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Buchmesse-News Von roten Fäden und roten Linien
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LVZ Autorenarena
00:34 17.03.2018
Heute öffnet die Leipziger Buchmesse ihre Tore: Bis Sonntag präsentieren 2635 Aussteller die Neuheiten der Verlagsbranche, davon 327 auf der Manga-Comic-Con. Quelle: dpa
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Leipzig

Während die Messebauer Mittwochmittag noch Stände aufbauten, war ein Schriftzug schon klar zu lesen: „#FreeGuiMinhai“ ist über die Treppenstufen in der Glashalle geklebt, darunter: „Für das Wort und die Freiheit“. Damit zeigt zur heute beginnenden Leipziger Buchmesse der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Solidarität mit dem Verleger und Buchhändler Gui Minhai, den die chinesische Regierung seit Jahren verfolgt.

Nebenbei steht das schon vertraute Motto diesmal auf doppeltem Boden: Die Freiheit des Wortes war wichtigstes Thema auf der Eröffnungs-Pressekonferenz am Mittwoch. Einerseits wegen der 155 in der Türkei politisch inhaftierten Journalisten und Autoren. Andererseits wegen der Teilnahme rechter Verlage.

„Wir brauchen eine neue Debattenkultur in Deutschland“, sagt Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. Weil „zu viele Themen“ in den zurückliegenden Jahren weggeschwiegen und tabuisiert worden seien. Damit meint er auch den offenen Umgang mit Problemen infolge der Flüchtlingspolitik. „Meinungsfreiheit, Vielfalt, Toleranz und Gewaltfreiheit – das sind die Werte, für die wir stehen“, betont Skipis und sagt mit Blick auf das Agieren während der Nazi-Diktatur: „Die Geschichte des Börsenvereins war eine unsägliche.“ Auch darum heißt es heute: „Engagiert Euch!“ Sagen und publizieren zu dürfen, was man denkt, bedeute nicht die Abwesenheit von Gegenmeinungen.

Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, am Mittwoch in Leipzig. Quelle: dpa-Zentralbild

Die Anwesenheit von Gegenmeinungen verteidigt ein weiteres Mal auch Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe. Er sieht in der aktuellen eine Zeitgeist-Diskussion, umso wichtiger sei es, „eine klare Haltung zu haben“: Die Messe sei ein Ort der Freiheit, Vielfalt, Weltoffenheit und Toleranz. Sie biete die Möglichkeit, miteinander zu reden und Meinungen auszutauschen. Sie toleriere keine Ausgrenzung und lehne jede Form von Gewalt ab. „Wir fühlen uns dem Grundgesetz verpflichtet.“ Die Messe stelle sich der Auseinandersetzung, man müsse Diskussionen zulassen, auch wenn diese nur Provokationen seien. Die „rote Linie“ liege bei Rassismus und Hetze.

Als „roter Faden“, so Buchmessedirektor Oliver Zille, „ziehen sich politische Themen“ durch die kommenden vier Tage. Nicht allein in der Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“ des Aktionsbündnisses #verlagegegenrechts, sondern zum bereits dritten (und letzten) Mal im Rahmen des Programmschwerpunkts Europa 21, einem Denk-Raum für die Gesellschaft von morgen, zum zehnten Mal mit dem europäische Literaturnetzwerk Traduki und sowieso in den Veranstaltungen des Länderschwerpunkts Rumänien.

Reichlich Seitenblicke

Der ist bei der Pressekonferenz durch Luminita Corneanu vom rumänischen Kulturministerium vertreten, die aus den Namen der 50 anreisenden Autoren und Künstler Norman Manea hervorhebt und Mircea Cartarescu sowie die zahlreichen Lyriker, die sich morgen in einer „Rumänischen Nacht der Poesie“ in der Galerie Kub vorstellen. Andere sind am Samstag bei der „Rumänischen Nacht der Literatur“ im Schauspielhaus zu Gast, die Sängerin Ada Milea kommt heute Abend mit Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, Übersetzerin ihrer Lieder, in die Schaubühne Lindenfels.

Martin Buhl-Wagner (l) ,Geschäftsführer der Leipziger Messe, und Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse bei der Pressekonferenz. Quelle: dpa

„Schauen Sie auf das Gastland“, fordert Zille auf, empfiehlt aber auch reichlich Seitenblicke auf beispielsweise Angebote und Diskussionen der unabhängigen Verlage, auf das neue Forum Politik und Medienbildung, aufs Digitale Lernlabor oder den Stand der Niederlande und Flamen. Im Übrigen halte er die Besucher der Buchmesse für mündige Bürger und wünsche sich Aufmerksamkeit für alle Themen, „dass das gesamte Programm beachtet wird und nicht nur einige laute Beiträge gehört werden“. Gegen eine Vereinnahmung durch politische Gruppierungen sei sein Rat, sich verführen zu lassen vom großen Angebot.

