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Buchmesse-News Tag eins der LVZ-Autorenarena: Von Rumänien über Wurzen bis in den Orient
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LVZ Autorenarena
17:59 16.03.2018
Inszeniert in seinem neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ ein vielschichtiges Doppelgänger-Spiel: der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm in der LVZ-Autorenarena.  Quelle: André Kempner
Leipzig

 52 Autoren an vier Tagen, über 25 Stunden Lesungen: Um 11.15 Uhr begrüßt Thomas Mayer mit Bernd Wagner den ersten Gast der LVZ-Autorenarena 2018, die in diesem Jahr in Wohnzimmer-Atmosphäre gestaltet ist. In seinem Roman „Die Sintflut in Sachsen“ erzählt der in Wurzen geborene Autor über die Jugend auf dem Land „zwischen Pferden, Menschen und Ziegen“, das Leben in kleinstädtischen Verhältnissen und im großen Leipzig. 1985 wanderte der heute 69-jährige Autor nach West-Berlin aus, fünf Jahre später kehrte er zurück. „Ich kenne also beide Seiten“, berichtet Wagner.

Ernest Wichner ist auf der Leipziger Buchmesse Fachberater für den diesjährigen Schwerpunkt Rumänien. Im Gespräch mit LVZ-Redakteur Mathias Wöbking gibt der Autor, Übersetzer und Herausgeber einen Überblick über die Literaturszene des Gastlandes. Wöbking will von Wichner wissen, ob es stimmt, dass er nie ein Buch zu Ende lese, bevor er es übersetze. Wichner bejaht das, weil es ihm sonst langweilen würde, wenn er alles wisse. „Ohne das Ende zu kennen, kann ich mich auf die einzelnen Handlungsschritte konzentrieren und übersetze nicht schon auf den Schluss hin.“

Die Leipziger Autorin Claudia Rikl spricht im Anschluss über ihr Krimi-Debüt „Das Ende des Schweigens“. Warum ihr Kommissar in Neubrandenburg ermittelt, will Katrin Meincke wissen. Rikl hätten einfach die Landschaft und die Leute im Norden gefallen, die „eher stiller“ sind. Auch die Fortsetzung soll in Mecklenburg-Vorpommern spielen, verrät die Leipziger Schriftstellerin. Und auch beim nächsten Gast spielt Leipzig eine wichtige Rolle. Denn Angelika Klüssendorf lässt nicht nur die Handlung ihres neuen Romans in der Messestadt spielen, sie hat hier selbst Anfang der 80-er gelebt. Mit „Jahre später“ führt sie ihren Romanzyklus über das Mädchen „April“ fort. Die Handlung des Romans spiele in Leipzig, weil sie „mit den Gerüchen, der Gegend und den Straßen sehr vertraut ist.“

Behauptung im Leben: Bernhard Schlinks „Olga“

Apropos sehr vertraut: Mit Bernhard Schlink begrüßt Nina May den Autor des Bestsellers „Der Vorleser“ in der LVZ-Autorenarena. In seinem neuem Roman „Olga“ gehe es für seine Hauptfigur um die Behauptung im Leben und die Vorurteile ihrer Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des zweiten Weltkriegs, erzählt Schlink. Die Beziehung zwischen den Protagonisten erinnert an den Vorleser, stellt Nina May fest und fragt, was ihm an den Beziehungen zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann interessiere. Schlink sei dieser Zusammenhang gar nicht aufgefallen – bis er darauf angesprochen wurde. Das Interesse beruhe wohl auf Erfahrungen aus seiner eigenen Jugend, vermutet der Autor, in der auch er ältere Menschen jenseits seiner Eltern als Vertrauensperson aufsuchte.

Olaf Barth kündigt im Anschluss Dennis Gastmann an, der ein „sehr offenes und sehr persönliches Buch über Japan geschrieben hat“. Gastmann, der das Publikum auf japanisch begrüßt, erzählt, dass „Der vorletzte Samurai“ während der Reise entstanden sei, auf der er das Heimatland seiner Frau besser kennenzulernen versuchte. Dabei habe er gelernt, dass es erst so richtig spannend wird, wenn die Reiseführer weggelassen werden. Vor allem die Form der Wertschätzung und des Respekt fehle ihm, seitdem er aus Japan zurück sei, erzählt Gastmann.

