an rund 550 Orten: Programm unter leipzig-liest.de; Åsne Seierstad ist heute, 14 Uhr, zu Gast in der LVZ-Autorenarena Special zur Buchmesse: lvz.de/buchmesse

Von Janina Fleischer

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