Buchpreis für „Einer von uns“

Tatsächlich wird ab heute eine ganze Stadt „durch Literatur bewegt“, wie Martin Buhl-Wagner sagt. Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke ergänzt, dass kein Ereignis Leipzig stärker zum Pulsieren bringe. Beim Festival „Leipzig liest“ mit seinen 3600 Veranstaltungen bleibe kaum ein Ort unbelesen. Hier „begegnen sich Menschen aus aller Herren Länder, und jeder geht anders, als er gekommen ist“.

So ist die norwegische Journalistin und Schriftstellerin Åsne Seierstad mit ihrem Buch „Einer von uns“ auf Podien wie der LVZ-Autorenarena zu erleben, und Jennicke hofft, dass dann jenen „dringenden Fragen“ Platz eingeräumt werde, die Seierstad stellt: Wie kann es sein, dass jemand aus der Mitte unserer Gesellschaft solch eine Tat begeht? Was läuft da falsch? Die Norwegerin zeichnet in ihrem Buch die Biographie des Massenmörders Anders Breivik nach, der 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen tötete. Und sie erzählt die Geschichten der Opfer.

Mittwochabend hat sie für „Einer von uns“ den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten. Mit der Verleihung wurde die Buchmesse im Gewandhaus eröffnet. Nun zeigen 2635 Aussteller aus 46 Ländern ihre Neuheiten. Ein Höhepunkt heute ist die Verleihung der Preise der Leipziger Buchmesse – 16 Uhr in der Glashalle. Dort, wo die Freiheit, das Wort, die Autoren, Gedanken und Bücher gefeiert werden.

„Entweder du liest eine Frau, oder du umarmst ein Buch“, sagt Oliver Zille frei nach dem guten alten Tucholsky, „beides zugleich geht nicht. Jetzt aber ist Buchmessenzeit – umarmen wir ein Buch!“

Leipziger Buchmesse mit Manga-Comic-Con und Antiquariatsmesse: heute bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Messegelände; „Leipzig liest“ mit 3400 Autoren an 500 Orten: Programm unter leipzig-liest.de;

Special zur Buchmesse: lvz.de/buchmesse

Der Buchmarkt in Deutschland - Zahlen und Fakten

Der deutsche Buchmarkt muss sich in einer veränderten Medienlandschaft mit Smartphone und Internet behaupten. Einige Daten:

- 2016 wurden mit Büchern und Fachzeitschriften 9,3 Milliarden Euro umgesetzt. Für 2017 zeichnet sich eine rückläufige Tendenz ab.

- 72 820 neue Titel sind 2016 in Erstauflage erschienen, fast fünf Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

- Belletristik ist mit fast einem Drittel des Gesamtumsatzes die wichtigste Sparte im deutschen Buchmarkt. An zweiter Stelle stehen Kinder- und Jugendbücher, gefolgt von Ratgebern.

- Bücher werden immer noch fast zur Hälfte im traditionellen Buchladen gekauft. Aber fast jedes fünfte Buch (18,2 Prozent) wurde 2016 bereits über das Internet bestellt. Die meisten Buchhandlungen haben inzwischen auch Onlineshops.

- Im Publikumsbereich (ohne Schul- und Fachbücher) ist die Zahl der Buchkäufer 2016 um 2,3 Millionen auf 30,8 Millionen gesunken. Gleichzeitig erwarben sie im Schnitt mehr oder teurere Bücher.

- Von 2012 bis 2016 gingen dem Buchhandel 6,1 Millionen Buchkäufer verloren. Der Anteil der Bevölkerung, der Bücher kauft, sank in dem Zeitraum von 54,5 Prozent auf 45,6 Prozent.

- Die Zahl der Menschen, die mindestens einmal pro Woche ein Buch in die Hand nehmen, ist von 49 Prozent im Jahr 2012 auf 42 Prozent 2017 zurückgegangen. Der Rückgang betrifft vor allem die junge (14 bis 29 Jahre) und mittlere (30 bis 59 Jahre) Altersgruppe.

- Studien zeigen aber auch, dass der Anteil der 12- bis 19-Jährigen, die regelmäßig zum Vergnügen lesen, seit Jahren konstant um die 40 Prozent liegt.

- Der Marktanteil für E-Books bleibt klein. 2017 steuerten sie wie ein Jahr zuvor 4,6 Prozent zum Umsatz des Publikumsmarktes bei. Zwar kauften private Kunden 29,1 Millionen E-Books, etwa eine Million mehr als 2016. Aber die Zahl der Käufer sank von 3,8 auf 3,5 Millionen.

(Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels)

Von Janina Fleischer

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