Die Journalistin Åsne Seierstad hatte am Mittwoch bereits den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten. In der LVZ-Autorenarena stellte sie ihr Buch „Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders“ vor, das sich mit Anders Breivik beschäftigt. Seierstad berichtet, dass es vollständig auf Fakten beruhe. Moderatorin Nina May möchte von Seierstad wissen, wie bei derart brisanten Stoff die Würde der Opfer bewahrt werden könne? Die Norwegerin meint, dass sie ihr Buch allen Eltern, mit denen sie gesprochen hat, vor der Veröffentlichung noch einmal zum Lesen gegeben habe. Die Eltern hätten dann gar nichts groß geändert, sondern wollten einfach nur die Sicherheit haben. Es sei Seierstad ein großes Anliegen gewesen, die Geschichte in Würde aufzuschreiben.

Mit Peter Stamm begrüßt Jürgen Kleindienst einen Stammgast der LVZ-Autorenarena. In „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ gehe es um einen Schriftsteller, der seinem Doppelgänger begegnet. Kleindienst möchte wissen, wie viel der Schweizer Autor in seinen Romanen über sich selbst erfährt. Gar nicht so viel, berichtet Stamm. „Ich habe zumindest nie mich selbst getroffen.“

Auch Jan Böttcher ist auf der Buchmesse kein Unbekannter. In seinem sechsten Roman, er trägt den Titel „Das Kaff“, beschäftigt sich Böttcher mit der Rückkehr des Architekten Michael Schürtz aus Berlin in seine provinzielle Heimatstadt. Dort kommen ihm die Menschen – besonders auf dem Fußballplatz – näher, als ihm lieb ist. „Ich spiele ganz gerne mit Erwartungen, die dann nicht erfüllt werden“, sagt Böttcher im Gespräch mit Peter Korfmacher.

In seiner Biografie „Ich bin nicht auf der Welt, um glücklich zu sein“ berichtet der Berliner Szene-Friseur Frank Schäfer, wie er in seinem Leben das Glück nie suchte, letztendlich aber – immer mehr oder weniger zufällig – doch eine Menge Glück erfahren habe. Das Spannendeste am Leben sei einfach das Leben selbst, sagt der 59-Jährige. Wie er sich an Details, die weit zurückliegen, erinnert, interessiert Moderatorin Kerstin Decker. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich etwas vergesse“, erwidert Schäfer. „Ich merke mir auch alle Geschichten meiner Kunden.“

„Als der Ball noch rund war“

„Alles Fußball-Interessierte hier?“, fragt der ehemalige LVZ-Sportchef Winfried Wächter in die Reihen der LVZ-Arena. „Es geht auch ohne“, fügt Autor Rainer Moritz mit einem Lächeln an. Sein Buch „Als der Ball noch rund war“ habe auch etwas nostalgisches, sagt Moritz. Er berichtet von schrecklichen, unangenehmen und grandiosen, aber vor allem prägenden Fußball-Erinnerungen. Als eingetragener Fan des TSV 1860 München sei das Champions-League-Finale 1999, in dem Bayern München in der Nachspielzeit Manchester United unterlag, eine grandiose Erinnerung, für Bayern-Fans sei es sicher eine schreckliche. Moritz will an diesem Beispiel zeigen: „Man soll über Erinnerungen auch streiten können.“ RB Leipzig habe der Autor und Literaturkritiker nicht aufgenommen, eben weil das Buch nostalgische Züge habe. Vereine müssten sich einen Eintrag erst verdienen. „Es ist kein Protest“, für die folgenden Auflagen bestehe noch die Chance.

Die von Jürgen Neffe geschriebenen Biografien von Albert Einstein und Charles Darwin waren Bestseller. Für die 656 Seiten von „Marx. Der Unvollendete“ habe der Wissenschafts-Journalist drei Jahre Schreibzeit benötigt. Im Prolog schreibt er bereits: „Wer Marx verstehen und würdigen will, muss das Gegenteil immer gleich mitdenken.“ LVZ-Redakteur Martin Pelzl lobt, dass Neffe auch das Fremdgehen von Karl Marx nicht weggelassen hat. Neffe: „Der Umgang von Marx mit Frauen ist nicht der erfreulichste Aspekt seines Lebens.“ Doch: „Er war gelegentlich untreu, aber nie treulos.“

Im letzten Gespräch des ersten Tages nimmt Jakob Hein in der LVZ-Autorenarena Platz. Dass „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ sein erster historischer Roman wird, „hat sich so ergeben, weil ich die Fakten richtig wiedergeben wollte, erklärt Hein. Er erzählt im Roman die wahre Geschichte eines jüdischen Leutnants, der 1914 für Wilhelm II. den Dschihad organisieren sollte.

Von Mathias Schönknecht

Das komplette Programm der LVZ-Autorenarena an allen Tagen finden Sie hier!

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