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Ausstellungen Bildermuseum schaut mit Amy Blakemore und Edgar Leciejewski auf Houston und Leipzig
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16:42 25.10.2018
Der Leipziger Edgar Leciejewski vor seinen Foto-Collagen von und mit Kindern aus Leipzigs Partnerstadt Houston. Quelle: Kempner
Leipzig,

Es kommt nicht so häufig vor, dass die Stadtverwaltung direkt beim Museum anfragt, ob eine bestimmte Ausstellung möglich sei. Kuratorin Jeannette Stoschek kann sich jedenfalls nicht erinnern, dass es so etwas in ihrer Dienstzeit schon einmal gab. Als dann aber der Wunsch herangetragen wurde, zur Festwoche 25 Jahre Städtepartnerschaft Leipzig – Houston beizutragen, war das Konzept ziemlich schnell geboren.

Edgar Leciejewski, der an der HGB bei Timm Rautert und Christopher Muller Fotografie studiert hat, kannte die texanische Metropole schon. Also war er ein geeigneter Kandidat für den Austausch. Er hat in Houston Kinder auf eine sehr spezifische Weise porträtiert. Der Titel „Bodyguard“ muss ironisch klingen. Doch Leciejewski meint, dass er die beschützende Wirkung von Kindern auf ihre Eltern in seinem persönlichen Umfeld spüre, für Ausschweifungen ist dann kein Platz mehr.

Die Kinder, deren Eltern für das fotografische Experiment bereit waren, wurden gebeten, zum Shooting im gemieteten Studio eine Zeichnung mitzubringen, wie sie sich selbst sehen. Und außerdem Kleidung, von der sie sich trennen können. So kommen drei Komponenten zusammen. Die Zeichnungen werden als Drucke auf Glas über die Bildnisse gelegt, die Textilien in den Holzrahmen integriert. Nicht nur dadurch sind es unwiederholbare Unikate. Die Abzüge in Lebensgröße bearbeitet der Künstler auch noch mit Schmirgelpapier, um eine imaginäre Raumwirkung zu schaffen. Mit seiner analogen Großformatkamera begibt sich Leciejewski auf das Höhenniveau der Drei- bis Siebenjährigen, um den Erwachsenenblick zu vermeiden. Maximal sechs Bilder wurden aufgenommen, manchmal nur zwei. Man merkt den Kindern an, dass sie sich beim Posieren an Vorbildern aus dem Fernsehen orientieren. Meist treten sie erstaunlich selbstbewusst auf, selten schüchtern. Die sehr kindlichen Zeichnungen schaffen dann einen korrigierenden Kontrast zu den erwachsen wirkenden Posen.

Houston hat eine hohe ethnische und soziale Vielfalt, doch die Communities sind ziemlich abgeschottet gegeneinander. Leciejewski hat sich bemüht, viele Ethnien zu erreichen, war dann beim Gespräch aber erstaunt, wie häufig es doch Durchmischungen gibt. Gelegentlich sind die differenzierten Wurzeln schon am Namen ablesbar.

Wie ein bewusster Gegensatz zu Leciejewskis Großformaten sehen Amy Blakemores Bilder aus. Zwar vermeidet auch der Leipziger ein all zu perfektes Finishing, doch die 1959 geborene Texanerin, die er für den Austausch ausgewählt hat, geht in der Betonung des Unvollkommenen viel weiter. Deshalb benutzt sie eine Kamera namens Diana. Das ist ein simpler Kasten mit Mittelformat-Rollfilm ähnlich der russischen Lomo, die in Europa bekannter ist.

Einige Abzüge sehen fast aus, als seien sie mit einer Lochkamera gemacht. Verwaschene Farben und Unschärfen sind unvermeidbar, aber nicht planbar. Das ist der Unterschied zu den beliebten Instagram-Filtern, bei der man die Qualitätsreduzierung gezielt aussteuern kann. Obwohl solch eine Technik eigentlich zum spontanen Knipsen verleiten müsste, sagt Amy Blakemore, dass sie langsam arbeitet, häufig lange auf den richtigen Moment wartet.

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Sie wollte dem heißen Texas entfliehen und geriet in den mitteleuropäischen Jahrhundertsommer. Bei den Streifzügen durch Leipzig suchte sie nicht bewusst nach Motiven, die „typisch deutsch“ erscheinen. Und doch machen ihre Bilder genau diesen Eindruck, am meisten Aufnahmen von kitschigen Keramikfiguren in Schrebergärten. Das mag daran liegen, erklärt ihr Kollege Leciejewski, dass Texas ziemlich stark durch deutsche Migranten geprägt ist. Das Bild von einer Tankstelle auf dem Weg nach Berlin, im knappen Ausschnitt gesehen, wirkt hingegen sehr amerikanisch.

Ein Hund streift über eine verdorrte Wiese, ein Mann steht bis zum Knie in einem See, der Busch vor einer tristen Hausfassade leidet unter der Dürre. Es sind weder tradierte Postkartenmotive noch zeitgemäße Reportagefotos. Dieses Leipzig könnte auch ganz woanders liegen. In der Zusammenschau erscheint Blakemores Serie inhaltlich wie technisch in seiner Lo-Fi-Ästhetik wie ein Gedächtnisprotokoll verblassender Erinnerungen an einen Sommer, in dem nichts Wesentliches passierte, der einfach da war.

Zwei sehr verschiedene Auffassungen von künstlerischer Fotografie treffen in dieser „Begegnung“ aufeinander. Lokale Besonderheiten daraus abzuleiten, fällt aber schwer. Es ist Weltkunst.

Amy Blakemore & Edgar Leciejewski: Encounter; Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstraße 10; bis 25. November 2018, Di und Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-10 Uhr

Von Jens Kassner

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